Unse­re Alba­ni­en-Rei­se hat ihren Berg­fest-Zenit nun über­schrit­ten. Täg­lich wer­den wir von Ein­drü­cken über­flu­tet … täg­lich ler­nen wir offe­ne, freund­li­che, inter­es­san­te Men­schen ken­nen. Lang­sam ver­lie­ben wir uns förm­lich in das Land. Heu­te wachen wir in Ksa­mil auf, auf der gleich­na­mi­gen Halb­in­sel. Die Strän­de Ksa­mils sind wohl die schöns­ten in ganz Alba­ni­en. Das Was­ser ist ganz klar und tür­kis wie in der Kari­bik, der Sand ganz hell und fein. Noch vor 60 Jah­ren war hier nichts, nicht mal eine Men­schen­sied­lung. Dafür vor 3000 Jah­ren. Da begann die Geschich­te  von Butrint.

Butrint, das klei­ne Tro­ja ‑wie es auch genannt wird, war damals eine epi­ro­ti­sche Stadt, ihre Bewoh­ner Illy­rer. Eigent­lich war es eine freie Stadt bis sie 228 v. Chris­tus zusam­men mit Kor­fu unter das Römi­sche Pro­tek­to­rat fiel. Kei­ne 50 Jah­re spä­ter nahm der römi­sche Ein­fluss zu und die Stadt erblüh­te in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten zu einer Art Kul­tur­zen­trum des Römi­schen Rei­ches.

48 v. Chr. besuch­te Gai­us Iuli­us Cae­sar die Stadt und erklär­te sie zur Vete­ra­nen­ko­lo­nie. Doch der loka­le Grund­be­sit­zer Titus Pom­po­ni­us Atti­cus erhob dage­gen Ein­wän­de im Senat. Als Fol­ge die­ses Wider­stan­des erhielt die Stadt nur eine klei­ne Zahl von Kolo­nis­ten. Atti­cus, der rund um Butrint Län­de­rei­en besaß, wur­de von den Ein­woh­nern für sei­nen Erfolg gefei­ert und wur­de zu den ein­fluss­reichs­ten Per­so­nen der Stadt. Am Ufer gegen­über der Stadt ließ er sich die reich geschmück­te Vil­la Amal­tea errich­ten, die zu den wich­tigs­ten Aus­gra­bun­gen Butrints zählt.
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Schon eini­ge Jah­re spä­ter, im Jahr 31 v. Chr., kurz nach sei­nem Sieg über Mar­cus Anto­ni­us und Kleo­pa­tra, erneu­er­te Kai­ser Augus­tus die Plä­ne, Butrint zu einer Vete­ra­nen­ko­lo­nie zu machen. Neue Wohn­vier­tel, ein Aquä­dukt, ein Bad, ein Forums­kom­plex und ein Nym­phä­um wur­den gebaut. Auch das Thea­ter ließ man aus­bau­en. Wäh­rend die­ser Zeit ver­dop­pel­te sich die Grö­ße der Stadt, die in den nächs­ten Jahr­zehn­ten ihre höchs­te Blü­te­zeit erleb­te. Die vie­len Büs­ten und Sta­tu­en des Augus­tus, sei­ner Gemah­lin Livia und sei­nes Gene­rals Agrip­pa zei­gen die Bedeu­tung die­ser Per­sön­lich­kei­ten für Butrint. Die Stadt führ­te zu Ehren des Kai­sers den Namen Colo­nia Iulia (bzw. Augus­ta) Buthro­tum und präg­te als sol­che Mün­zen. Laut einer Inschrift und einer dane­ben ent­deck­ten Sta­tue war der Groß­va­ter des Kai­sers Nero, Luci­us Domi­ti­us Ahe­no­bar­bus, im Jahr 16 v. Chr. Stadt­pa­tron von Butrint.

