Georgien — Freunschaft auf den ersten Blick

Geor­gi­en??? Krieg, Gewalt, Kri­mi­na­li­tät, Mafia — Seid ihr jetzt völ­lig über­ge­schnappt? Und dann noch in die abge­le­gens­ten Regio­nen. Die Reak­tio­nen unse­rer Freun­de und Fami­li­en auf die Aus­wahl unse­rer Rei­se­zie­le ken­nen wir bereits. Hej Leu­te, ist ja echt put­zig und süß von Euch. Wie immer stimmt kein ein­zi­ges Vor­ur­teil deut­scher Schäf­chen mit der Rea­li­tät über­ein. Im Gegen­teil — wir wer­den von unbe­schreib­li­cher Herz­lich­keit und Gast­freund­schaft der Geor­gi­er schier über­wäl­tigt.

Bera­tungs­re­sis­tent (was die “über­legt es euch noch­mal” Stim­men angeht) und Stolz lan­den wir am Sonn­tag-Nach­mit­tag mit­ten im Mai auf dem klei­nen, net­ten Flug­ha­fen von Kutai­si in West­ge­or­gi­en. Vier Stun­den Flug ver­gin­gen wie im .… Flug. Auch wenn es hier kei­ne ein­zi­ge Bou­tique gibt (das führt bei Eul­chen auf dem Rück­flug zu depres­si­ven 5 Minu­ten;))) — bekommt man hier alles was der Tou­ri zum “über­le­ben” braucht. Den net­ten Mann der ein Mega-Schild mit unse­rem Namen hält — kann man nicht über­se­hen. Der Ankunfts­be­reich ist nicht grö­ßer als unse­re Woh­nung. Er hat’s nicht eilig. Wir sol­len in Ruhe alles erle­di­gen. Wir zap­fen die ers­ten Lari aus einem Geld­au­to­ma­ten und bestü­cken unser “Rou­ting-Navi­ga­ti­ons-Dritt­han­dy” mit einer loka­len SIM … zum Spott­preis übri­gens, 30GB für umge­rech­net ’n Zeh­ner.

Kurz dar­auf begrüßt uns Kakha strah­lend. Er betreibt in Kutai­si ein Guest­house, ein klei­nes Büro das Tou­ren und Aus­flü­ge für Tou­ris­ten orga­ni­siert und neben­bei wird hin und wie­der auch einer sei­ner drei Jeeps ver­mie­tet. Alles läuft völ­lig unkom­pli­ziert und unbü­ro­kra­tisch, bereits ab dem ers­ten Kon­takt vor über einem hal­ben Jahr. Der Rabe hat eng­lisch­spra­chig im geor­gi­schen Inter­net gesucht und wur­de fün­dig. Per Whats­app han­deln wir alles nöti­ge aus — fer­tig. Jaaa — ich weiß — ein typi­scher Deut­scher wür­de Fie­ber, Zit­tern und Krät­ze bekom­men bei dem Gedan­ken nicht alles gere­gelt, ver­si­chert und sechs Mal schrift­lich bestä­tigt — (und das jeweils vom Ver­mitt­ler, Ver­mie­ter und Ver­si­che­rer) — aber so läuft das nun mal in man­chen Ecken die­ser Welt .… und es ist gut so. (Eini­ge Sei­ten Papier wer­den vor Ort unter­schrie­ben, natür­lich)

Für rund 450 Dol­lar bekom­men wir einen gut ein­ge­fah­re­nen (10 Jah­re ~ 120 000 Km) Mitsu­bi­shi Paje­ro. Top Hard­ware um in ent­fern­te Regio­nen des Kau­ka­sus zu kom­men. Krat­zer, Del­len, Beu­len inter­es­sie­ren weder Kakha noch uns, weder bei der Über­ga­be noch bei der Rück­ga­be. Der Rabe lässt sich noch schnell die Zau­ber­kräf­te der Maschi­ne erklä­ren (SS4-II Super Select All­rad­an­trieb, Vor­der­achs­dif­fe­ren­ti­al, sperr­ba­res Zen­tral­dif­fe­ren­ti­al mit Vis­ko­kupp­lung, elek­tro­ni­sche Trak­ti­ons­kon­trol­le, Gelän­de­un­ter­set­zung) und es geht los.

Unse­re Fahrt­rich­tung steht bis zum letz­ten Moment nicht fest. In den schwer zugäng­li­chen Berg­re­gio­nen des Kau­ka­sus, sol­len von Regen und Gewit­tern heim­ge­sucht wer­den. Da die Wet­ter­apps nicht ein­mal das gest­ri­ge Wet­ter genau ansa­gen kön­nen beschlie­ßen wir am Vor­tag doch auf “Risi­ko” zu gehen. Wir steu­ern Rich­tung Gro­ßer Kau­ka­sus. Bis in die Ber­ge sind es gut 300 Kilo­me­ter. Auf geor­gi­schen Stra­ßen und Berg­schot­ter­pis­ten sind das locker 5–7 Stun­den Fahrt. Wir suchen uns unge­fähr auf der Hälf­te ein Quar­tier. Zuvor wol­len wir aber noch eine Sowje­ti­sche inge­nieur-tech­ni­sche Meis­ter­leis­tung mit eige­nen Augen sehen.

Enguri Staudamm

Den Engu­ri Stau­damm. Er ist mit 750m Brei­te und 271,5 m Höhe das größ­te Bau­werk im Kau­ka­sus. Eini­ge Zeit war er das größ­te gewölb­te Bau­werk der Welt. (seit 2012 ist es ein Stau­damm in Chi­na). Defi­ni­tiv ist die Stau­mau­er die fünft­höchs­te auf der Welt. Das dazu­ge­hö­ri­ge unter­ir­di­sche Was­ser­kraft­werk pro­du­ziert jähr­lich rund 4,5 Mil­li­ar­den Kilo­watt­stun­den. Das deckt fast 50 % des Strom­ver­brauchs Geor­gi­ens. Meh­re­re Quel­len behaup­ten — der Engu­ri-Damm wäre, dank der ihn umge­ben­den Berg­land­schaft, einer der schöns­ten Däm­me der Welt.


(diese atemberaubende Aufnahme stammt ausnahmsweise nicht von uns sondern von den Profis vom Urbexplorer.com)

Der Fluss Engu­ri bil­det einen Teil der Gren­ze zum abtrün­ni­gen Abcha­si­en. Stau­mau­er und Kraft­werk ste­hen auf Geor­gisch kon­trol­lier­tem Gebiet — Trans­for­ma­to­ren und ande­re tech­ni­sche Ein­rich­tun­gen auf Abcha­si­schem Gebiet. Inter­es­sant ist, dass man beim Strom — trotz erbit­ter­ter Feind­schaft — zusam­men­ar­bei­ten kann. Die Navi­ga­ti­ons-Apps tun sich schwer. Wir bewe­gen uns im Grenz­ge­biet zu einem ver­fein­de­ten Staat. Der Damm ist trotz sei­ner gewal­ti­gen Aus­ma­ße von geor­gi­scher Sei­te nicht zu sehen. Wir fol­gen unse­rem Gefühl und schlän­geln uns zwi­schen zwei Ber­gen soweit wie es geht ran, bis wir auf ein­mal vor einen Tor mit zwei Wach­män­nern ste­hen. Das Gelän­de ist weit­räu­mig ein­ge­zäunt. Wir par­ken im gebüh­ren­den Abstand, der Rabe kämpft mit den Fens­ter­he­bern unse­res Jeeps. Die­se wol­len unbe­dingt in der Mit­te zum Ste­hen kom­men. Einer der Män­ner kommt auf uns zu. Unse­re Befürch­tung es könn­te haa­rig wer­den zer­streut sich in Sekun­den. Der Mann will uns nur hel­fen das Fens­ter Pro­blem zu lösen. Nach ein paar Wor­ten und einem gemein­sa­men Ziga­ril­lo — ist das Fens­ter end­lich zu und wir dür­fen hin­ter den Zaun. 

