Georgien — Freunschaft auf den ersten Blick

Geor­gi­en??? Krieg, Gewalt, Kri­mi­na­li­tät, Mafia — Seid ihr jetzt völ­lig über­ge­schnappt? Und dann noch in die abge­le­gens­ten Regio­nen. Die Reak­tio­nen unse­rer Freun­de und Fami­li­en auf die Aus­wahl unse­rer Rei­se­zie­le ken­nen wir bereits. Hej Leu­te, ist ja echt put­zig und süß von Euch. Wie immer stimmt kein ein­zi­ges Vor­ur­teil deut­scher Schäf­chen mit der Rea­li­tät über­ein. Im Gegen­teil — wir wer­den von unbe­schreib­li­cher Herz­lich­keit und Gast­freund­schaft der Geor­gi­er schier über­wäl­tigt.

Bera­tungs­re­sis­tent (was die “über­legt es euch noch­mal” Stim­men angeht) und Stolz lan­den wir am Sonn­tag-Nach­mit­tag mit­ten im Mai auf dem klei­nen, net­ten Flug­ha­fen von Kutai­si in West­ge­or­gi­en. Vier Stun­den Flug ver­gin­gen wie im .… Flug. Auch wenn es hier kei­ne ein­zi­ge Bou­tique gibt (das führt bei Eul­chen auf dem Rück­flug zu depres­si­ven 5 Minu­ten;))) — bekommt man hier alles was der Tou­ri zum “über­le­ben” braucht. Den net­ten Mann der ein Mega-Schild mit unse­rem Namen hält — kann man nicht über­se­hen. Der Ankunfts­be­reich ist nicht grö­ßer als unse­re Woh­nung. Er hat’s nicht eilig. Wir sol­len in Ruhe alles erle­di­gen. Wir zap­fen die ers­ten Lari aus einem Geld­au­to­ma­ten und bestü­cken unser “Rou­ting-Navi­ga­ti­ons-Dritt­han­dy” mit einer loka­len SIM … zum Spott­preis übri­gens, 30GB für umge­rech­net ’n Zeh­ner.

Kurz dar­auf begrüßt uns Kakha strah­lend. Er betreibt in Kutai­si ein Guest­house, ein klei­nes Büro das Tou­ren und Aus­flü­ge für Tou­ris­ten orga­ni­siert und neben­bei wird hin und wie­der auch einer sei­ner drei Jeeps ver­mie­tet. Alles läuft völ­lig unkom­pli­ziert und unbü­ro­kra­tisch, bereits ab dem ers­ten Kon­takt vor über einem hal­ben Jahr. Der Rabe hat eng­lisch­spra­chig im geor­gi­schen Inter­net gesucht und wur­de fün­dig. Per Whats­app han­deln wir alles nöti­ge aus — fer­tig. Jaaa — ich weiß — ein typi­scher Deut­scher wür­de Fie­ber, Zit­tern und Krät­ze bekom­men bei dem Gedan­ken nicht alles gere­gelt, ver­si­chert und sechs Mal schrift­lich bestä­tigt — (und das jeweils vom Ver­mitt­ler, Ver­mie­ter und Ver­si­che­rer) — aber so läuft das nun mal in man­chen Ecken die­ser Welt .… und es ist gut so. (Eini­ge Sei­ten Papier wer­den vor Ort unter­schrie­ben, natür­lich)

Für rund 450 Dol­lar bekom­men wir einen gut ein­ge­fah­re­nen (10 Jah­re ~ 120 000 Km) Mitsu­bi­shi Paje­ro. Top Hard­ware um in ent­fern­te Regio­nen des Kau­ka­sus zu kom­men. Krat­zer, Del­len, Beu­len inter­es­sie­ren weder Kakha noch uns, weder bei der Über­ga­be noch bei der Rück­ga­be. Der Rabe lässt sich noch schnell die Zau­ber­kräf­te der Maschi­ne erklä­ren (SS4-II Super Select All­rad­an­trieb, Vor­der­achs­dif­fe­ren­ti­al, sperr­ba­res Zen­tral­dif­fe­ren­ti­al mit Vis­ko­kupp­lung, elek­tro­ni­sche Trak­ti­ons­kon­trol­le, Gelän­de­un­ter­set­zung) und es geht los.

Unse­re Fahrt­rich­tung steht bis zum letz­ten Moment nicht fest. In den schwer zugäng­li­chen Berg­re­gio­nen des Kau­ka­sus, sol­len von Regen und Gewit­tern heim­ge­sucht wer­den. Da die Wet­ter­apps nicht ein­mal das gest­ri­ge Wet­ter genau ansa­gen kön­nen beschlie­ßen wir am Vor­tag doch auf “Risi­ko” zu gehen. Wir steu­ern Rich­tung Gro­ßer Kau­ka­sus. Bis in die Ber­ge sind es gut 300 Kilo­me­ter. Auf geor­gi­schen Stra­ßen und Berg­schot­ter­pis­ten sind das locker 5–7 Stun­den Fahrt. Wir suchen uns unge­fähr auf der Hälf­te ein Quar­tier. Zuvor wol­len wir aber noch eine Sowje­ti­sche inge­nieur-tech­ni­sche Meis­ter­leis­tung mit eige­nen Augen sehen.

Enguri Staudamm

Den Engu­ri Stau­damm. Er ist mit 750m Brei­te und 271,5 m Höhe das größ­te Bau­werk im Kau­ka­sus. Eini­ge Zeit war er das größ­te gewölb­te Bau­werk der Welt. (seit 2012 ist es ein Stau­damm in Chi­na). Defi­ni­tiv ist die Stau­mau­er die fünft­höchs­te auf der Welt. Das dazu­ge­hö­ri­ge unter­ir­di­sche Was­ser­kraft­werk pro­du­ziert jähr­lich rund 4,5 Mil­li­ar­den Kilo­watt­stun­den. Das deckt fast 50 % des Strom­ver­brauchs Geor­gi­ens. Meh­re­re Quel­len behaup­ten — der Engu­ri-Damm wäre, dank der ihn umge­ben­den Berg­land­schaft, einer der schöns­ten Däm­me der Welt.


(diese atemberaubende Aufnahme stammt ausnahmsweise nicht von uns sondern von den Profis vom Urbexplorer.com)

Der Fluss Engu­ri bil­det einen Teil der Gren­ze zum abtrün­ni­gen Abcha­si­en. Stau­mau­er und Kraft­werk ste­hen auf Geor­gisch kon­trol­lier­tem Gebiet — Trans­for­ma­to­ren und ande­re tech­ni­sche Ein­rich­tun­gen auf Abcha­si­schem Gebiet. Inter­es­sant ist, dass man beim Strom — trotz erbit­ter­ter Feind­schaft — zusam­men­ar­bei­ten kann. Die Navi­ga­ti­ons-Apps tun sich schwer. Wir bewe­gen uns im Grenz­ge­biet zu einem ver­fein­de­ten Staat. Der Damm ist trotz sei­ner gewal­ti­gen Aus­ma­ße von geor­gi­scher Sei­te nicht zu sehen. Wir fol­gen unse­rem Gefühl und schlän­geln uns zwi­schen zwei Ber­gen soweit wie es geht ran, bis wir auf ein­mal vor einen Tor mit zwei Wach­män­nern ste­hen. Das Gelän­de ist weit­räu­mig ein­ge­zäunt. Wir par­ken im gebüh­ren­den Abstand, der Rabe kämpft mit den Fens­ter­he­bern unse­res Jeeps. Die­se wol­len unbe­dingt in der Mit­te zum Ste­hen kom­men. Einer der Män­ner kommt auf uns zu. Unse­re Befürch­tung es könn­te haa­rig wer­den zer­streut sich in Sekun­den. Der Mann will uns nur hel­fen das Fens­ter Pro­blem zu lösen. Nach ein paar Wor­ten und einem gemein­sa­men Ziga­ril­lo — ist das Fens­ter end­lich zu und wir dür­fen hin­ter den Zaun. 

Die letz­ten paar Meter geht’s zu Fuß. Erst 100m vor dem Damm bekommt man ihn zu Gesicht. Mons­trös und wun­der­schön, gewal­tig und gleich­zei­tig anmu­tend wie ein Kunst­werk. Wir sind fas­zi­niert. Solch Schön­heit in solch abge­le­ge­nen Regio­nen — und wir sind erst seit vier Stun­den in Geor­gi­en — was wer­den wir noch alles erle­ben????


Wie sehr wir mit die­sen Gedan­ken Recht haben — wird uns in den fol­gen­den Tagen mehr­mals täg­lich bewusst.

Vom Damm sind es nur weni­ge Kilo­me­ter zu unse­rem Quar­tier. In einem klei­nen etwas abge­le­ge­nen Dorf, unweit Jva­ri, fin­den wir es. Das Haus der Fami­lie Matua — Wein­bau­ern seit Genera­tio­nen. Ein paar Haus­tie­re hal­ten sie auch und, seit dem die Kin­der zum stu­die­ren in die Haupt­stadt sind, ver­mie­ten sie ab und zu an Rei­sen­de.