Zu Beginn der 30er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts begann der Ita­lie­ni­sche Archäo­lo­ge Lui­gi Maria Ugo­li­ni mit der Erfor­schung der Rui­nen von Butrint. Ein Bap­tis­te­ri­um und das Thea­ter wur­den aus­ge­gra­ben. Heu­te, nach etli­chen wei­te­ren Gra­bungs­kam­pa­gnen, kann man hier außer­dem das Askle­pi­os-Hei­lig­tum, römi­sche Gebäu­de, ein Gym­na­si­on, den Tri­kon­chos-Palast, Res­te eines Aquä­dukts, ein Nym­phä­um, eine früh­christ­li­che Basi­li­ka und die Stadt­mau­er mit den See- und Löwen­to­ren besich­ti­gen.
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Vor 15 Jah­ren muss­te auch die Geschich­te des Schach­spiels neu geschrie­ben wer­den. Nahm man bis dahin an, dass Schach im Abend­land erst um das 12. Jahr­hun­dert (gewag­te Wis­sen­schaft­ler behaup­te­ten um das 9. Jahr­hun­dert) nach Chris­tus, auf­kam – so muss­te man sich revi­die­ren. In Butrint hat man Schach­fi­gu­ren gefun­den, die nach­weis­lich aus dem 6. Jahr­hun­dert stam­men.

Das konn­te Niki­ta Chruscht­schow noch nicht wis­sen als er 1959 vom Alba­ni­schen Dik­ta­tor Hoxha nach Butrint chauf­fiert wur­de. Für den Besuch des sowje­ti­schen Minis­ter­prä­si­den­ten befahl Hoxha sogar den Bau einer neu­en Stra­ße von Saran­de zu der anti­ken Stadt. Wenigs­tens etwas, das man Hoxha zu Gute schrei­ben kann. Der Bau der Stra­ße war der Beginn des heu­ti­gen Ortes Ksa­mil, in dem wir einen traum­haf­ten Tag und Abend ver­brach­ten.

Seit 1992 zählt die­se herr­li­che, anti­ke Stadt zum UNESCO Welt­kul­tur­er­be und seit dem Alba­ni­en sich geöff­net hat, zu sei­nen bedeu­tends­ten Sehens­wür­dig­kei­ten. Wir möch­ten Sie, in aller Ruhe, ohne Zeit­druck, besich­ti­gen – des­halb zie­hen wir es vor am Vor­mit­tag den Rui­nen einen Besuch abzu­stat­ten. Die Eulen­kö­ni­gin hat in irgend­ei­nem Blog gele­sen, dass hier sogar geba­det wer­den kann. Die­se, wit­zig gemein­te, Äuße­rung – ver­an­lass­te den Raben­prin­zen, der sie sehr ernst nahm, zum Mit­füh­ren von Bade­sa­chen. Der gel­be Net­to-Kof­fer macht sich präch­tig auf unse­ren Auf­nah­men. Baden kön­nen hier ledig­lich Schild­krö­ten.
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Auf den sel­ben Stei­nen zu wan­deln wie 2065 Jah­re zuvor Gai­us Juli­us Cae­sar (4 Jah­re vor sei­nem Tod) ver­leiht der Sze­ne­rie so etwas wie Leben­dig­keit. An vie­len Stel­len müs­sen wir nicht ein­mal die Augen schie­ßen um uns vor­zu­stel­len wie das Leben hier frü­her pul­sier­te. Wie vor­letz­tes Jahr als wir auf Aris­to­te­les täg­lich Spa­zier­we­gen geschwebt sind.    

Ledig­lich Eins fin­den wir echt scha­de. Ab dem 5. Jahr­hun­dert blüh­te in der Stadt das Chris­ten­tum auf und Butrint bekam einen eige­nen Bischof. Das Bap­tis­te­ri­um und die Basi­li­ka wur­den im frü­hen 6. Jahr­hun­dert errich­tet. 1928 ent­deck­te die ita­lie­ni­sche archäo­lo­gi­sche Mis­si­on das Bap­tis­te­ri­um. Unver­gleich­lich schön ist … ähh sor­ry, soll vor allem der Mosa­ik­bo­den der Basi­li­ka sein. Er wur­de von Mosai­zis­ten aus Niko­po­lis erschaf­fen — ist aber, angeb­lich zum Schutz, mit Sand zuge­deckt. Es sind nicht die ers­ten Rui­nen die wir auf die­ser Welt besich­ti­gen — aber “zum Schutz zuge­schüt­tet” war noch kein Mosa­ik. Abge­sperrt, über­dacht, unter Glas … vie­les haben wir bereits erlebt … aber SAND????
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So pracht­voll sieht es übri­gens aus … wenn es alle paar Jah­re für weni­ge Tage “ent­hüllt” wird.