Die letz­ten paar Meter geht’s zu Fuß. Erst 100m vor dem Damm bekommt man ihn zu Gesicht. Mons­trös und wun­der­schön, gewal­tig und gleich­zei­tig anmu­tend wie ein Kunst­werk. Wir sind fas­zi­niert. Solch Schön­heit in solch abge­le­ge­nen Regio­nen — und wir sind erst seit vier Stun­den in Geor­gi­en — was wer­den wir noch alles erle­ben????


Wie sehr wir mit die­sen Gedan­ken Recht haben — wird uns in den fol­gen­den Tagen mehr­mals täg­lich bewusst.

Vom Damm sind es nur weni­ge Kilo­me­ter zu unse­rem Quar­tier. In einem klei­nen etwas abge­le­ge­nen Dorf, unweit Jva­ri, fin­den wir es. Das Haus der Fami­lie Matua — Wein­bau­ern seit Genera­tio­nen. Ein paar Haus­tie­re hal­ten sie auch und, seit dem die Kin­der zum stu­die­ren in die Haupt­stadt sind, ver­mie­ten sie ab und zu an Rei­sen­de.

Wir sind heu­te die Ein­zi­gen. Platz ist genug. Zwei sym­me­tri­sche Haupt­häu­ser sind durch einen Mit­tel­trakt ver­bun­den — auf dem eine 200 m² Ter­ras­se deut­lich macht — uns geht es gut. In Euro­pa wäre es unbe­zahl­bar und sicher von einem Pro­mi bewohnt. Es beginnt zu grau­en. In Geor­gi­en wird es wegen der zwei über­sprun­ge­nen Zeit­zo­nen zwei Stun­den eher dun­kel. Dass Geor­gi­er tra­di­tio­nell eine unver­gleich­li­che Gast­freund­schaft pfle­gen wuss­ten wir im Vor­aus — was uns bei Jew­dok­ja und Abel wider­fährt lässt unse­ren west­eu­ro­päi­schen Kul­tur­kreis in vie­ler­lei Hin­sicht echt blass aus­se­hen.

Schon bei der Begrü­ßung funkt es — spür­ba­re Sym­pa­thie erleuch­tet die Stim­mung. In den fol­gen­den Stun­den und am Fol­ge­tag keimt dar­aus eine klei­ne Freund­schaft. Es ist vom unschätz­ba­ren Wert, dass der Rabe mal frü­her (vor 35 Jah­ren) fast flie­ßend Rus­sisch gespro­chen hat. Zuerst aber kön­nen wir uns unser Nacht­la­ger aus­su­chen. Es gibt hier zwei Dop­pel­zim­mer und ein Appar­te­ment — unter­schied 6€ — ein Lacher. Natür­lich näch­ti­gen die Eulen­kö­ni­gin und der Raben­prinz stan­des­ge­mäß. Allein das Schlaf­ge­mach ist gut 40m² groß — dazu ein rie­si­ger Salon und ein sehr groß­zü­gi­ges Bad — alles für umge­rech­net 26€. Geor­gi­en live eben😊 Jew­dok­ja ist Ukrai­ne­rin und erst vor 30 Jah­ren nach Geor­gi­en gekom­men … der Lie­be wegen. Rus­sisch, Ukrai­nisch, Pol­nisch alles ver­wand­te Spra­chen. Wir sind glück­lich, end­lich kön­nen wir uns frei unter­hal­ten, erzäh­len, fra­gen, wit­zig sein. Rabens Rus­sisch wird schon an die­sem Abend immer bes­ser ‚spä­ter im Ver­lauf der Rei­se, fal­len ihm sogar kom­pli­zier­te­re Voka­beln wie­der ein. Auch unse­re Gast­ge­ber sind neu­gie­rig. Zum ers­ten mal kön­nen sie etwas über das Leben in Gjer­man­ja erfah­ren. Es waren schon Deut­sche hier, spra­chen aber nur Eng­lisch.

Neben­bei, fast unbe­merkt, deckt Jew­dok­ja im Hof einen gro­ßen Tisch ein. Immer wie­der ent­schwin­det sie unbe­merkt in die Küche und berei­tet auch noch das Abend­mahl für uns zu. Wir dür­fen wäh­rend­des­sen schon mal unse­ren ers­ten geor­gi­schen Wein kos­ten — den gibt’s hier ein­fach über­all. Ihn auf einem Wein­gut zu trin­ken ist ein traum­haf­tes Erleb­nis. Abel schenkt uns ein … wei­ßen (der hier fast rose ist) und roten ein. Dann wird eine Karaf­fe voll­ge­macht. Zum Schluss wird aus dem “Rog” getrun­ken — aus dem Horn. Das Eul­chen lernt: das Horn muss man aus­trin­ken … abstel­len kann man es nicht 😊 Auch einen 38m tie­fen Brun­nen gibt’s hier — das kris­tall­kla­re Berg­was­ser ist erfri­schend kühl und schmeckt vor­züg­lich. Jew­dok­ja beginnt auf­zu­tra­gen. Wir den­ken zuerst es ist für vier. Nein, alles für uns … und das Auf­tra­gen geht im 10min Takt wei­ter. Immer neue­re Lecke­rei­en, deren Namen wir kaum aus­spre­chen kön­nen … Blin­chi­ki, Qat­mis, Chkhi­re­bi uvm. Alles für uns abso­lut neu, exo­tisch, pikant, wür­zig den­noch nicht scharf, vor allem aber unnach­ahm­lich lecker. Dazu fließt der Wein … und es wird noch lang ange­regt debat­tiert. Ein herr­li­cher ers­ter Abend unter Geor­gi­schem Him­mel.

Wir schla­fen in unse­rer feu­da­len Sui­te wie Babys — zehn Stun­den unun­ter­bro­chen. Nicht nur der Wein und die fri­sche Luft tra­gen dazu bei — auch das Bett. Fast alle Bet­ten in denen wir in Geor­gi­en näch­ti­gen dür­fen sind aus mas­si­ven Holz. HOLZ!!! Nicht wie in unse­ren Brei­ten­gra­den Holz­pro­duk­ten … Sperr­holz, Leim­holz, Press­holz, bil­li­gen Kie­fern­holz oder Kunst­soff. Kein wackeln, kein quiet­schen, nichts ist lawe­de. Kei­ne zwei Tage spä­ter erzählt uns ein Swa­ne eine Geschich­te aus sei­ner Fami­lie, die bezeugt wie wich­tig den Geor­gi­ern ihr Bett ist😊 (Dazu mehr im Bei­trag über Swanetien/Kaukasus)

маленькая дружба — Kleine Freundschaft

Jew­dok­ja, die wir seit ges­tern Abend Dus­ja (das ist ihr Kose­na­me) — nen­nen dür­fen berei­tet uns ein phä­no­me­na­les, geor­gi­sches Früh­stück. Unnö­tig zu sagen, dass alles was hier auf den Tisch kommt aus­schließ­lich aus eige­ner Zucht/Anbau/Herstellung stammt. Abel zeigt der Eulen­kö­ni­gin der­weil die Tier­stal­lun­gen und den Obst­gar­ten. Ein Schock für uns ord­nungs­ver­wöhn­te Deut­sche. Solch eine Ord­nung und Sau­ber­keit haben wir in unse­rem Leben noch nicht erlebt. Nir­gend­wo auch nur ein “Kleks” und das bei 30 Hüh­nern und etli­chen Puten. Auch zwei Schwei­ne und eine Kuh mit einem Kalb hau­sen hier .… und … nichts, kei­ne Fla­den, kei­ne Hau­fen, kein Unrat, kein Müll … alles säu­ber­lichst gerecht und gekehrt. Die Tie­re sind bes­tens ernährt und gepflegt — haben Aus­lauf und Frei­heit sich über­all zu bewe­gen. Der Umgang mit Tie­ren ist in vie­len sol­chen Län­dern ein völ­lig ande­rer als bei uns.

Noch vor dem Essen bekom­men wir ein Wein­horn geschenkt — aus Ton, rund­her­um ver­ziert und bunt ange­malt. Eine sehr schö­ne Hand­ar­beit — ob alle Gäs­te hier so emp­fan­gen wer­den? Ein­zig­ar­tig die­se Gast­freund­schaft — es über­trifft alles was wir über die­ses Land gele­sen haben.