Wir sind heu­te die Ein­zi­gen. Platz ist genug. Zwei sym­me­tri­sche Haupt­häu­ser sind durch einen Mit­tel­trakt ver­bun­den — auf dem eine 200 m² Ter­ras­se deut­lich macht — uns geht es gut. In Euro­pa wäre es unbe­zahl­bar und sicher von einem Pro­mi bewohnt. Es beginnt zu grau­en. In Geor­gi­en wird es wegen der zwei über­sprun­ge­nen Zeit­zo­nen zwei Stun­den eher dun­kel. Dass Geor­gi­er tra­di­tio­nell eine unver­gleich­li­che Gast­freund­schaft pfle­gen wuss­ten wir im Vor­aus — was uns bei Jew­dok­ja und Abel wider­fährt lässt unse­ren west­eu­ro­päi­schen Kul­tur­kreis in vie­ler­lei Hin­sicht echt blass aus­se­hen.

Schon bei der Begrü­ßung funkt es — spür­ba­re Sym­pa­thie erleuch­tet die Stim­mung. In den fol­gen­den Stun­den und am Fol­ge­tag keimt dar­aus eine klei­ne Freund­schaft. Es ist vom unschätz­ba­ren Wert, dass der Rabe mal frü­her (vor 35 Jah­ren) fast flie­ßend Rus­sisch gespro­chen hat. Zuerst aber kön­nen wir uns unser Nacht­la­ger aus­su­chen. Es gibt hier zwei Dop­pel­zim­mer und ein Appar­te­ment — unter­schied 6€ — ein Lacher. Natür­lich näch­ti­gen die Eulen­kö­ni­gin und der Raben­prinz stan­des­ge­mäß. Allein das Schlaf­ge­mach ist gut 40m² groß — dazu ein rie­si­ger Salon und ein sehr groß­zü­gi­ges Bad — alles für umge­rech­net 26€. Geor­gi­en live eben😊 Jew­dok­ja ist Ukrai­ne­rin und erst vor 30 Jah­ren nach Geor­gi­en gekom­men … der Lie­be wegen. Rus­sisch, Ukrai­nisch, Pol­nisch alles ver­wand­te Spra­chen. Wir sind glück­lich, end­lich kön­nen wir uns frei unter­hal­ten, erzäh­len, fra­gen, wit­zig sein. Rabens Rus­sisch wird schon an die­sem Abend immer bes­ser ‚spä­ter im Ver­lauf der Rei­se, fal­len ihm sogar kom­pli­zier­te­re Voka­beln wie­der ein. Auch unse­re Gast­ge­ber sind neu­gie­rig. Zum ers­ten mal kön­nen sie etwas über das Leben in Gjer­man­ja erfah­ren. Es waren schon Deut­sche hier, spra­chen aber nur Eng­lisch.

Neben­bei, fast unbe­merkt, deckt Jew­dok­ja im Hof einen gro­ßen Tisch ein. Immer wie­der ent­schwin­det sie unbe­merkt in die Küche und berei­tet auch noch das Abend­mahl für uns zu. Wir dür­fen wäh­rend­des­sen schon mal unse­ren ers­ten geor­gi­schen Wein kos­ten — den gibt’s hier ein­fach über­all. Ihn auf einem Wein­gut zu trin­ken ist ein traum­haf­tes Erleb­nis. Abel schenkt uns ein … wei­ßen (der hier fast rose ist) und roten ein. Dann wird eine Karaf­fe voll­ge­macht. Zum Schluss wird aus dem “Rog” getrun­ken — aus dem Horn. Das Eul­chen lernt: das Horn muss man aus­trin­ken … abstel­len kann man es nicht 😊 Auch einen 38m tie­fen Brun­nen gibt’s hier — das kris­tall­kla­re Berg­was­ser ist erfri­schend kühl und schmeckt vor­züg­lich. Jew­dok­ja beginnt auf­zu­tra­gen. Wir den­ken zuerst es ist für vier. Nein, alles für uns … und das Auf­tra­gen geht im 10min Takt wei­ter. Immer neue­re Lecke­rei­en, deren Namen wir kaum aus­spre­chen kön­nen … Blin­chi­ki, Qat­mis, Chkhi­re­bi uvm. Alles für uns abso­lut neu, exo­tisch, pikant, wür­zig den­noch nicht scharf, vor allem aber unnach­ahm­lich lecker. Dazu fließt der Wein … und es wird noch lang ange­regt debat­tiert. Ein herr­li­cher ers­ter Abend unter Geor­gi­schem Him­mel.

Wir schla­fen in unse­rer feu­da­len Sui­te wie Babys — zehn Stun­den unun­ter­bro­chen. Nicht nur der Wein und die fri­sche Luft tra­gen dazu bei — auch das Bett. Fast alle Bet­ten in denen wir in Geor­gi­en näch­ti­gen dür­fen sind aus mas­si­ven Holz. HOLZ!!! Nicht wie in unse­ren Brei­ten­gra­den Holz­pro­duk­ten … Sperr­holz, Leim­holz, Press­holz, bil­li­gen Kie­fern­holz oder Kunst­soff. Kein wackeln, kein quiet­schen, nichts ist lawe­de. Kei­ne zwei Tage spä­ter erzählt uns ein Swa­ne eine Geschich­te aus sei­ner Fami­lie, die bezeugt wie wich­tig den Geor­gi­ern ihr Bett ist😊 (Dazu mehr im Bei­trag über Swanetien/Kaukasus)

маленькая дружба — Kleine Freundschaft

Jew­dok­ja, die wir seit ges­tern Abend Dus­ja (das ist ihr Kose­na­me) — nen­nen dür­fen berei­tet uns ein phä­no­me­na­les, geor­gi­sches Früh­stück. Unnö­tig zu sagen, dass alles was hier auf den Tisch kommt aus­schließ­lich aus eige­ner Zucht/Anbau/Herstellung stammt. Abel zeigt der Eulen­kö­ni­gin der­weil die Tier­stal­lun­gen und den Obst­gar­ten. Ein Schock für uns ord­nungs­ver­wöhn­te Deut­sche. Solch eine Ord­nung und Sau­ber­keit haben wir in unse­rem Leben noch nicht erlebt. Nir­gend­wo auch nur ein “Kleks” und das bei 30 Hüh­nern und etli­chen Puten. Auch zwei Schwei­ne und eine Kuh mit einem Kalb hau­sen hier .… und … nichts, kei­ne Fla­den, kei­ne Hau­fen, kein Unrat, kein Müll … alles säu­ber­lichst gerecht und gekehrt. Die Tie­re sind bes­tens ernährt und gepflegt — haben Aus­lauf und Frei­heit sich über­all zu bewe­gen. Der Umgang mit Tie­ren ist in vie­len sol­chen Län­dern ein völ­lig ande­rer als bei uns.

Noch vor dem Essen bekom­men wir ein Wein­horn geschenkt — aus Ton, rund­her­um ver­ziert und bunt ange­malt. Eine sehr schö­ne Hand­ar­beit — ob alle Gäs­te hier so emp­fan­gen wer­den? Ein­zig­ar­tig die­se Gast­freund­schaft — es über­trifft alles was wir über die­ses Land gele­sen haben.

Nach dem Früh­stück wer­den wir ins Haus ein­ge­la­den … in das pri­va­te Hei­lig­tum des Geor­gi­ers. Dus­ja zeigt uns stolz die Küche. Abel ist stolz auf das gro­ße Zim­mer, zeigt dem Raben “sei­ne” Biblio­thek. Hier­her zieht er sich zurück wenn er Ruhe braucht. Dar­in vie­le Erin­ne­rungs­stü­cke und Fotos von Fami­lie und Freun­den. Als Bur­sche spiel­te Abel bei der Jugend von Dîna­mo Tif­li­si zusam­men mit einem der bekann­tes­ten Geor­gi­schen Fuß­bal­ler. Wer denkt schon, dass ein Bau­er eine Biblio­thek hat oder fast Pro­fi­fuss­ba­ler war???

Das Schlaf­zim­mer und die Kin­der­zim­mer zeu­gen eben­falls vom Wohl­stand — und das sind nur die Räu­me eines der bei­den Haupt­häu­sern. Im ande­ren befin­det sich untern ein Raum das locker als gro­ßes Restau­rant die­nen könn­te .. mit super edlen Boden­flie­ßen aus­ge­legt. Dar­in wird die Hasel­nuss­ern­te zum trock­nen gela­gert. Die Eulen­kö­ni­gin hilft zugleich beim Sor­tie­ren.


man beach­te die Flie­ßen — der Ham­mer

Wir wis­sen, dass wir heu­te wei­ter wol­len — Rich­tung Kau­ka­sus — Swa­ne­ti­en. Eigent­lich haben wir beschlos­sen, dort wo es schön ist län­ger zu blei­ben. Das hal­ten wir bei die­ser Rei­se nicht ein. Die Neu­gier ist zu groß — es gibt soviel zu ent­de­cken. Aber bereits am ers­ten Abend bei den Matuo’s wis­sen wir 1000%ig — dass es nicht das letz­te Mal ist, dass wir die­ses para­die­si­sche Land berei­sen. Wir ver­ab­schie­den uns und ver­spre­chen im nächs­ten Jahr wie­der zu kom­men. Die klei­ne Freund­schaft pfle­gen wir nach der Rück­kehr wei­ter .. per Email .. schön. Bis bald Freun­de!