Nach dem Aus­flug in die Anti­ke gön­nen wir uns eine Erfri­schung im benach­bar­ten Restau­rant Livia … und star­ten zur nächs­ten Etap­pe unse­rer Ent­de­ckungs­tour. Heu­te gehts es 240 Kilo­me­ter Rich­tung Nor­den, in das nächs­te UNESCO Welt­kul­tur­er­be … die Stadt Berat. So schaf­fen wir einen klei­nen Rekord. Gji­ro­kas­ter, Butrint und Berat … DREI UNESCO Welt­kul­tur-Erbe-Stät­ten in 30 Stun­den.

Unter­wegs, fah­ren wir noch­mal durch Tepe­le­ne. Irgend­wo in den letz­ten 2–3 Tagen haben wir unser Ipad-Lade­ge­rät ver­ges­sen. Wir hal­ten beim Gino im Buj­ti­na Lord Byron. Was dann pas­siert glaubt hier­zu­lan­de kaum ein Mensch … in Alba­ni­en ist es nahe­zu selbst­ver­ständ­lich … und für uns ein Grund mehr bestimm­te Optio­nen für unse­re Zukunft zu über­den­ken.

Gino freut sich sicht­lich und ehr­lich über unse­ren klei­nen Stop bei ihm. In unse­rem Zim­mer hat nie­mand seit dem über­nach­tet aber lei­der ist dar Char­ger nicht hier (am Abend bekom­men wir eine Mail aus Korce, dass wir es dort ver­ges­sen haben). Wir setz­ten uns auf ein Bier­chen zu Gino in die Gast­stu­be, Ani­la ist auf Arbeit, die Kin­der in der Schu­le. Wir erzäh­len, wie vor zwei Tagen, mit Hän­den und Füßen .. paar Bro­cken Eng­lisch … lachen uns dabei fast kap­putt. Plötz­lich beginnt Gino ein­zu­de­cken … Tel­ler, BEsteck, Ser­vi­et­ten. Wir schau­en uns an . beschlies­sen aber still­schwei­gend eben hier unse­ren klei­nen Imbiss zu machen, statt irgend­wo unter­wegs. Tepe­le­ne liegt ziem­lich genau auf der Hälf­te der Stre­cke. Gino trägt etwas wie Reis­nud­deln oder Buch­wei­zen auf, in lecke­rer Soße dazu gegrill­tes Fleisch … alles sehr schmack­haft. Man muss wis­sen, Gino kocht für sein Leben gern und … kann es auch vor­züg­lich.

Die Zeit ver­rinnt, wir müs­sen wei­ter und wol­len bezah­len. Doch beim wol­len bleibt es auch. Als Gino Rabens Griff zur Geld­bör­se ent­deckt ver­fins­tert sich kurz sei­ne Mie­ne. Wir sind doch sei­ne Gäs­te … wir sind ein­ge­la­den … ich soll bit­te das Port­mo­nais weg­ste­cken. Wir sind beschämt und beglückt zugleich. Sol­che Gast­freund­schaft ken­nen wir nicht. Wir über­den­ken auf der Wei­ter­fahrt unser ach so zivi­li­sier­tes, west­li­ches Den­ken und Ver­hal­ten. Eins wird uns zuneh­mend kla­rer. So wie jetzt (in Deutsch­land) wol­len wir nicht wei­ter Leben. Es ent­spricht nicht unse­rer Men­ta­li­tät … viel­leicht sind die schle­si­schen Wur­zeln zum Teil dar­an schuld, viel­leicht auch was ande­res.

Wir bedan­ken uns herz­lichst und ver­ab­schie­den uns von Gino. Kei­ne zwei Stun­den spä­ter sind wir in Berat.
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