Nach dem Früh­stück wer­den wir ins Haus ein­ge­la­den … in das pri­va­te Hei­lig­tum des Geor­gi­ers. Dus­ja zeigt uns stolz die Küche. Abel ist stolz auf das gro­ße Zim­mer, zeigt dem Raben “sei­ne” Biblio­thek. Hier­her zieht er sich zurück wenn er Ruhe braucht. Dar­in vie­le Erin­ne­rungs­stü­cke und Fotos von Fami­lie und Freun­den. Als Bur­sche spiel­te Abel bei der Jugend von Dîna­mo Tif­li­si zusam­men mit einem der bekann­tes­ten Geor­gi­schen Fuß­bal­ler. Wer denkt schon, dass ein Bau­er eine Biblio­thek hat oder fast Pro­fi­fuss­ba­ler war???

Das Schlaf­zim­mer und die Kin­der­zim­mer zeu­gen eben­falls vom Wohl­stand — und das sind nur die Räu­me eines der bei­den Haupt­häu­sern. Im ande­ren befin­det sich untern ein Raum das locker als gro­ßes Restau­rant die­nen könn­te .. mit super edlen Boden­flie­ßen aus­ge­legt. Dar­in wird die Hasel­nuss­ern­te zum trock­nen gela­gert. Die Eulen­kö­ni­gin hilft zugleich beim Sor­tie­ren.


man beach­te die Flie­ßen — der Ham­mer

Wir wis­sen, dass wir heu­te wei­ter wol­len — Rich­tung Kau­ka­sus — Swa­ne­ti­en. Eigent­lich haben wir beschlos­sen, dort wo es schön ist län­ger zu blei­ben. Das hal­ten wir bei die­ser Rei­se nicht ein. Die Neu­gier ist zu groß — es gibt soviel zu ent­de­cken. Aber bereits am ers­ten Abend bei den Matuo’s wis­sen wir 1000%ig — dass es nicht das letz­te Mal ist, dass wir die­ses para­die­si­sche Land berei­sen. Wir ver­ab­schie­den uns und ver­spre­chen im nächs­ten Jahr wie­der zu kom­men. Die klei­ne Freund­schaft pfle­gen wir nach der Rück­kehr wei­ter .. per Email .. schön. Bis bald Freun­de!

.

12 Kilometer getanzt — Let’s dance mal ganz anders

Ein irr­wit­zi­ger Titel? Nicht im Gerings­ten. Die Geschich­te nahm vor über 40 Jah­ren ihren Anfang als ein net­tes Ehe­paar beschloss einem zwei­ten Kind das Leben zu schen­ken. Mög­li­cher­wei­se war es auch ein Zufall😉 so genau weiß der Rabe das nicht. Oli war jeden­falls gebo­ren und ges­tern fei­er­te er die­sen Tag zum vier­zigs­ten Mal.

Als uns sei­ne Ein­la­dung erreich­te zöger­ten wir anfäng­lich. Ken­nen wir da jeman­den? Pas­sen wir da rein? Wir zöger­ten aber nur kurz. Die avi­sier­te Mot­to-Par­ty (six­ties and seven­ties) und Kos­tümpf­licht das ist genau unser Ding. Wenn wir was tun dann 100 Pro­zent. Noch am sel­ben Tag enter­ten wir also den ein­zi­gen erfur­ter Kos­tüm­ver­leih und hat­ten da bereits eine hal­be Stun­de Gau­di beim Aus­su­chen wit­zi­ger Kla­mot­ten. Die­ser Spaß uns uns jedes Mal ein klei­nes Ver­mö­gen wert.
.
.
Vier Tage spä­ter ist es soweit. Ab 18 Uhr füllt sich das ange­mie­te­te Lokal mit uns bekann­ten und unbe­kann­ten Gesich­tern. Erstaun­lich und erfreu­lich — alle kos­tü­miert. Selbst ein Teil der Rent­ner-Frak­ti­on kommt wit­zig geklei­det . Es sind die herr­lichs­ten Kos­tü­me dabei …

.
.
Der ange­heu­er­te DJ Andre­as, Sta­di­on­spre­cher beim Dritt­li­gis­ten Sach­sen­ring Zwi­ckau, kann sei­ne Begeis­te­rung und Bewun­de­rung nicht ver­ste­cken. Noch NIE ist es ihm pas­siert, dass die Tanz­flä­che schon Stun­den vor der Buf­fet Eröff­nung voll war … und … bis zum Schluss, unun­ter­bro­chen voll blieb. Der Mann mach­te aber auch ’ne gei­le Mucke — wie­der Voll­tref­fer — wir lie­ben das Tan­zen. Es ist eine unse­rer belieb­tes­ten Sport­ar­ten. Zwi­schen Gehen, Wan­dern, Schwim­men, Rücken­schu­le, Bad­min­ton, Ten­nis und Sex:-) ist Tan­zen auf einem guten Platz in den Medail­len­rän­gen 😉😉😉 Wir kön­nen uns bis zur Erschöp­fung in Tran­ce .…. tan­zen 😉. Wäh­rend die­ser Par­ty mes­sen wir den sport­li­chen Auf­wand. Eul­chens Schritt­mes­ser der Fir­ma Fit­bit darf der Par­ty knapp ober­halb des Schritts😉, am Sli­prand bei­woh­nen. Das put­zi­ge klei­ne Gerät misst von 18:30 (ers­te Run­de auf der Tanz­flä­che) bis Mit­ten­acht (da nullt sich das Ding) 18632 Schrit­te. Sum­ma Sum­ma­rum HABEN WIR ZWÖLF KILOMETER GETANZT — der Ham­mer. Bei manch einer Wan­de­rung kom­men wir nicht in die­se Regio­nen. (Die Schrit­te vor der Par­ty und die Tanz­run­den nach MIt­ter­nacht haben sich auf­ge­ho­ben).

Die Par­ty war ein vol­ler Erfolg. Rund 60 Fei­er­lus­ti­ge und Fami­li­en­mit­glie­der kamen zusam­men. Ramo­na, die knuf­fi­ge neue Freun­din des Jubi­lars, hat den Saal zucker­süß deko­riert. Ein tür­ki­scher Freund und Gas­tro­nom sorg­te mit einem Grillbuf­fet und vie­len Sala­ten sowie phan­tas­ti­schen Kuchen­va­ria­tio­nen für die drin­gend not­wen­di­ge Stär­kung des tanz­wü­ti­gen Völk­chens.
.
.
Oli und Ramo­na küm­mer­ten sich uner­müd­lich um Ihre Gäs­te — Hut ab und Respekt — bei­de waren immer über­all und hat­ten Zeit für ein Plausch. Wir, die Thü­rin­ger Abord­nung amü­sier­ten uns köst­lich — haben uns in Ekta­se getanzt     und die dabei ver­brann­ten Kalo­ri­en am Buf­fet mehr­fach wie­der auf­ge­nom­men. Übri­gens geknutscht wur­de auch wie wild:)
.

.

 

 

 

 

 

 

 

Lie­ber Oli — noch­mal Dan­ke für die Ein­la­dung und die herr­li­che Par­ty. Wir freu­en uns auf den Fünf­zigs­ten. Lie­be Ramo­na, es hat Spaß gemacht Dich näher ken­nen zu ler­nen.

 

Berat — zwischen Mittelalter und Orient

Nach einer ange­neh­men Fahrt über meist gut aus­ge­bau­te Ver­bin­dun­gen lan­den wir gegen Nach­mit­tag in Berat. Ob es die schöns­te Stadt in Alba­ni­en ist oder „nur“ eine der Schöns­ten – wir wol­len uns, auch nach zwei Tagen hier, nicht fest­le­gen. So vie­le Men­schen kön­nen jeden­falls nicht irren. Schon 1961 wur­de Berat zur Muse­ums­stadt ernannt,  2008 zum UNESCO Welt­kul­tur­er­be. Um hier das Flair des Ori­ents und des Mit­tel­al­ters ein­zu­at­men ver­zich­ten wir auf  Vlo­re, eine gro­ße Hafen- und Tou­ris­ten­stadt — aber auf Mas­sen­tou­ris­mus ste­hen wir eh nicht.