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Auf Bären-Jagd in den Karpaten

Ohhhhhh … Bären­jagd, wie unzi­vi­li­siert … bei­nah nean­der­thal. Alle wie­der brav hin­setz­ten — wir “jagen” aus­schliess­lich nach Fotos und das gemein­sam mit rumä­ni­schen Tier­schüt­zern.

Rund 6000 Braun­bä­ren leben in Rumä­ni­en. Die mit Abstand größ­te Popu­la­ti­on in Euro­pa. Ein­mal hier wol­len wir die Bären in ihrem natür­li­chen Lebens­raum erle­ben. Man fin­det eini­ges an Rekla­me für Bären­sa­fa­ris von regio­na­len Anbie­tern im Inter­net. Was man da zu sehen bekommt kön­nen wir nicht sagen — aller­dings fällt die Vor­stel­lung schwer, dass sich bei den 2–3h Tou­ren nicht nur um wenig nach­hal­ti­ge, schnel­le, Ange­bo­te han­delt. Wir möch­ten mög­lichst nah ran, ohne die scheu­en Wald­be­woh­ner zu stö­ren — klingt wider­sprüch­lich — rich­tig umge­setzt funk­tio­niert es aber.

Wir enga­gie­ren für unser Vor­ha­ben Katha­ri­na Kur­mes. Die Deut­sche (ehe­ma­li­ge Bio­lo­gie Leh­re­rin) lebt mit ihrem Mann Her­man seit über 20 Jah­ren im Gebirgs­dorf Magu­ra, im unte­ren Kar­pa­ten­bo­gen, etwa 30 Kilo­me­ter von Bra­sow (Kron­stadt). Bei­de betrei­ben eine wun­der­schö­ne Pen­si­on  und enga­gie­ren sich im Natur­schutz. Der Schutz von Wöl­fen, Bären und Luch­sen in den Kar­pa­ten liegt ihnen sehr am Her­zen. Sie­he z.B das Car­pa­thi­an Lar­ge Car­ni­vo­re Pro­ject. Tou­ris­mus, und zwar sanf­ter und natur­ver­träg­li­cher spielt dabei eine wich­ti­ge Rol­le. Unse­re Wahl erweist sich als gold­rich­tig. Die Erleb­nis­se wer­den wir bis an unser Lebens­en­de nicht ver­ges­sen.

Wir rei­sen recht­zei­tig in der Vil­la Her­ma­ni an. Eigent­lich soll­ten wir bei einer befreun­de­ten Fami­lie unter­kom­me, in der Pen­si­on gab es kein Zim­mer mehr — als wir uns nach einer Über­nach­tung erkun­digt haben — aber wir haben Glück.  Her­man begrüßt uns per­sön­lich, schaut in das Bele­gungs­buch und lächelt. Ein schö­nes Zim­mer ist, wie von Zau­ber­hand, frei­ge­wor­den — oder sehen wir so sym­pha­tisch aus? Jeden­falls ist noch Zeit für ein lecke­res Bier­chen auf der aus­la­den­den Ter­ras­se der Gast­stu­be — immer­hin haben wir etwa 27 Grad. Wir sind auf etwa 1100m —  das Pan­ora­ma auf das  Pia­tra Craiu­lui-Gebir­ge ist über­wäl­ti­gend. Zum sagen­um­wo­be­nen Dra­cu­la-Schloss Bran sind es Luft­li­nie grad mal sechs Kilo­me­ter — von da kom­men wir gera­de.

Auf die “Jagd” bege­ben wir uns zusam­men mit Jut­ta, Ani­ta, Rapha­el und Cori­na. Die Schwes­tern Jut­ta und Ani­ta sind wasch­ech­te Sie­ben­bür­ger Säch­sin­nen — sie leb­ten frü­her hier und sind gemein­sam mit Her­man in die glei­che Schu­le in Wol­ken­dorf gegan­gen und in die glei­che Kir­che, man ist befreun­det. Cori­na ist in Rumä­ni­en auf­ge­wach­sen, lebt und arbei­tet aber schon eini­ge Jah­re in Deutsch­land — Rapha­el ist ihr Freund.

Zusam­men fah­ren wir mit einem Klein­bus zuerst etwa eine Stun­de Rich­tung Sin­ca bis wir irgend­wann in die Natur abbie­gen. Die fol­gen­den rund 10 Kilo­me­ter hol­pern wir durch Wie­sen und auf  Wald­we­gen. Es dau­ert, Katha­ri­na fährt vor­sich­tig, der Bus ist nicht Off­road taug­lich. Eine Pipi­pau­se wird eben­falls fäl­lig (fünf Frau­en onboard :-). Die­se machen wir am Ran­ger­pos­ten. Der Chef-Wild­hü­ter beglei­tet uns ab da. Wir drin­gen immer tie­fer in den Wald vor. Ab einer bestimm­ten Stel­le kom­men die Fahr­zeu­ge nicht wei­ter und auch die Ruhe in den Wäl­dern soll gewahrt blei­ben. Es geht also zu Fuß wei­ter.

Immer wie­der sehen wir Mila­ne, Fal­ken und sogar einen Adler. Auch Füch­se und Rehe sind all­ge­gen­wär­tig. In die­ser Anzahl bekommt man in einem Deut­schen Wald die­se Tie­re schon lan­ge nicht mehr zu Gesicht. Das allein wäre ein hin­rei­chen­der Grund hier in die Wild­nis ein­zu­tau­chen und sie aus­gie­big und in Ruhe zu genie­ßen. Heu­te sind wir aber alle auf Braun­bä­ren geeicht — ob wir über­haupt wel­che sehen wer­den????

Katha­ri­na erzählt, dass Sie hier schon etli­che Male kei­nen Bären ange­trof­fen hat. Die Ran­ger füt­tern zwar regel­mä­ßig mit Lecke­rei­en an (Früch­te und Mais­kol­ben mit Honig bestri­chen in klei­nen Men­gen) — die Haupt­nah­rung müs­sen die pel­zi­gen Kraft­prot­ze selbst fin­den. Bären sind übri­gens Alles­fres­ser, ernäh­ren sich aber haupt­säch­lich von Früch­ten, Grä­sern,  Pil­zen, Nüs­sen, Fischen und Ähn­li­chem. Sie kön­nen aber auch grö­ße­re Tie­re oder Vieh rei­ßen. Etwa 2–3 x im Monat führt Katha­ri­na inter­es­sier­te Tier­be­ob­ach­ter tief in die Wäl­der, in den nord-west­li­chen Aus­läu­fern des Faga­ras Gebir­ges (oben im Kar­pa­ten­bo­gen).

Die Kur­mes neh­men nur eige­ne Gäs­te mit auf so eine Tour … nicht alle sind geeig­net. Aus­dau­er wird ver­langt. Man sitzt stun­den­lang auf einem Rang­erhoch­stand — es wird abso­lu­te Stil­le ver­langt — kei­ne Gesprä­che, kein Nie­sen oder Hus­ten, kein Pipi in die­ser Zeit (Eul­chens größ­te Befürch­tung 🙂 Kein Blitz, und selbst Appa­ra­te die mit Geräusch aus­lö­sen sind ver­bo­ten. Die Tie­re sind sehr scheu — wird uns erklärt. Zumin­dest wenn sie sich der Lich­tung annä­hern. Gesät­tigt sind sie weni­ger vor­sich­tig — wie sich spä­ter zeigt.

Nach einem Fuß­marsch errei­chen wir einen geschütz­ten Hoch­stand. Um eini­ges grö­ßer als wir sie aus unse­ren Wäl­dern ken­nen. Frü­her dien­te er den Rumä­ni­schen Bon­zen zur Bären­jagd. Heu­te, von drei Sei­ten mit Bret­tern und vorn mit einer Plexi­schei­be ver­schlos­sen, dient er zur Bären­be­ob­ach­tung. Wir setz­ten uns lei­se und begin­nen die Gegend zu beob­ach­ten. Die Frau­en durch ein Fern­glas, der Rabe durch das Tele­ob­jek­tiv unse­rer Kame­ra. Es herrscht rela­ti­ve Stil­le. Nur der Ran­ger erklärt uns flüs­ternd eini­ges über die hier leben­den Bären. Katha­ri­na bzw. Cori­na über­setz­ten es uns. Bis auf uns bei­de und Rapha­el ver­ste­hen ja alle Rumä­nisch.

Es leben meh­re­re Männ­chen hier, einer davon, der ältes­te und größ­te ist aber der Platz­hirsch. Die ande­ren sind noch jung. Zwi­schen 3 und 6 Jah­ren. Jun­ge Bären leben oft bis zu zwei Jah­ren bei ihrer Mut­ter. Weib­chen soll es hier vie­le geben — ins­ge­samt wis­sen die Ran­ger von etwa 30 Bären die die­se Gegend bewoh­nen. Zur Zeit führt kein Weib­chen ein klei­nes Jun­ges bei sich. In die­ser Zeit grei­fen die Mamas alles an — auch Bären­männ­chen, egal wie mäch­tig, und Men­schen. Bären sind Ein­zel­gän­ger. Nur sel­ten bekommt man aus die­sem Grund meh­re­re Bären gleich­zei­tig zu sehen. Zwei Männ­chen unweit von­ein­an­der zu beob­ach­ten ist fast unmög­lich. Wir Glücks­kin­der sol­len aber Zeu­gen eines ganz beson­de­ren Schau­spiels wer­den.

Es ist etwa halb acht abends -wir suchen kaum län­ger als eine hal­be Stun­de den Wald­rand mit unse­rer Optik ab — da flüs­tert der Ran­ger, dass sich ein Weib­chen unse­rer Posi­ti­on nähert. Er sitzt drau­ßen bei der Lei­ter und sieht die Bärin von hin­ten kom­men. Irgend­ein Geräusch ver­schreckt das Tier aller­dings und sie läuft, erstaun­lich behän­de, davon. Bären kön­nen durch­aus bis zu 50 Km/h schnell wer­den — ein mensch­li­cher Top­ath­let max. 35 Km/h. Nun so schnell ent­fernt sie sich nicht — aber wir sind erst­mal wie­der allein.

Weni­ge Minu­ten spä­ter nähert sich aus gegen­über­lie­gen­der Rich­tung ein jun­ges Männ­chen, etwa 5 Jah­re alt meint der Ran­ger. Die­ser kann uns defi­ni­tiv nicht wit­tern und dies­mal herrscht wirk­lich eine abso­lu­te Ruhe. Das Tier kommt immer näher und sucht offen­sicht­lich nach Obst. Die Tier­schüt­zer ver­ste­cken es immer wie­der an ande­ren Stel­len. Wir kön­nen eine kom­plet­te Lich­tung ein­se­hen und gut zwei­hun­dert Meter Wald­rand dazu. Der Bär ist kei­ne 60 Meter vor uns. Durch das Tele kann der Rabe fast sein Fell anfas­sen. Plötz­lich kom­men nach­ein­an­der zwei Weib­chen aus dem Wald. Sie stö­ren sich nicht an dem bereits anwe­sen­den “Teen­ager”. Eins der Weib­chen soll wohl sogar sei­ne Mut­ter sein.

Auch die Damen begin­nen mit der Suche. Wei­te­re Weib­chen und ein etwas rei­fe­rer Jung­bär tre­ten aus dem Wald. Der ers­te Tee­nie begibt sich auf gebüh­ren­den Abstand zum Kon­kur­ren­ten. Ers­te Weib­chen ver­las­sen den Platz. Die nächs­ten zwei Stun­den zäh­len wir gut 12 Bären die kom­men und gehen. Kei­ne Inter­ak­ti­on unter unter­ein­an­der — sie wer­den ihrem Ein­zel­gän­ger-Image voll gerecht.

Als der Platz­hirsch irgend­wann sou­ve­rän aus dem Wald tritt und völ­lig sicher und ziel­ge­rich­tet auf die Lich­tung läuft (die meis­ten ande­ren Bären näher­ten sich wesent­lich vor­sich­ti­ger) — kommt etwas Bewe­gung unter den gra­de Anwe­sen­den auf. Die jün­ge­ren Männ­chen machen offen­sicht­lich Platz, bewe­gen sich an den Rand. Die Weib­chen blei­ben eher unbe­ein­druckt, sind aber etwas auf­merk­sa­mer — schau­en oft zum Alpha­tier hin­über.

Es ist span­nend, auf­re­gend, fes­selnd und über­wäl­ti­gend zugleich. Wir bekom­men teil­wei­se 6 Tie­re gleich­zei­tig vor die Lin­se, auch meh­re­re Männ­chen. Der Rabe schießt in der gan­zen Zeit gut 300 Fotos. Zwei der Bären trau­en sich bis auf 20 Meter an den Hoch­stand. Sie MÜSSEN uns gewit­tert haben. Wir bekom­men Gän­se­haut. Die Tie­re sind wun­der­schön — wohl genährt, gesund, man könn­te fast sagen — gepflegt. Ledig­lich ein Jung­männ­chen trägt Nar­ben eines Kamp­fes im Gesicht und sieht auch etwas aus­ge­zehrt aus.

Nach eini­gen Stun­den auf dem Hoch­stand nähert sich lang­sam auch die Nacht. Immer­hin müs­sen wir noch per Fuß­marsch durch den Wald zu unse­rem Fahr­zeug. Unter­wegs auf einen Bär zu tref­fen wäre in der Dun­kel­heit viel­leicht kein Spaß mehr.  Also run­ter vom Hoch­stand — aber das wird zum Pro­blem. Einer der Jung­bä­ren hat es sich kei­ne 5m hin­ter dem Hoch­stand, in einem Bach, ähn­lich wie in einem Jacuz­zi, bequem gemacht. Was nun? Unser Ran­ger ver­sucht es mit Wor­ten, mit Klat­schen, mit Brül­len — der Jung­zot­tel ist völ­lig unbe­ein­druckt. Erst nach eini­gen Minu­ten genüss­li­chen Plant­schens bewegt er sei­nen Popo aus dem Bach und macht sich betont lang­sam von dan­nen. Soviel zu scheu­en Bären 🙂 Wir tra­ben nun zum Wagen. Das klappt rei­bungs­los.

Das heu­ti­ge Erleb­nis wer­den wir wohl nie ver­ges­sen — ähn­lich wie sei­ner­zeit als wir der Eiab­la­ge von Mee­res­schild­krö­ten in Nord­zy­pern eine gan­ze Nacht lang bei­woh­nen durf­ten. Es ist ein­fach ein­ma­lig und, wie zeig­te es ein Wer­be­spot einst “Mit VISA nicht zu bezah­len” — ein Rie­sen­dank noch­mal an Katha­ri­na.

Die ein­ma­li­ge Bären-Foto-Safa­ri soll jedoch nicht das ein­zi­ge Wild­life-Erleb­nis an die­sem Tag blei­ben — aber dazu mehr im Fol­ge­bei­trag. Soviel sei vor­weg genom­men — die Rück­fahrt wird spek­ta­ku­lär!

Bärenreservat Zărnești — Liberty Bear Sanctuary

Einen Tag nach unse­rer Bären-Safa­ri in den Wäl­dern der Kar­pa­ten besu­chen wir noch das Bären­re­ser­vat in Zar­nes­ti. Es ist mit Abstand die größ­te Bären­schutz­ein­rich­tung in Euro­pa. Schon die Anfahrt über Zar­me­s­ti weckt im Raben­prin­zen etwas vom nie aus­ge­leb­ten Paris-Dakar Fee­ling. Die letz­ten fünf Kilo­me­ter geht es über buck­li­ge, stau­bi­ge Feld­we­ge auf denen sich ande­re Tou­ris mit ihren Kleinst­miet­wa­gen vor­sich­tig. mit 5 Km/h vor­wärts bewe­gen. Zum wie­der­hol­ten Mal fei­ern wir unse­re Ent­schei­dung, einen höher gele­ge­nen All­rad gemie­tet zu haben. Der Rabe fliegt mit 50–60 Klam­mot­ten förm­lich an den schlei­chen­den Wege­la­ge­rern vor­bei und läßt sie in einer rie­si­gen Staub­wol­ke hin­ter uns ver­schwin­den. Das macht Spaß — und bis sie oben ankom­men, haben wir uns längst irgend­wo ein­ge­parkt und nie­mand wird erfah­ren wer die Rou­dys in dem Jeep waren. Bei der Abfahrt gön­nen wir uns den Spaß erneut — eini­ge böse Bli­cke, als wir wie­der ins Auto stei­gen, töten uns erwar­tungs­ge­mäß nicht.

Übri­gens — die bewe­gen­de Geschich­te der Ent­ste­hung des Reser­va­tes (im Wiki­pe­dia nach­zu­le­sen)- erklärt auch die Wort­wahl bei der Namens­ge­bung. Sank­tua­ry bedeu­tet genau­so Schutz­ge­biet, Zufluchts­ort als auch Hei­lig­tum. Und das ist es auch. Vie­le geschun­de­ne, mal­trä­tier­te, unter erbärm­lichs­ten Bedin­gun­gen, in ver­dreck­ten, engen Käfi­gen gehal­te­ne Bären — hat die Grün­de­rin Cris­ti­na Lapi auf­ge­spürt, teils über Jah­re auf­ge­pep­pelt und schließ­lich befreit und in “ihrem” Reser­vat unter­ge­bracht. Etwa 90 Bären leben hier — kaum einer davon hat eine Chan­ce irgend­wann wie­der aus­ge­wil­dert zu wer­den. Ihre Art­ge­nos­sen in der Natur wür­den sie ver­trei­ben oder gar töten. An Men­schen gewöhnt, wür­den sie in der Frei­heit nicht über­le­ben kön­nen. 

Sie kön­nen aber, hier im Reser­vat, auf groß­zü­gig vor­han­de­nen Raum, unter mög­lichst natur­ge­treu­en Bedin­gun­gen gene­sen und leben. Wohl­ge­merkt — es ist kein ZOO. Um sich zu finan­zie­ren wer­den in der Woche, in den Mor­gen­stun­den zwei Füh­run­gen mit einer klei­nen, begrenz­ten Per­so­nen­zahl in eng­lisch ange­bo­ten. Ansons­ten haben die Tie­re ihre Ruhe. In uns pul­siert noch das Blut 3x so schnell wie nor­mal ob der Erleb­nis­se vom Vor­tag — viel­leicht des­we­gen wir­ken die Bären hin­ter Git­tern und Elek­tro­zaun auf uns befremd­lich … fast scho­ckie­rend. Wenn man aber die grau­sa­men Fotos der Bären sieht — als man sie vor­ge­fun­den hat — rela­ti­viert sich das Gan­ze. Sie haben hier einen Ort zum Leben von dem sie  nie zu träu­men gewagt hät­ten. Sie sehen gepflegt und gesund aus, sind wie­der leb­haft (die meis­ten waren bei der Befrei­ung nur noch apa­thisch) — spie­len, fres­sen, bewe­gen sich … und erin­nern sich wahr­schein­lich kaum mehr an sowas wie Frei­heit, Natur, Wäl­der und Wild­nis.