Wir benö­ti­gen zwei Lan­de­ver­su­che um an unse­rer heu­ti­gen Über­nach­tung anzu­do­cken. Die manu­el­le Ein­ga­be der Adres­se führt uns zuerst in die Mit­te eines gro­ßen Kreis­ver­keh­res am Stadt­rand. Die Göög­li-Mäps Tan­te behaup­tet steif und fest m Ziel zu sein. Das Eul­chen läuft der­weil blass an. SIE hat das traum­haf­te Guest­house Omer, im his­to­ri­schen Stadt­teil Man­ga­lem aus­ge­sucht. Hmmm, von Alt­stadt ist hier nix zu sehen.

Der Rabe reka­li­briert  die Navi­ga­ti­ons­ein­heit mit den Ziel­ko­or­di­na­ten aus der Buchungs-App und … Voi­la – wir sind inmit­ten des berühm­ten Vier­tels Man­ga­lem. Eul­chen ist sicht­lich erleich­tert, miss­traut der Lage aber immer noch. Kein Wun­der, nir­gend­wo ist etwas von OMER zu lesen — so heißt unser heu­ti­ges Quar­tier.

  • Das Eul­chen fragt „Bist Du ganz …“   —    „Ja“ fällt der Rabe ins Wort, ahnend was jetzt kommt.
  • Bist Du wirk­lich sicher, dass wir ….“   —    „Jaaaaa“ ent­ge­gent der Rabe ganz ruhig
  • Bist Du wirk­lich sicher, dass wir hier rich­tig sind?“   —    „Jaaaaaaaaa, bin ich“ Rabe immer noch völ­lig gelas­sen und lächelnd.

So ganz sicher ist sich der Rabe nicht, nur zu etwa 98,354% aber er soll­te Recht haben. Eini­ge Jugend­li­che beob­ach­te­ten die lus­ti­ge Sze­ne und eilen zu Hil­fe. Wir ste­hen GENAU vor dem Guest­house — nur ein Schild hat Omer nicht ange­bracht. Viel­leicht bes­ser so. Stän­dig wür­de jemand klin­geln, fra­gen, ein­fach nur stö­ren.
.
.
Eine jun­ge Frau mit ihrer Teen­ager-Toch­ter kommt schon strah­lend auf uns zu. Sil­vja kann noch schlech­ter Eng­lisch als wir:), lacht aber und bemüht sich sehr. Die Toch­ter zeigt uns unser Zim­mer und erklärt uns alles — auch eine ganu net­te und lus­ti­ge. Das Haus ist total lie­be­voll ein­ge­rich­tet, steckt vol­ler prak­ti­scher Design-Kunst­wer­ke aus Holz und Rohr­ma­te­ri­al. Man spürt die Lie­be zum Detail an jeder Stel­le. 

 

Ob Tür­fut­ter, Holz­rah­men, Tische, Stüh­le, Bet­ten, Rega­le – alles strahlt eine Wär­me aus – auf einer Ver­pa­ckung im Bau­markt wür­de das Prä­di­kat „Lie­be­voll hand­ge­macht“ ste­hen.

 

.

Gorice — die Ruhe am anderen Ufer

Wir par­ken unser Miet­wä­gel­chen hin­ter der Xha­mia e Beqarë­ve, der Jung­ge­sel­len-Moschee, die genau neben „unse­rem“ Haus steht. Die ers­te Ende­ckungs­tour führt uns auf die gegen­über­lie­gen­de Sei­te des Osum in den Stadt­teil Gori­ce. Es ist das zwei­te von drei Vier­teln, die gemein­sam die „Alte Stadt“ bil­den. Das drit­te ist die rie­si­ge, bewohn­te Burg auf dem Hügel ober­halb von Man­ga­lem. Wir strei­fen durch die engen Gas­sen, zün­den im St.-Spyridon-Kloster Ker­zen für unse­re Liebs­ten (lei­der ist die Kir­che des Kon­vents für Besu­cher geschlos­sen) und fan­gen an zu begrei­fen war­um Berat – „Die Stadt der 1000 Fens­ter“ genannt wird.
.
.
Ein Blick auf das Ufer an dem wir woh­nen macht alle Beschrei­bun­gen über­flüs­sig. Wir sind wie­der ein­mal ver­zau­bert und begeis­tert. Gori­ca ist ein ruhi­ges Fleck­chen Erde mit den typi­schen, his­to­ri­schen, wei­ßen Häu­sern. Ledig­lich eini­ge Gast­stät­ten stö­ren die Ruhe der Ein­woh­ner. Das Leben spielt sich in Man­ga­lem ab und auf dem Bule­var­di Repu­bli­ka, der Fla­nier­mai­le im moder­nen Stadt­zen­trum.

Es ist spä­ter Nach­mit­tag. Wir suchen so lang­sam ein schö­nes Lokal für die Haupt­mahl­zeit des Tages. Men­schen­mas­sen bevöl­kern den Bou­le­vard, den angren­zen­den Park und die Tische der Cafés. Cafés gibt’s in Alba­ni­en mehr als Bewoh­ner – und das hat sei­nen Grund wie auch die gro­ße Zahl Men­schen auf der Stra­ße.

Xhiro  — der abendliche Spaziergang

Hier in Berat gibt es, wie in ganz Alba­ni­en, eine Tra­di­ti­on. Sie heißt Xhi­ro. Alba­ner jeden Alters spa­zie­ren am spä­ten Nach­mit­tag durch ihre Städ­te und Dör­fer, tref­fen Bekann­te und Freun­de, trin­ken Kaf­fee oder Spie­len Schach, Back­gam­mon oder Domi­no. Haupt­sa­che die Stim­mung ist locker, man läuft etwas und kann sich unter­hal­ten.
.
.
Wir haben älte­re Men­schen gese­hen, die zwei Stun­den und län­ger, qua­si im Kreis, durch ihr Dorf lau­fen. Irgend­wann tref­fen sie dann doch jeman­den zum Erzäh­len, und wenn nicht, haben sie sich jeden­falls bewegt.
.
.
Wir heu­ern im „WilDor“ an – tra­di­tio­nell ara­bi­sche Küche, guter Haus­wein, Eins der weni­gen Loka­le mit wenigs­tens ein paar Stüh­len drau­ßen. Die Bedie­nung ist nett, das Essen kei­ne Revo­lu­ti­on aber wir sit­zen im Her­zen des Gesche­hens. Beob­ach­ten das abend­li­che Trei­ben auf der Haupt­ader der City. Tou­ris­ten, Bewoh­ner: Jung und Alt, Pär­chen: ver­liebt und sich fast fremd, Roma mit einer Esel- und Pfer­de-Kara­wa­ne zwi­schen all den Autos und Bus­sen. Wer braucht da noch das Fern­se­hen.
.
.
Wir sin­nie­ren lan­ge über das Leben, sei­nen Sinn und unse­ren Wil­len es zu bestim­men. Wir sind Glücks­kin­der … haben es geschafft.
Spät abends fal­len wir in unser zucker­sü­ßes Bett­chen.
.