Übri­gens, in ganz Euro­pa leben ver­streut und gene­tisch von­ein­an­der getrennt nur noch weni­ge Braun­bä­ren. Mal von Russ­land abge­se­hen — gibt es in Euro­pa nur noch rund 8000 Tie­re. Davon gut 6000 in Rumä­ni­en.

      • Kantabri­sches Gebir­ge, Nord­spa­ni­en: bis zu 140
      • Pyre­nä­en: ca. 10
      • Süd­skan­di­na­vi­en: ca. 150 bis 200
      • Abruz­zen, Mit­tel­ita­li­en: etwa 70 bis 100
      • Norditalien/Österreich (Alpen): etwa 15 bis 30
      • West­bal­kan: etwa 550 bis 800
      • Kar­pa­ten: etwa 6600 in Rumä­ni­en
      • Polen: ca. 70
      • Gebir­ge Bul­ga­ri­ens: ca. 500
      •  Nord­grie­chen­lands: gut 100
      • Skan­di­na­vi­en Finn­land ca. 430 bis 600
      • euro­päi­sches Russ­land west­lich des Ural: etwa 26.000 bis 27.000

Foto­quel­le: Wiki­pe­dia
abge­lei­tet von https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Europa_blanco_subdivisiones.PNG -

Metropole mit Charme und Stil — BRESLAU … etwas anders

Seit Jah­ren zu Indi­vi­dua­lis­ten mutiert unter­neh­men wir nur höchst­sel­ten eine Städ­te­rei­se. Men­schen­an­samm­lun­gen sind uns ein­fach suspekt. Ab und an gön­nen wir uns eine Aus­nah­me – meist zu Weih­nachts­zeit. So fiel dies­mal die Wahl auf Bres­lau. Der „Jar­mark bozo­na­r­od­ze­nio­wy“ (Weih­nachts­jar­markt) soll der schöns­te in Polen sein. Unse­re schle­si­schen Urwur­zeln befeu­er­ten die Idee und Eul­chens Shop­ping-Lust besie­gel­te die Ent­schei­dung. Wie nicht anders zu erwar­ten gehen wir den Trip etwas anders an als es die übli­chen Blog­wri­ter tun.

Bres­lau liegt an der Oder und zwi­schen vier wei­te­ren ihrer Zuflüs­se auf ins­ge­samt 12 Inseln die mit dem Fest­land über 100–300 Brü­cken ver­bun­den sind (Je nach der Zähl­wei­se zugrun­de geleg­ten Kri­te­ri­en. Wir ordern ein Zim­mer im Old Town Appar­te­ment. Ein luxu­riö­ser, moder­ner Kom­plex mit­ten im Her­zen der Alt­stadt – für ver­gleichs­wei­se erschwing­li­chen Taler. Bereits hier wer­den wir zum ers­ten mal über­rascht. Hoch­wer­ti­ge Mate­ria­li­en bis ins kleins­te Detail, mehr als voll­stän­di­ge Aus­stat­tung, groß­zü­gi­ge Räu­me (selbst das Bad), Pan­ora­ma­blick auf die impo­san­te, 1112 ein­ge­weih­te, goti­sche Adal­bert­kir­che und die fest­lich beleuch­te­te, gewal­ti­ge Gale­ria Domi­ni­kans­ka (Shop­ping Mall) und den Domi­ni­ka­ner Platz – wo selbst zu spä­ter Stun­de immer Betrieb ist.  Und den­noch schla­fen wir jede Nacht wie auf einer ein­sa­men Insel.  Ähn­li­che Appar­te­ment-Über­nach­tun­gen in Mün­chen und Ber­lin bescher­ten uns ziem­lich bil­li­ges Ambi­en­te weit ab des Zen­trums. Von den Kos­ten ganz zu schwei­gen. Ers­ter Plus­punkt für die Oder-Metro­po­le.

Gleich am Sams­tag star­ten wir zum Besuch des Weih­nachts­markts. Auch wenn es nur 500m dahin sind wird es ein sehr klei­ner Besuch ledig­lich eines der „Sei­ten­ar­me“  des Mark­tes. Unwäg­bar­kei­ten wie Buti­ken, Geschäf­te eine wei­te­re Shop­ping-Mall (davon gibt es in Bres­lau etli­che) und schließ­lich der klei­ne Hun­ger sor­gen für eine Plan­än­de­rung.

Shop­pen kann man in Polen präch­tig. Hun­der­te klei­ne und gro­ße Läden auf Schritt und Tritt – dazu für unser­eins immer noch attrak­ti­ve Prei­se, von den Schnäpp­chen ganz zu schwei­gen. Auch Essen ist in Polen ein Fest … mit einer Aus­nah­me. Der Sams­tag­nach­mit­tag bis frü­her Abend. Dazu muss man wis­sen, dass die Polen im Unter­schied zu den Deut­schen mehr­heit­lich zwi­schen 15–17 Uhr ihr Mit­tag zu sich neh­men und …. Wer was auf sich hält und es sich leis­ten kann (das kön­nen immer mehr) – führt sein Fami­lie am Sams­tag in die Gast­stät­te aus. So eine Art Sta­tus zei­gen.

Schaut der ger­ma­ni­sche Gas­tro­nom sei­ne Gäs­te zwi­schen 15–17 Uhr nicht mal mit dem A. an – kol­la­biert die gas­tro­no­mi­sche Infra­struk­tur in Polen (trotz drei bis fünf­fa­cher Anzahl der Loka­li­tä­ten) am Sams­tag fast regel­mä­ßig. In den ange­sag­tes­ten Eta­blis­se­ments geht ohne Reser­vie­rung Gar­nichts. Wenn zwei Engel auf Rei­sen sind gesche­hen aber manch­mal Wun­der. Hilf­reich ist auch unse­re gerin­ge Mann­schafts­stär­ke.  Wir ergat­tern einen Zwei­er­tisch im Masa­la – einem Indi­schen In-Lokal.

(Aus­nahms­wei­se nix von uns — son­dern ein Mar­ke­ting­vi­deo)

Hype, far­bi­ge Beleuch­tung, moder­ne Ein­rich­tung, bun­te Spei­se­kar­te und live coo­king mit drei ori­gi­nal indi­schen Köchen. Ein klei­nes Minus – die Kar­te gibt’s nur in pol­ni­scher Spra­che. Für uns kein Pro­blem😊 Nach dem raben­schen Über­set­zungs-Mara­thon tropft uns der Zahn nach 1000 ver­schie­de­nen Sachen. Geht wohl den meis­ten so – auf der Kar­te fin­den sich des­halb unter­schied­li­che Mix-Tel­ler – der umfangreis­te ist als­bald unser. Es wird eine Gau­men-Orgas­mus-Orgie. Vor­spei­sen, Cur­rys, Chi­cken, Sala­te, Soßen und natür­lich Reis – in einer Men­ge die wir trotz auf­op­fe­rungs­vol­len Ein­sat­zes nicht schaf­fen … und das will beim Raben was hei­ßen😊 Wir schaf­fen es gera­de so zurück in unser schi­ckes Appar­te­ment. Tag eins ist vor­bei – noch waren wir nicht auf dem berüch­tig­ten Weih­nachts­markt.

Der Sonntag 

begrüßt uns mit grau­em Him­mel. Hof­fent­lich bleibt es wenigs­tens regen­frei. Nach weni­gen Minu­ten Fuß­marsch errei­chen wir ein etwas indus­tri­ell anmu­ten­des, run­des Gebäu­de.

Dar­in ein­zig­ar­tig insze­niert ein monu­men­ta­les Rund­ge­mäl­de. 120 Meter breit, 15 Meter hoch, 1710 m² Flä­che. Pan­ora­ma Racla­wi­cka – Pan­ora­ma von Racla­wice heißt es und ist das ein­zi­ge sei­ner Art in Polen. Aber weder sei­ne Schön­heit noch die gigan­ti­schen Aus­ma­ße las­sen den Betrach­ter baff wer­den son­dern die Art der Prä­sen­ta­ti­on. Der Raum zwi­schen dem Zuschau­er und dem Bild wur­de kunst­voll und prä­zi­se genau mit Details aus dem Bild gestal­tet. An kei­ner ein­zi­gen Stel­le ist man sich auch nur annäh­rend sicher ob das gera­de Betrach­te­te – Deko oder Bild ist … und wir haben uns echt ange­strengt. Dage­gen ver­blasst die Dar­stel­lung des Bau­ern­kriegs­pan­ora­ma in Bad Fran­ken­hau­sen gewal­tig. Wenn die Polen schon was aus­stel­len oder zur Besich­ti­gung frei­ge­ben – dann hat das Pep, das muss man denen las­sen. (davon kön­nen wir Lie­der sin­gen und in den nächs­ten Tagen kom­men wei­te­re neue dazu).