Engelshaar und Zuckergeld

Am Mor­gen fällt eins auf. Wir sind in einem mus­li­mi­schen Vier­tel auf­ge­wacht … aber nicht weil ein Muez­zin uns wach gesun­gen hat. Von kei­nem der vie­len Mina­ret­te hört man ein Lied. Auch hier schei­nen Bek­ta­schi, Ale­vi­ten, Sufi oder Der­wisch zu leben. Erst jetzt wird uns klar, dass wir ges­tern in Gori­ce nur christ­li­che Got­tes­häu­ser gese­hen haben. Bei­de Vier­tel lie­gen Seit an Seit über den Fluss, seit über 1000 Jah­ren. Auch hier scheint es zu funk­tio­nie­ren mit der Tole­ranz und gegen­sei­ti­ger Ach­tung der Reli­gio­nen.
.
.
Wir hören Sil­vja im Haus wirt­schaf­ten. Was dann pas­siert ver­schlägt uns den Atem. Die Gast­freund­schaft der Alba­ner ist sagen­haft und unnach­ahm­lich. Wir wur­den über­all ver­wöhnt. Das Früh­stück war über­all frisch, lecker, gesund und reich­lich – aber Sil­vja über­trifft alles. Kaf­fee, Tee, fri­sche Säf­te nach Wunsch, haus­ge­mach­ter Zie­gen-Joghurt, Gli­ko (gelee­ar­tig ein­ge­leg­te Früch­te), ein rie­sen Obst­tel­ler und alba­ni­sche Süß­spei­sen – heu­te mor­gen extra für uns geba­cken … der hel­le Wahn­sinn.
.
Es gibt Kadaif, auch Engels­haar genannt, aus fei­nen Teig­fä­den mit einer Fül­lung aus Man­deln oder Wal­nüs­sen und Zucker­si­rup zube­rei­tet, und She­qer­pa­re („Zucker­geld“) — geba­cke­ne Klöß­chen in Zucker­si­rup ein­ge­legt. Unse­re Süßig­kei­ten-Spe­zia­lis­tin kos­tet nur vor­sich­tig – der Rabe kann sei­ne Ver­zü­ckung kaum ver­ste­cken. Wir heben die Haus­her­rin in den Him­mel, loben das Haus, scher­zen gegen­sei­tig (wie­der mit Hän­den, Füßen und dem Goog­le­trans­la­ter) und kugeln uns vor Lachen. Zum wie­der­hol­ten Mal bekom­men wir das Kom­pli­ment das net­tes­te und lus­tigs­te Gäs­te-paar, das hier je da war, zu sein. Wir erfah­ren, dass OMER, der eigent­li­che  Namens­ge­ber und Besit­zer des Hau­se der Schwa­ger von Sil­vja ist.
.

Es dau­ert nicht lan­ge da ler­nen wir auch Omer ken­nen. Ein sym­pa­thi­scher, jun­ger dis­tin­gu­ier­ter Mann. Char­mant, wit­zig, spricht flie­ßend eng­lisch. Wir ver­ste­hen uns auf Anhieb – sind Omer offen­sicht­lich sym­pa­thisch. Omer zählt zur jun­gen, gut aus­ge­bil­de­ten, auf­stre­ben­den Mit­tel­schicht in Alba­ni­en. Er hat 6 Jah­re lang Hol­z­in­ge­nieur­we­sen in Tira­na stu­diert. Dazu 4 Jah­re Jura an der Uni­ver­si­tät von Berat – ein Jahr lang par­al­lel. Er ist bis heu­te Sin­gle … hat­te “kei­ne Zeit” 🙂 für eine ernst­haf­te Bezie­hung gefun­den. Dafür führt er mit sei­nem Bru­der, dem Mann von Sil­vja, eine Holz­ma­nu­fak­tur wo vier Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt wer­den, eine Bar nah des Uni-Cam­pus wo er sechs Ange­stell­ten Arbeit gibt und die­ses Gast­haus. Omer lädt uns in sei­ne Bar ein – wir wer­den ver­su­chen ihn zu besu­chen.

Königsmoschee und Halveti-Tekke

Zuerst aber bedan­ken wir uns bei Sil­vja für ihre fan­tas­ti­schen Back­küns­te und das lecke­re Früh­stück. Sie freut sich rie­sig – fragt uns ob sie Bil­der ins Face­book stel­len darf … natür­lich. Wie­der haben wir das Glück so offe­ne, net­te und wit­zi­ge Men­schen ken­nen zu ler­nen, In Alba­ni­en scheint es nahe­zu täg­lich der Fall zu sein. Zu Hau­se ver­mis­sen wir das Gefühl zuneh­mend. Sicher fal­len wir aus der Rei­he aber hier scheint unse­re Ver­rückt­heit nie­man­den zu brüs­kie­ren – im Gegen­teil – wir schei­nen Gleich­ge­sinn­te zu tref­fen. Scha­de, wir müs­sen uns ver­ab­schie­den … wol­len doch noch so viel sehen, hier in Berat.

Unser Auto las­sen wir beim Gast­haus ste­hen — es sind nur weni­ge Meter zu lau­fen. Man­ga­lem ist offen­sicht­lich ein altes ara­bi­sches Vier­tel. So dau­ert es nicht lan­ge bis wir auf die ers­te Moschee sto­ßen. Dass es gleich die wich­tigs­te in Berat und eine der bedeu­tends­ten in Alba­ni­en ist erfah­ren wir erst viel spä­ter. Die Xha­mia e Mbre­tit, die Königs-Moschee, wur­de 1492 vom osma­ni­schen Sul­tan Bay­e­zid II. errich­tet, daher auch der Name. Seit 1948 zählt sie zu den Kul­tur­denk­mä­lern Alba­ni­ens. Sie bil­det mit einer Kara­wan­se­rei aus dem 17. Jahr­hun­dert und der Hel­ve­ti-Tek­ke aus dem 18. Jahr­hun­dert einen gemein­sa­men Hof.

.
.
Die Moschee ist Men­schen­leer. Eul­chen zögert mit dem Ein­tre­ten, ist unsi­cher ob sie als Frau, ohne Kopf­tuch den Tem­pel über­haupt betre­ten darf. Da erscheint plötz­lich ein Mann – staat­li­che Erschei­nung, Ende fünf­zig, wie­der flie­ßend Eng­lisch spre­chend (wir  müs­sen unser Eng­lisch unbe­dingt auf­po­lie­ren) und lädt uns lächelnd ein, das Got­tes­haus zu besich­ti­gen. Es ist der Imam der Moschee. Er nimmt sich Zeit, führt uns rum und erklärt die His­to­rie wie die Gegen­wart.
..
Fas­zi­niert hören wir sei­nen Erzäh­lun­gen zu. Die Eulen­kö­ni­gin darf auf der Frau­en-Empo­re sogar in dem über 250 Jah­re alten Koran blät­tern. Als er uns spä­ter die Hal­ve­ti-Tek­ke zeigt und erläu­tert, betont er uns gegen­über wie sich die Men­schen ver­schie­de­ner Glau­bens­rich­tun­gen in Alba­ni­en seit Jahr­hun­der­ten ver­tra­gen.

Zusam­men ihre jewei­li­gen Fei­er­ta­ge fei­ern, sich gegen­sei­tig respek­tie­ren und ach­ten. Der Rabe über­setzt sei­nem Eul­chen was er den eng­lisch spra­chi­gen Aus­füh­run­gen des Imams ent­nimmt. An einer Stel­le „ergänzt“ der Rabe die Über­set­zung und erklärt, dass über­all sonst –  Sun­ni­ten und Schii­ten (bei­des Mus­li­me) nicht mit­ein­an­der aus­kom­men, und schlägt dabei mit sei­ner rech­ten Faust in die lin­ke Hand­flä­che. Als der Imam das sieht (viel­leicht ver­stand er auch etwas Deutsch) – wird sei­ne Stim­me fes­ter und er sagt sehr ein­dring­lich

HIER NICHT, hier in Albanien nicht.
Wir verstehen uns untereinander,
Es gibt keine Probleme.“

Wir sind geplät­tet und beein­druckt zugleich. War­um funk­tio­niert es in einem Land und woan­ders nicht??? Wie vie­le Kon­flik­te wer­den noch im Namen von Reli­gio­nen geführt??? Wie vie­le Men­schen wer­den noch ster­ben müs­sen im Namen Got­tes, wie auch immer er hei­ßen mag?

Eine Tek­ke ist das kul­tu­rel­le Zen­trum der Sufi-Brü­der­schaft – deren Glau­be auf dem Koran basiert aber bei Wei­tem nicht so ortho­dox aus­ge­legt wird. Das heu­ti­ge Gebäu­de der Hal­ve­ti-Tek­ke ist viel­leicht die herr­lichs­te Tek­ke Alba­ni­ens. Erbaut wur­de sie im Jah­re 1785 von Ahmet Kurt Pascha. Die Innen­wän­de des Haupt­raums mit Gale­rie sind mit Male­rei­en aus­ge­schmückt; beson­ders reich­hal­tig gestal­tet ist die Decke. Die Grä­ber in der Tür­be wur­den wäh­rend des Kom­mu­nis­mus ent­fernt. Die fünf Säu­len der Vor­hal­le der Tür­be sind aus Mar­mor und stam­men ursprüng­lich aus Apol­lo­nia.
.
.
Wir erkun­den Man­ga­lem wei­ter. Man wird das Gefühl nicht los, dass man in einer ande­ren Zeit ist. Das Ein­zi­ge was an das 21. Jh., erin­nert sind die Autos. Nach der aus­führ­li­chen Besich­ti­gung der Königs­mo­schee, schau­en wir uns die Hysen-Pascha-Moschee und die Blei­mo­schee nur von außen an. Weni­ge Meter von der Blei­mo­schee ent­fernt erzwingt sich die ortho­do­xe St Deme­tri­us Kathe­dra­le Auf­merk­sam­keit im Stadt­bild.
.

Impo­sant Außen – drin kein ganz gro­ßes High­light aber sehr schön.

Omer


Die Hit­ze macht uns lang­sam zu schaf­fen. Da war doch noch was. Wir lau­fen die Rru­ga Anti­pa­trea zurück zum Auto und fah­ren zum Cam­pus. Das Gebäu­de der Bera­ter UNI ist neu, vor weni­gen Jah­ren gebaut und erin­nert ein wenig an das Capi­tol in Washing­ton. Omer’s Honey-Bar ist nicht zu über­se­hen gleich neben dem Haupt­ge­bäu­de. Die Mit­ar­bei­ter sind infor­miert. Der ers­te der uns sieht meint gleich „Ihr seid Omer’s Gäs­te, stimmt’s?“
.
.
Omer kommt weni­ge Minu­ten spä­ter. Dies­mal erzählt er frei über sein Leben und über sei­ne Hoff­nun­gen. Wie­der lachen wir viel – viel­leicht will der Zufall, dass er nicht mehr lan­ge Sin­gle bleibt. Wir erzäh­len ein wenig von unse­ren Sehn­süch­ten. Die Zeit ver­geht wie im Flug. Als wir uns ver­ab­schie­den wol­len, erle­ben wir erneut wie tief alba­ni­sche Gast­freund­schaft ihre Wur­zeln schlägt. Auch ein jun­ger Mensch wie Omer – ist fast belei­digt als wir­be­zah­len möch­ten. Wir sind sei­ne Gäs­te!!! Bas­ta:)))
Bewun­derns­wert. Noch oft in Alba­ni­en und noch oft spä­ter wird uns bewusst wie fremd uns die west­eu­ro­päi­sche Umgangs­kul­tur ist. Viel näher füh­len wir uns sol­chen Län­dern wir Alba­ni­en und Polen.
.
.

Kala­ja – die leben­de Fes­tung

Von der Uni fah­ren wir die stei­le Stein­stra­ße zur Burg. Gji­ro­cas­ter lässt grü­ßen. Die Stra­ße ist so steil, dass die Räder unse­res Klein­wa­gens, im ers­ten Gang, teil­wei­se durch­dre­hen (es ist tro­cken). Ans Anhal­ten und Anfah­ren ist nicht zu den­ken. Eul­chen klam­mert sich still an den Griff­über Ihren Kopf.  Nach weni­gen Minu­ten errei­chen wir die Fes­tung. Eine Beson­der­heit!!! — die Fes­tung ist bewohnt. Das Burg­vier­tel besteht noch heu­te aus zahl­rei­chen klei­nen Stein­häu­sern. In den ver­win­kel­ten Gas­sen fin­den sich klei­ne ortho­do­xe Got­tes­häu­ser mit auf­wen­dig geschmück­ten Iko­nen. Eben­so fin­den sich die Rui­nen der Roten und der Wei­ßen Moschee und einer tür­ki­schen Kaser­ne auf dem Burg­berg. Sehens­wert ist eine römi­sche Zis­ter­ne, die noch bis ins 19. Jahr­hun­dert in Benut­zung war.

Wir strei­fen lan­ge zwi­schen den alt­ehr­wür­di­gen Rui­nen und ent­lang der bewohn­ten Gas­sen. Die Hit­ze zollt irgend­wann ihren Tri­but und so las­sen wir uns im Bier­gar­ten des Hotels Kala­ja nie­der. Zwei Korce küh­len uns ab und der Rabe tut es Sokra­tes gleich und recher­chiert.
.
.
Auf der Rück­fahrt von der Burg bestau­nen wir noch kurz die aus dem 17 Jh. Stam­men­de osma­ni­sche Stein­bo­gen­brü­cke über den Osum, die Ura e Goricës. Sie ist ein Wahr­zei­chen Berats und war bis 2011 die ein­zi­ge Ver­bin­dung zwi­schen Berat und Gori­ca. Heu­te ist sie nur noch für Fuß­gän­ger pas­sier­bar. Angeb­lich wur­de in einem Trä­ger der Brü­cke ein Mäd­chen gefan­gen gehal­ten — als Opfer­ga­be für die Fluss­geis­ter, die gegen den Bau einer Brü­cke waren. Das Mäd­chen starb den Hun­ger­tod. Ob die Legen­de stimmt weiß man nicht. Eine Nische wur­de bei der Restau­rie­rung aber wirk­lich ent­deckt.
.
.
Bye, bye Berat. Auch hier­her wer­den wir wohl wie­der­keh­ren. Die Stadt ist ein­fach wun­der­schön und gern wür­den wir auch Omer und sei­ne Fami­lie wie­der­se­hen. Der­weil hal­ten wir über (neu­mo­disch) soci­al media Kon­takt – lie­be Grü­ße nach Berat.

Hie noch ein kur­zer, schö­ner Mar­ke­ting-Film der Stadt.

Wir len­ken unse­ren Sko­da jetzt zu den Peli­ka­nen in der Kara­vas­te Lagu­ne.

Ein bunter Vogel wird 50 — Zeit für ein Resümee

Fünf Deka­den oder, klingt gewal­ti­ger, ein hal­bes Jahr­hun­dert gibt’s den Raben bereits auf die­sem Pla­ne­ten. Für einen selbst eigent­lich kein Grund zum fei­ern. Wir fei­ern und genie­ßen jeden Tag … war­um also die­sen beson­ders. Wenn der Jubi­lar wenigs­tens von sei­nen Liebs­ten über­rascht wer­den wür­de … mit einem Ständ­chen, lie­ben Wor­ten, einer Ein­la­dung oder einer klei­nen Über­ra­schungs­fei­er … wie man es in (aus­län­di­schen) Fil­men sieht.

Obi­ge PUR-Ode ans Älter­wer­den haben wir eine Zeit lang als Ständ­chen unse­ren Freun­den und Fami­lie zu Geburts­ta­gen geschickt. Ich den­ke die meis­ten haben sich über den bun­ten Hut mit Ker­zen und die zwei Hof­nar­ren amü­siert, wenn sie es nicht gar pein­lich fan­den. Über den Text hat sich wahr­schein­lich nie­mand Gedan­ken gemacht … hier ein Ver­such:)

Es ist noch nicht lange her da
“Ich seh mich noch suchen meinen Platz in der Welt”.

Oft der Exot, manch­mal hin­ter­rücks belä­chelt, meist unver­stan­den. Oft ange­passt, manch­mal unter­drückt, meist unglück­lich. Schon in der Schu­le fiel ich aus der Rei­he … bestimmt nicht durch däm­li­chen Scha­ber­nack oder Kraft­meie­rei. In der Puber­tät ers­te Revol­te … gegen die Mut­ter. Dann ers­te Flucht … in Unab­hän­gig­keit und freie­res Den­ken. Ers­te Aus­brü­che … Abson­de­rung durch (Klei­dungs- und Musik) Still. Nur nicht zur grau­en Mas­se gehö­ren.

Bald dar­auf wie­der gefan­gen … in Uni­form und Erzeu­gerer­war­tun­gen. In der Jugend fes­tigt sich das Rebel­len­herz und der Gerech­tig­keits­sinn.