Das Wet­ter will nicht bes­ser wer­den. Wir schlen­dern ent­lang der Oder in Rich­tung der Schlös­ser­brü­cke und kom­men an zwei Boots­an­le­gern vor­bei.

Ein Schaufelrad-Dampfer für 100 Zloty

Das größ­te Bin­nen­pas­sa­gier­schiff Polens – die Wra­tis­la­via fährt heut nicht obwohl Sonn­tag ist – shit Wet­ter eben. Am alten Hin­ter­schau­fel-Pas­sa­gier­damp­fer Wik­to­ria, weni­ge Meter wei­ter auf der Insel Pia­sek, steht ein Mann. Wir kom­men ins Gespräch. Noch ist der Kahn leer aber wenn wir fünf Kar­ten kau­fen gehört der Pott uns

… für etwa eine Stun­de. Der Deal steht – für umge­rech­net 25 Euro­nen mie­ten wir einen Rad­damp­fer samt Besat­zung. Abfahrt in 15 Minu­ten. Klei­ner Wer­muts­trop­fen – an Board gibt es kei­ne war­men Geträn­ke. Etwas aus­ge­kühlt holen wir uns, im nah gele­ge­nen Cafe, köst­lich hei­ßen Espres­so. Als wir wie­der­kom­men haben doch noch zwei Öster­rei­cher und drei Eng­län­der ein­ge­schifft. Der Deal ist hin­fäl­lig — Für nor­ma­les Ticket schip­pern wir also die Oder ent­lang nach Osten, Rich­tung ZOO. Vom Schiff aus bekommt am bes­ten mit wie groß, weit­läu­fig, grün und beson­ders Bres­lau ist. In die­ser, auf plat­tem Land gele­ge­nen Stadt gibt’s sogar eine rich­ti­ge Gon­del­bahn. Polin­ka, so heißt sie, hat eine Län­ge von 380 Metern und ver­bin­det zwei Stand­or­te der Uni­ver­si­tät mit­ein­an­der. Sie lie­gen an unter­schied­li­chen Ufern der Oder. Ver­rückt die Bres­lau­er.

Das Wet­ter wird immer besch…eidener. Nach der Damp­fer­tour geht’s auf die s.g. Gro­ße Insel. Paläs­te, Kir­chen und Kathe­dra­len las­sen wir links lie­gen. Der klei­ne Hun­ger klopft an. In freu­di­ger Erwar­tung …. unse­res nächst­jäh­ri­gen Urlaubs, heu­ern wir im U Gru­zi­na“ an – einem geor­gi­schen Imbiss. Wir ordern ein Chat­cha­pu­ri mit Fleisch­fül­lung. Ein Blick auf die Nach­bar­ti­sche sagt uns – eine Por­ti­on reicht locker für uns bei­de. Dazu rus­si­schen Chai und der klei­ne Hun­ger hat sich in Luft auf­ge­löst. Schon läs­tig wenn einem der Magen knurrt. Außer­dem, wenn der Zucker­spie­gel der Eulen­kö­ni­gin abfällt wird es für Per­so­nen in ihrer Umge­bung gefähr­lich.

Näs­se und Käl­te trei­ben uns auf dem Rück­weg in das Natio­nal­mu­se­um – oder ist es die Suche nach einer Toi­let­te? Mit den Ein­tritts­kar­ten des Pan­ora­ma-Gemäl­des kann man drei wei­te­re Objek­te Besu­chen. Was solls, zum auf­wär­men tau­chen wir ins Natio­nal­mu­se­um ein. Gleich im Unter­ge­schoss dür­fen wir den größ­ten Stolz des Hau­ses bestau­nen. Der Gold­schatz von Neu­markt – Skarb średzki – stammt aus dem 14. Jahr­hun­dert und besteht aus fast 8000 Sil­ber­mün­zen, einer Gold­kro­ne für eine Frau und wei­te­rem Goldschmuck.Er wur­de 1985 und 1988 beim Abriss alter Häu­ser in der klei­nen schle­si­schen Ort­schaft Srod­za (Neu­markt) lus­ti­ger­wei­se vom glei­chen Bag­ger­fah­rer, qua­si aus­ge­bud­delt. Der Schatz gehör­te wahr­schein­lich dem Kai­ser Karl IV der sie an einen jüdi­schen Kauf­mann ver­pfän­de­te um sei­ne Krö­nungs­fei­er zu finan­zie­ren. Wegen der Pest flo­hen aber alle aus dem Ort, der Kauf­mann ver­bud­del­te den Schatz unter sei­nem Haus.  Etwa 630 Jah­re spä­ter sitzt Rys­zard Widur­ski in sei­nem Bag­ger und trifft mit sei­ner Schau­fel, im Abstand von 3 Jah­ren, zwei­mal vor­treff­lich genau dahin wo der Jude einst die nach heu­ti­ger Schät­zung, über 60 Mil­lio­nen Euro ver­gra­ben hat. Ham­mer … äh … bes­ser Schau­fel­hart. Und wie­der prä­sen­tie­ren die Polen den Schatz per­fekt. Er ist zum Grei­fen nah – man steht kei­ne 20 cm vor ihm. Treff­lich aus­ge­leuch­tet, von allen Sei­ten bes­tens sicht­bar, kei­ne Auf­sicht die einen arg­wöh­nisch beob­ach­tet … man ist allein mit dem Schatz (ok hin­ter Glas) und kann sich alle Zeit der Welt fürs Betrach­ten las­sen.

Auch die ande­ren Aus­stel­lun­gen fas­zi­nie­ren uns. Vom Mit­tel­al­ter bis in die heu­ti­ge Zeit betrach­ten wir Gemäl­de, Skulp­tu­ren und Arte­fak­te als wür­den wir durch das Haus eines Freun­des gehen. Gemäl­de von Jan Mate­j­ko (der berühm­tes­te pol­ni­sche Maler) hän­gen hier genau­so wie Arbei­ten von Aschen­bach, Feu­er­bach und Kan­din­sky. An jedes Gemäl­de kann man bis auf einen Zen­ti­me­ter her­an, es von allen Sei­ten bestau­nen, es genie­ßen – kei­ne Kor­deln zum wah­ren des Abstands, das Per­so­nal freut sich wenn es paar Tipps geben oder eine Anek­do­te erzäh­len kann. Wir, sonst kei­ne beson­de­ren Kunst­lieb­ha­ber, sind ver­zau­bert.

In der Par­terre genie­ßen wir noch eine Limo mit dem Blick auf Polo­nia, das rie­si­ge Gemäl­de von Jan Sty­ka, dem sel­ben Maler der das Pan­ora­ma von Racla­wice gemalt hat.

Beseelt, ent­leert und gewärmt ver­las­sen wir das Natio­nal­mu­se­um. Im Appar­te­ment wird eine klei­ne Sies­ta abge­hal­ten und schon müs­sen wir zum Ter­min eilen. Dies­mal sind wir schlau­er und das obwohl es gar nicht nötig ist. Ein Tisch im roman­ti­schen Sarah in der Wlod­ko­wi­ca Stra­ße, am Ran­de der Alt­stadt ist ab 17 Uhr für uns reser­viert. Das Sarah teilt sich den gewal­ti­gen Innen­hof, bes­ser Platz, mit der schick restau­rier­ten Syn­ago­ge zum Wei­ßen Storch und ist ein ….. rich­tig … ein jid­di­sches Restau­rant. Wir lie­ben jid­di­sches Essen. Die Spei­sen sind so man­nig­fal­tig und außer­ge­wöhn­lich gewürzt. Halb ori­en­ta­lisch halb ost­eu­ro­pä­isch – den­noch irgend­wie ver­traut und auf jeden Fall aus­ge­fal­len kom­bi­niert. Als Vor­spei­se muss es bei uns immer Humus sein. Dies­mal kön­nen wir nicht ent­schei­den ob der im Sarah oder der im Masa­la bes­ser war. Rin­der­bäck­chen so zart wie ein Kin­der­po­po mit Möh­ren­mousse und  Rinds­gu­lasch nach der Art der Brü­der Barasch – mit einer Kugel geba­cke­nem Kar­tof­fel­brei und roter Bete. Die Gebrü­der Barasch betrie­ben vor dem Krieg ein Kauf­haus in Bres­lau, das heu­ti­ge Feniks. In die­sem Kauf­haus befand sich, im drit­ten Stock, ein Restau­rant mit täg­lich wech­seln­der Mit­tags­spei­se. Am Mon­tag gabs Rind😊 .  Das Sarah ver­sprüht im Ker­zen­schein sei­nen vol­len Zau­ber. Lei­se Musik, die höf­li­che Bedie­nung, der jun­ge, moder­ne, welt­män­ni­sche Chef de Rang oder gar der Besit­zer sor­gen für ein traum­haf­tes Erleb­nis. Wie­der schlie­ßen wir den Tag mit einer kuli­na­ri­schen Fern­rei­se die per­fek­ter nicht sein konn­te. Noch lan­ge schau­en wir durch das Pan­ora­ma­fens­ter auf das pul­sie­ren­de Leben auf dem Domi­ni­ka­ner­platz und las­sen das Erleb­te Revue pas­sie­ren … bis das Sand­männ­chen uns abholt. Apro­pos, wie ihr schon merkt – mit dem Weih­nachts­markt wur­de es wie­der nichts.

Es ist Mon­tag. Paar Son­nen­strah­len täu­schen einen net­ten Sight­see­ing-Day-Anfang vor. Wir fal­len drauf rein und gleich­zei­tig aus dem Bett. Es gibt noch soviel zu sehen in die­ser leb­haf­ten Stadt. Dies­mal wol­len wir das Früh­stück nicht dem Zufall über­las­sen und kom­bi­nie­ren es mit dem ers­ten Pro­gramm­punkt. Die alte Markt­hal­le – Hala tar­go­wa ist eine Insti­tu­ti­on in Bres­lau und gleich­zei­tig eine Sehens­wür­dig­keit – ähn­lich einem ori­en­ta­li­schen Basar.

In dem von außen neu­go­tisch erschei­nen­den Kom­plex von 1907 gibt es unzäh­li­ge Stän­de mit Fleisch, Geflü­gel, Obs, Gemü­se, Fisch, Süßig­kei­ten aller Cou­leur, Gewür­zen, Blu­men sowie eini­ge Hand­werks­stän­de vor­ran­gig auf der Gale­rie ober­halb der Hal­le. Am Imbis­stand besor­gen wir uns „Früh­stück“. Es wird ein Mega-XXL-Schnit­zel (für umge­rech­net 2,40€) mit Roh­kost satt – gibt’s zu jedem Haupt­gang umsonst – so viel man will. Eulen­kö­ni­gin ver­lei­ert etwas die Augen – mampft aber ein hal­bes Schwein weg wie nichts. Nur um es klar zu stel­len – es ist rich­ti­ges Schnit­zel­fleich – kein Form­fleisch, wie in manch deut­schem Restau­rant für das sechs­fa­che Geld. Und die pol­ni­schen Sala­te sind eh an Geschmack und Fri­sche nicht zu über­tref­fen. Geplät­tet und gesät­tigt ver­las­sen wir die Hal­le und beschlie­ßen unse­ren Wochen­ein­kauf, kurz vor der Abfahrt hier zu erle­di­gen.

Bunte Höfe in Nadodrze

Des Wet­ters wegen sind wir heu­te mit dem Auto unter­wegs – kön­nen also auch wei­te­re Stre­cken zurück­le­gen. Der Rabe hat in einem bres­lau­er Blog einen Geheim­tipp ent­deckt. Es geht ins Nado­drze – ein Stadt­teil nörd­lich der Innen­stadt. Irgend­wo haben wir gele­sen „wer Nado­drze nicht gese­hen hat, kennt Bres­lau nicht“ und so ist es. Die Bebau­ung besteht aus präch­ti­gen Stadt­häu­sern und Vil­len den man von wei­tem ansieht, dass sie schon bes­se­re Zei­ten erlebt haben aber dem Charme des Gan­zen kann man sich irgend­wie nicht ent­zie­hen. Der Krieg hat hier kaum Scha­den ange­rich­tet und die Kom­mu­nis­ten haben kaum etwas an den Häu­sern gemacht. Aber es tut sich was. Nach dem Krieg kam man her wegen der Ein­käu­fe, der Hand­wer­ker wegen Ver­gnü­gen und Spaß. Irgend­wann dann hieß es in Bres­lau dann nur noch „das Bes­te was du in Nado­drze bekommst ist eine auf die Fres­se“. Es sind ein­fa­che Men­schen die hier leben aber sie fül­len die­sen Stadt­teil mit einer ganz spe­zi­el­len Atmo­sphä­re aus. Und die klei­nen Innen­hof-Hand­werks­be­trie­be, klei­ne Tan­te-Ema-Läden, leib­haf­ti­ge Nach­kriegs­bä­cker, Flei­scher, gibt es noch heu­te. Einen Kaf­fee bekommt man in jedem Hin­ter­hof, aus irgend­ei­ner Tür ser­viert. Natür­lich nicht wenns kalt und nass ist – unser Pech.

Apro­pos Hin­ter­hö­fe – genau des­halb sind wir hier. Street-Art-Künst­ler haben vor eini­gen Jah­ren zusam­men mit den Bewoh­nern begon­nen ihre schmud­de­li­gen Hin­ter­hö­fe zu gestal­len. Was wir in der ul.Roosvelta zu sehen bekom­men haut uns um. In Wor­te lässt es sich kaum fas­sen. Wir strei­fen im leich­ten Nie­sel zuerst durch den west­lich gele­ge­nen Hof. Ein Kin­der­gar­ten ist hier, über den Zaun ein Kar­me­li­ten­klos­ter, ein Sank­tua­ri­um, die Uni hat ein Insti­tut hier .. es sieht biss­chen aus wie in der Bronx .. und dann ….

Bil­der, bes­ser klei­ne und gro­ße Kunst­wer­ke sagen mehr als 1000 Wor­te.

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mich kann man auch live fotografieren“

Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te geht’s wei­ter. Ein Kul­tur­zen­trum, eine Pfand­lei­he, eine Grund­schu­le, Geschäf­te von Des­sous über Com­pu­ter, Braut­klei­der, Lebens­mit­tel … usw. Wir foto­gra­fie­ren begeis­tert die unbe­schreib­li­chen Moti­ve. Fast alle Bewoh­ner haben sich in irgend­ei­ner Form hier ver­ewigt und sind stolz dar­auf, jeder hat etwas bei­gesteu­ert. Ton, Kera­mik, Tex­te, Papp­ma­schè … alles wur­de auf und in die Wän­de ein­ge­ar­bei­tet. Im Knips-Wahn über­se­hen wir fast Pani Kazia (Kazi­mie­ra). Der Rabe foto­gra­fiert eine Wand mit einer Frau und einer Kat­ze dar­auf als plötz­lich von hin­ten eine Stim­me ruft „mich kann man auch live foto­gra­fie­ren“. Als wir uns umdre­hen lächelt uns unser Wand­mo­tiv an – ok, ohne Kat­ze😊 Auch sie ist stolz auf ihr Vier­tel. Plötz­lich ist es hip hier zu leben – wo man sich frü­her geschämt hat. Es kom­men Men­schen her um es zu sehen. Niveau­vol­le Men­schen, auch aus dem Aus­land. Sogar paar Schwar­ze hat sie gese­hen, sagt sie uns. (Ist in Polen nicht selbst­ver­ständ­lich😊) Sie freut sich über ein Gespräch .. und wir erst.

Wir dach­ten hier in 20–30 Minu­ten weg zu sein um das Nächs­te zu besu­chen, nun sind es fast zwei Stun­den.

Der Skytower

Der Regen wird stär­ker. Wir ver­ab­schie­den uns von Frau Kazia und zie­hen wei­ter. Bres­lau ist zwar die viert­größ­te Stadt Polens (sechst­größ­te pol­ni­sche Stadt welt­weit nach: War­schau, Chi­ca­go, NY, Kra­kau und Lodz) aber einen Wol­ken­krat­zer hat Bres­lau erst seit sechs Jah­ren. Der Sky­to­wer ist das höchs­te Gebäu­de Polens und auf Platz 20 in Euro­pa … hej, wir wol­len da rauf. In der 49. Eta­ge gibt’s einen Aus­sichts­punkt Der Fahr­stuhl samt „Chauf­feur“ ist in etwa 50 Sekun­den oben. Wahn­sinns Pan­ora­ma (schon wie­der😊) eröff­net sich vor uns. Bei gutem Wet­ter kann man sogar die Schnee­kop­pe (1602m) sehen und die ist Luft­li­nie 98 Kilo­me­ter ent­fernt. Heu­te lei­der nicht. Immer noch nass und .. nass. Wenigs­tens nicht mehr kalt.

Weihnachtsmarkt

Ihr merkt schon, wir sind immer noch nicht auf dem Weih­nachts­markt gewe­sen. Zuerst noch Shop­ping was sonst. Shop­ping in der Gale­ria im Sky­to­wer, Shop­ping in der Are­na-Mall und Shop­ping in der Zielins­kie­go Pas­sa­ge, noch ein Schlüs­sel nach­ma­chen las­sen und die nächs­ten drei Stun­den sind weg wie nichts. Lang­sam kommt der klei­ne Quäl­geist wie­der … Huuuuuun­ger. Es ist bereits dun­kel, der Weih­nachts­markt leuch­tet aus der Fer­ne. Es fällt auf wie geräu­mig es hier ist. Viel Platz zwi­schen den Buden. Kei­ne Pol­ler, kei­ne Beton­klöt­zer, kei­ne Poli­zei­hun­dert­schaf­ten, viel­leicht eine Strei­fe. Es erklingt Musik, schö­ne, seich­te Pop­mu­sik – kei­ne schwe­ren Weih­nachts­lie­der. Alle sind aus­ge­las­sen, Ver­käu­fer haben gute Lau­ne, machen Späß­chen mit. Auf­fäl­lig auch, dass viel weni­ger Essens­stän­de und Glüh­wein­bu­den da sind. Wahr­schein­lich geht es in Polen bei einem Weih­nachts­markt um was ande­res.

Mehr­mals am Tag tre­ten Solis­ten, Zau­be­rer, Chö­re, Pan­to­mi­me und ande­re Künst­ler auf. Der Weih­nachts­markt erstreckt sich über meh­re­re Plät­ze, Stra­ßen und rund um das präch­ti­ge Rat­haus – er ist schon impo­sant. Aber zuerst wird was gemampft. Gegrill­tes für den Raben, Bak­la­va mit Humus, Fleisch und Grill­ge­mü­se für das Eul­chen … lecker.