Dann meine Runden auf dem Mofa gedreht
Erster Kuß, erste Krise
wie schnell die Zeit vergeht”

Die längs­te und teu­ers­te Lek­ti­on auf der Schul­bank des Lebens folgt als­bald — All­wis­sen­heit ersetzt kei­ne Erfah­rung …  und wie­der im (Haus)Arrest der gesell­schaft­li­chen Zwän­ge. Aber Selbst­be­wusst­sein und Wider­stand wach­sen bis die Anpas­sungs­fä­hig­keit zer­bricht. Ich will nicht jam­mern. Es waren …

Viele 1000 Momente in die Zeit gerafft
Ich wünsch mir noch mehr davon, mehr noch
Hab besser kapiert, was mich glücklich macht
Was mich echt nicht kümmern muß”

Und dann “Freun­de” — die Meis­ten mit Vor­stel­lun­gen und Erwar­tun­gen … per­sön­li­chen, mora­li­schen. Wie­der Anpas­sung sonst Unver­ständ­nis. Der Druck wird uner­träg­lich. Aner­ken­nung und Bestä­ti­gung nur durch mate­ri­el­le Zuge­hö­rig­keit und folg­sa­mes Grup­pen­ge­fühl. Die letz­te Bas­ti­on fällt.

Ich sah viele kommen
ich sah viele geh´n
Sah viele umfallen,
Ich blieb meistens steh’n”

Logi­sche Kon­se­quenz … Aus­bruch um jeden Preis. Ein Neu­an­fang, die Wen­de … dies­mal mit viel mehr Erfah­rung .. die Weis­heit über Bord gewor­fen. Das Gefühl zählt … die Lie­be und nicht Ver­nunft. Gut ist was sich gut anfühlt … dafür lohnt es sich zu schuf­ten … nicht für (bin­nen Sekun­den) wert­lo­se Zah­len.

Und dann noch ein Quänt­chen Glück. Da muss der Rabe fast einen Zent­ner Jah­re auf sei­nem Tacho haben, bis er sei­nen Platz in der Welt gefun­den hat, und zwar neben sei­ner Eule. Heu­te spie­len Anpas­sung, Unter­ord­nung, frem­de Erwar­tun­gen oder irgend­wel­che Zwän­ge, kei­ne Rol­le mehr.

Wir feiern jede neue Falte, die nötig war
jedes allzufrüh ausgefallene Haar
Wir feiern jeden guten Vorsatz; ein hübscher Brauch

Und jeden guten Ansatz, ob Glatze, ob Bauch

Auch an den allerschönsten Körpern nagt
Der Weisheitszahn der Zeit
Für wahr — die Jugend ist vergänglich, das Alter wächst
Und das zu feiern, ist der schönste Zeitvertreib”

Das Vogel­par­la­ment hat über Mona­te immer wie­der getagt … bis sich der Wald gelich­tet hat. Am heu­ti­gen Tag hät­ten ganz vie­le bun­te Vögel für Über­ra­schun­gen sor­gen kön­nen … aber sie sind nicht bunt. Man­che nicht mehr, man­che waren es nie. Jeden­falls
“All die, die mich mögen haben an mich gedacht” und eini­ge weni­ge haben die wei­te Anrei­se in unser “gelob­tes” Land auf sich genom­men und ver­brach­ten mit uns ein wun­der­schö­nes Wee­kend.

Ihre Majes­tät, die Eulen­kö­ni­gin, litt in der frei­täg­li­chen Berg­luft etwas unter Ver­gess­lich­keit.  Völ­lig des­il­lu­sio­niert und über­rascht kon­sta­tier­te sie die nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren  in einem auf 800m gele­ge­nem Berg­ort im Herbst mit -“ich hab kei­ne Schu­he”. Der Rabe nutz­te die Fort­dau­er eul­scher Irri­ta­ti­on und genoß mit all sei­nen Sin­nen, ihre Annah­me — es wäre bereits der Tag des Raben­schlupfs ange­bro­chen.;)))

Wegen die­ses in den Ber­gen völ­lig UNERWARTETEN Herbst­wet­ters, fiel die geplan­te Schnee­kop­pen­be­stei­gung aus. Scha­de, genau am 15. Sep­tem­ber vor 227 Jah­ren, erober­te unser Dich­ter­fürst, J.W. Goe­the, die Schnee­kop­pe … ob er wohl war­me Schu­he hat­te?;))) Wir haben den Tag trotz­dem nett ver­bracht. Gegen Abend stie­ßen ganz beson­ders lie­be See­len zu uns. Lecke­res Essen, unter ande­rem wie Schnit­zel zube­rei­te­te Dra­chen­pil­ze, und Gesprä­che bis in die Nacht sorg­ten für das schwin­den der ers­ten BSE-Sym­pto­me bei der Eulen­tät. Am Jubi­lä­ums-tag erin­ner­te sie sich wohl an sport­li­che Höchst­leis­tun­gen vom ver­gan­ge­nen Mor­gen — scha­de lei­der kein Alz­hei­mer — somit kei­ne Wie­der­ho­lung;))))

Alles was Wochen­lang hin­ter Raben’s Rücken gemau­schelt wur­de ergab plötz­lich einen per­fek­ten Sinn. Ich wur­de über­rascht, und das mehr­mals. Mit einem cho­ra­len Ständ­chen, mit einem sehr lie­be­voll geschmück­ten Tisch im Jagd­sa­lon des Hotels und mit Geschen­ken. Ein Geschenk aus der säch­si­schen Haupt­stadt hat in der Erstel­lung sicher Stun­den ver­schlun­gen — von dem Gedan­ken jeman­dem eine emo­tio­na­le Freu­de zu machen, ganz abge­se­hen. Daaa­an­ke Euch.

Gefei­ert wur­de der Rei­he nach im “U ducha gór” (der Prä­si­den­ten Gast­stät­te), in der Bar des berühm­ten Hotels Gołę­biew­ski und im Nacht­club des sel­bi­gen. Wir tanz­ten bis spät in die Nacht … von Zwän­gen, Vor­stel­lun­gen und Erwar­tun­gen befreit. Übri­gens haben wir schon mal mit der Polo­ni­sie­rung von Deut­schen Staats­bür­gern begon­nen. Herr S aus D wur­de ein­stim­mig zum Deutsch-Pol­ni­schen inter­kul­tu­rel­len Höf­lich­keits-Beuf­trag­ten gewählt. Nach ent­spre­chen­der Ankün­di­gung dem Ser­vice­per­so­nal gegen­über durf­te er in jeder Loca­ti­on laut, deut­lich und beson­ders fei­er­lich  “dzie­ku­je­my”  — wir dan­ken — sagen (pri­ma gelernt, pri­ma Aus­spra­che;). Freu­di­ge Gesich­ter und Jubel­stür­me waren sein Dank:)

Allen ein ganz großes D A N K E — Ihr seid die Besten. 

Eigent­lich hät­te auch ein ande­rer PUR-Song­text als Leit­fa­den für die­sen, mei­nen ganz per­sön­li­chen und beson­de­ren Bei­trag her­hal­ten kön­nen.

Wo sind all die India­ner hin
wann ver­lor das gro­ße Ziel den Sinn

Die­ses alte Bild aus der Kin­der­zeit
zeigt alle Brü­der vom Stamm der Gerech­tig­keit
Wir waren bunt bemalt und mit wil­dem Schrei
stand jeder stol­ze Krie­ger den schwa­chen bei

Unser Ehren­wort war hei­lig
nur ein Bleich­ge­sicht betrog
und es waren gute Jah­re
bis der ers­te sich belog

Wo sind all die India­ner hin
wann ver­lor das gro­ße Ziel den Sinn
So wie Ching­ach­gook für das Guten stehn
als letz­ter Mohi­ka­ner unter Gei­ern nach dem Rech­ten sehn

Der „Klei­ne Büf­fel“ spielt heu­te Boß
er zog mit Papi´s Fir­ma das gro­ße Los
„Geschmei­di­ge Nat­ter“ sor­tiert die Post
und in sei­ner Frei­zeit sagt er meis­tens „Prost“

Und die Frie­dens­pfei­fe bau­melt über´m Video­ge­rät
wie­viel Träu­me dür­fen plat­zen
ohne daß man sich ver­rät

Wo sind all die India­ner hin
wann ver­lor das gro­ße Ziel den Sinn
So wie Ching­ach­gook für das Guten stehn
als letz­ter Mohi­ka­ner unter Gei­ern nach dem Rech­ten sehn

Es gib noch ein paar wenige vom Stamme der Schoschonen
die finden sich, erkennen sich am Blick
und deren gute Taten kann man nur durch Freundschaft belohnen sie nehmen ein Versprechen nie zurück”

Dan­ke mein gelieb­tes India­ner-Eul­chen, dass Du mich so liebst wie ich bin. Naw­za­jem.

Drei Kreuze und eine Audienz

Ein längst fäl­li­ges, freu­di­ges Fami­li­en­tref­fen führt uns heu­te in die Rhön — genau­er nach Bischofs­heim. Das  ältes­te Mit­glied der Raben­schen Sip­pe samt Gat­tin erwar­ten sehn­süch­tig die Vor­stel­lung der Eulen­kö­ni­gin. Frü­her hat der “Patron” über Glück und Unglück ent­schie­den. Ohne sei­nen Segen lief in der Fami­lie nichts. Ist auf Sizi­li­en heut noch so;)))) Heu­te Ver­wal­tet das Fami­li­en­ober­haupt die Fami­li­en­ge­schich­te und pro­ta­giert sei­nen Nach­fol­ger. Onkel und Tant­chen sind kei­ne typi­schen Ver­tre­ter der Senio­ren­par­tei. Bei­de strot­zen vor Tem­pe­ra­ment, haben noch Ener­gie, Charme und Witz. Wie schon unlängst in Schle­si­en wird das Tref­fen zu einer Fei­er. Eul­chen wird bin­nen Minu­ten Adop- und Annek­tiert — eine tie­fe, gegen­sei­ti­ge Sym­pa­thie brei­tet sich wie ein Tsu­na­mi aus. Gene spie­len eben doch eine gewich­ti­ge Rol­le — und die schle­si­schen erst Recht.

Nach dem ers­ten Cham­pa­gner aber vor dem ers­ten Wein wird ein wich­ti­ger Tages­ord­nungs­punkt “abge­ar­bei­tet”.  Doku­men­ten­über­ga­be:)))) — in lus­ti­ger Run­de wer­den, teils 150 Jah­re alte Urkun­den aus­ge­wer­tet und kopiert. Wir lachen uns sche­ckig bei den Geburts­ur­kun­den — bes­ser bei den zwei­ten Vor­na­men. Auch Rari­tä­ten sind dabei — Zuge­hö­rig­keit zum Deutsch­tum nach dem  Ober­schle­si­chem Refe­ren­dum, 20 Reichs­mark Kin­der­geld­zu­la­ge für kin­der­rei­che Fami­li­en von 1937, Fami­li­en­buch­ein­trä­ge mit eigen­ar­ti­gen Jah­res­an­ga­ben .… das alles teils mit dem Reichs­ad­lerstem­pel teils gar mit dem Hacken­kreuz.

Pflicht” getan — der desi­gnier­te “Nachfolge”-Pate ist mit einem vol­len Doku­men­ten­satz aus­ge­stat­tet. Tant­chen hat in der Zwi­schen­zeit völ­lig unauf­fäl­lig das Abend­mahl gezau­bert. Extra für uns wur­de Bigos gemacht (daaaaaaa­an­ke Tant­chen;))) und schle­si­sche Wurst orga­ni­siert. Der Tisch biegt sich wie über­all in der Raben­schen Sip­pe. Es wird ein lan­ger und total lus­ti­ger Tag. Bis spät in die Nacht über­trump­fen sich Onkel und Tant­chen im Erzäh­len von Anek­do­ten aus alten und neu­en Zei­ten. Bis zum nächs­ten Mal — viel­leicht klappt es mit einem gro­ßen Fami­li­en­tref­fen — da wird der Juni­or-Pate lan­ge Pre­dig­ten an sei­ne Jün­ger hal­ten müs­sen:)))

Ein­mal in der Rhön woll­ten wir uns auch etwas anschau­en und unse­rer Wan­der­lust einen klei­nen Zoll gön­nen. Die Wahl fällt (leicht) auf die klei­ne 3,3 Km lan­ge Gip­fel­run­de um den Kreuz­berg — so zu sagen eine Mini-Pil­ger­tour zum gleich­na­mi­gen Klos­ter und zum welt­be­kann­ten, seit 1731 gebrau­ten Klos­ter­bier. Der Rabe ist wie­der voll fit und so macht die Gip­fel­er­stür­mung wie­der Spaß. Recht schnell sind wir vom Park­platz, an den Ski­lif­ten vor­bei, auf dem Gip­fel-Pla­to. Herr­li­che Natur und traum­haf­te Aus- und Rund­bli­cke sind unser Lohn.  Von dort geht es (logi­scher­wei­se:))) nur noch berg­ab. Kurz unter­halb des Gip­fels tref­fen wir auf die Sta­tio­nen des Kreuz­we­ges.  Es ist einer der ältes­ten Kreuz­we­ge Deutsch­lands nach Ham­mel­burg und Ful­da — errich­tet zwi­schen 1710 und 1729 und — was ihn so beson­ders macht — ohne jeg­li­chen, sonst übli­chen Prunk. Die Sta­tio­nen ste­hen in exakt den glei­chen Ent­fer­nun­gen zuein­an­der wie der Kreuz­weg in Jeru­sa­lem. Die zwölf­te Sta­ti­on ist das wohl meist foto­gra­fier­te Motiv der Rhön.

Wenn die Bay­ern sonst alles rich­tig machen, hier haben sie Murks gemacht. Genau hin­ter dem präch­ti­gen, christ­li­chen Motiv wur­de 1951 der Sen­der Kreuz­berg des Baye­ri­schen Rund­funks hin­ge­stellt. Sein abge­spann­ter Stahl­rohr­mast wur­de 1985 errich­tet und 2016 von 207,5 m auf 227 m Höhe auf­ge­stockt. Den UKW- und Han­dy­wel­len wäre es sicher egal wenn das Mons­trum eini­ge Meter wei­ter ste­hen wür­de. So ver­schan­delt es jede Auf­nah­me.

Von der 12. Sta­ti­on führt ein Trep­pen­weg bis fast zum Klos­ter. Die Geschich­te des Kreuz­ber­ges begann bereits im 7. Jh. Einer Legen­de nach stell­te der iro­schot­ti­sche Mis­sio­nar Kili­an das ers­te Kreuz auf dem Gip­fel des Ber­ges auf. Von 1681 — 1692 errich­te­ten die Fran­zis­ka­ner die heu­ti­ge Wall­fahrts­kir­che zusam­men mit einem Klos­ter auf dem Kreuz­berg. Sei­ne Bekannt­heit ver­dankt es aber zum gro­ßen Teil sei­nem, seit anno dazu­mal, unver­än­der­ten, Bier.  Der Rabe will ganz cool tun und bestellt gleich ein “Gro­ßes” — ohne sei­nen geo­gra­phisch-poli­ti­schen Stand­ort in die Bestel­lung ein­zu­be­zie­hen. In Bay­ern ist ein “Gro­ßes” eine Maß — also EIN Liter:)))

Nun — wir trin­ken eben bei­de aus einem Krug:))) Schon im Jah­re 1901 hat sich der spä­te­re Kar­di­nal Faul­ha­ber mit einem tref­fen­den Kom­men­tar im Gäs­te­buch der Klos­ter­braue­rei ver­ewigt: „Den Kreuz­berg her­auf kam ein end­lo­ser Zug, die einen zur Kir­che, die ande­ren zum Krug.“ Wurst­sa­lat und Hax’n müs­sen natür­lich auch sein — das kön­nen die Bay­ern eben.

 

Im Anschluss besich­ti­gen wir das Klos­ter, die Klos­ter­kir­che und die Andachts­grot­te in der auch wir zwei Ker­zen für unse­re Lie­ben zün­den. Als Wall­fahrts­ort weist der Kreuz­berg eine Jahr­hun­der­te alte Tra­di­ti­on auf, die ihm den Bei­na­men „Hei­li­ger Berg der Fran­ken“ ein­brach­te. Mit rund 600 000 Besu­chern (uns nicht ein­ge­rech­net:)) und bis zu 70 Pil­ger­tou­ren (unse­re nicht ein­ge­rech­net:))) ist es das meist­be­such­te Tou­ris­ten­ziel in der Rhön. Lei­der ist unse­re Zeit begrenzt — der Patro­ne war­tet schon:)))) — aber hier­her kom­men wir bald wie­der … noch in die­sem Jahr.   .