Als es Zeit für einen Glüh­wein wird ent­de­cken wir das Hard Rock Cafe. Tja, da hat der Weih­nachts­markt wie­der Pech. Abschluss-Shop­ping (3 Shirts) ein Guin­nes und ein Sex on the Beach krö­nen den Bres­lau­be­such. Eine tol­le Stadt. Wir kom­men wie­der. Natür­lich gabs noch eine Glüh­wein im Niko­laus-Haus (auf dem Plac Sol­ny), ganz oben, im zwei­ten Stock. Mit traum­haf­ter Aus­sicht auf die vie­len Blu­men­stän­de ( … man haben die Geste­cke, Wahn­sinn) und den Bun­ten Baum auf dem Rat­haus­platz. Nun haben wir doch unse­ren ers­ten Weih­nachts­markt in die­sem Jahr besucht … und was für einen roman­ti­schen. Pan­ora­ma­fens­ter­gu­cken auf den Domi­ni­ka­ner­platz ist zum Ein­schlafri­tu­al gewor­den. Good Night.

Last Day — Dienstag

Heut müs­sen wir schon wie­der weg. Schaaaaaaaaaa­de. Ein biss­chen Zeit bleibt noch und in die­ser ent­de­cken wir … das Was­ser. Zuerst aber wird ein­ge­kauft. Leu­te, ehr­lich – soviel Spaß hat das Lebens­mit­tel-Ein­kau­fen lan­ge nicht mehr gemacht. Das fri­sches­te Fleisch, schle­si­sche Würs­te, pol­ni­sche Weiß­würs­te für Weih­nach­ten, Boc­zek (10ck Dicke-Rip­pe), Gemü­ße, But­ter, Süßig­kei­ten, Gewür­ze uvm. aber vor allem die net­ten Gesprä­che mit den Stand­frau­en mache das Bio-Shop­ping zum High­light. Und das Gan­ze für ‘n schma­len Taler. Klei­nes war­mes Früh­stück schie­ben wir in erwar­tung von 5h im Auto auch noch ein. Eul­chen Hack­bäll­chen mit Pilz­so­ße (reich­lich) für 1,50€, der Rabe wie­der Fleisch – rie­sen Hähn­chen­rou­la­de  mit Spi­nat und Gor­gon­zo­la gefüllt (3€) – dazu Roh­kost satt zur frei­en Wahl. Wie geht das .. und es schmeckt auch noch wie bei Mut­tern zu Hau­se.

Hydropolis

Von der Markt­hal­le sind es genau zwei Kilo­me­ter, ent­lang der Oder, Rich­tung Osten zum letz­ten Punkt unse­res Inter­es­ses. Ein alter, mäch­ti­ger, still­ge­leg­ter städ­ti­scher Was­ser­spei­cher wur­de zur einer phä­no­me­na­len Aus­stel­lung über Was­ser umfunk­tio­niert. Auf 4000 m² (Fuss­ball­feld) wird in die­sem Tank auf wun­der­schö­ne, fast zau­ber­haf­te Art und Wei­se alles Inter­es­san­te über das The­ma Was­ser, Unter­was­ser, Tief­see, Ozea­ne, Schif­fe: gesun­ke­ne, Grö­ßen­ver­glei­che, Tier­welt, uvm. wahn­sin­nig anschau­lich dar­ge­bo­ten. Wie­der kön­nen wir nur stau­nen wie die Polen sowas ange­hen. Ähn­li­che Aus­stel­lun­gen in D wir­ken dage­gen ange­staubt und tro­cken. Hier wird mit Licht, Visua­li­sie­run­gen, Ani­ma­tio­nen, Mul­ti­me­dia, Inter­ak­ti­on, Com­pu­ter­ef­fek­ten gear­bei­tet – man fühlt sich wie auf der Brü­cke der Enter­preis.

Kann Schal­ter dre­hen, Knöp­fe drü­cken, in die Zen­tra­le der Tri­es­te ein­stei­gen (Die Tri­es­te war ein von Augus­te Pic­card kon­stru­ier­ter Bathy­s­caph, ein U-Boot, das spe­zi­ell für die Tief­see­for­schung gebaut wur­de.), auch dort alles berüh­ren, ori­gi­nal Kame­ra­auf­nah­men sehen sowie ori­gi­nal Funk hören als wäre man per­sön­lich grad 11 000 Meter unter dem Mee­res­spie­gel, im in tie­fen des Maria­nen­gra­bens.  Es ist nicht über­trie­ben, dass es Euro­pa­weit ein­zig­ar­ti­ge Aus­stel­lung ist. Wir sind gren­zen­los begeis­tert – wenn die Polen was machen, dann machen sie es rich­tig. Wenn es inter­es­siert hier gibt’s mehr Infos. https://hydropolis.pl/de/

Das wars auch schon – bye, bye schö­nes Bres­lau. Rich­ti­ger­wei­se Wro­claw – bis bald. Es gibt noch so viel zu ent­de­cken.

P.S. Nur am Ran­de sol­len die Kras­na­le erwähnt wer­den. Zwer­ge die im gesam­ten Stadt­ge­biet ver­teilt sind. Es gibt mitt­ler­wei­le 239 von ihnen und kei­ne zwei glei­chen. Einer schwimmt sogar auf unse­rem Damp­fer Wik­to­ria mit (haben wir erst danach gele­sen). Put­zig und wit­zig sind die klei­nen Kerl­chen und nicht mehr aus Stadt­bild weg­zu­den­ken. Gan­ze Stadt­tei­le sind nach ihnen benannt (Bis­ku­pin vom Bis­ku­pik, Sępol­no vom Sępik, Szc­ze­pin vom Szc­zepik, Oporów vom Opor­nik usw. …) 😊.
– hier eine Kar­te mit ihren Stand­or­ten — http://krasnale.pl/de/

Am Koman See — Bashota “das abgelegenste Gästehaus des Kontinents”

Nach der Über­nach­tung und den geschichts­träch­ti­gen Ein­drü­cken auf Skan­der­bergs Burg in Kru­je steu­ern wir ins Pro­kle­ti­je — die alba­ni­schen Alpen.  Zwi­schen Mon­te­ne­gro, Koso­so­vo und Nord­al­ba­ni­en erstre­cken sich gewal­ti­ge Berg­mas­si­ve mit stei­len Berg­rü­cken und tief ein­ge­schnit­te­nen Tälern .. wie tief erfah­ren wir in zwei Tagen (dazu mehr im nächs­ten Bei­trag). Das stark kars­ti­ge, schrof­fe, zer­klüf­te­te Mas­siv, mit Gip­feln bis zu 2700 Metern Höhe — sieht den Alpen sehr ähn­lich.

Der Weg führt uns heu­te an den Koman-See. Eine Per­le der Schön­heit zwi­schen den Fel­sen der ver­wun­sche­nen Ber­ge. Nah dem Dorf Koman, in der Schlucht von Mal­gun, wur­de zwi­schen 1980 und 1989 eine gewal­ti­ge Stau­mau­er errich­tet — wodurch der wil­de Fluss Drin begann sich auf­zu­stau­en. Heu­te schlän­gelt sich der so ent­stan­de­ne See über 34 Kilo­me­ter lang bis zur Stau­mau­er des Fier­za Stau­sees.

Zwi­schen bei­den Orten (Koman — Fier­za) ver­kehrt eine Fäh­re. Unser ursprüng­li­cher Plan sah vor mit dem Auto, auf der Fäh­re, Valbo­na zu errei­chen — um von dort das male­ri­sche Theth zu erwan­dern. Es ist aller­dings eine 12 Kilo­me­ter-Wan­de­rung mit 1000 Metern Höhen­un­ter­schied (und einer Rück­tour 1–2 Tage spä­ter). Da wir kei­ne sehr aus­ge­präg­te Hicking­psy­cho­se haben, und den Rest des Urlaubs nicht mit Rekon­va­les­zenz zubrin­gen wol­len — wird die­ser Plan ein­stim­mig abge­lehnt. Respekt vor allen, die es geschafft haben — es soll wun­der­schön sein.

Wir beschlies­sen den See anders zu ent­de­cken. Dazu wird eine Über­nach­tung gesucht. Es gibt in der Nähe einen Cam­ping­platz und es gab wohl sowas wie ein Hotel .. bei­des macht uns nicht glück­lich.

Wir bemü­hen aus­nahms­wei­se das Airb­nb. Nicht weit von hier wird EIN ein­zi­ges Zim­mer ange­bo­ten. Die­ses Zim­mer wird zu einem unse­rer bis­her größ­ten (ende­mi­schen :)) Aben­teu­er über­haupt. Ein Eng­län­der beschreibt es in sei­nem Blog wie folgt: ” … es ist wahr­schein­lich eins der abge­le­gens­ten Gäs­te­häu­ser des Kon­ti­nents.”. Aber der Rei­he nach.

Die 120 Kilo­me­ter von Kru­ja zum Koma­ni-Lake tei­len sich in zwei Abschnit­te. Die ers­ten etwa 70 Kilo­me­ter, bis kurz nach Plez­he, fährt man zügig und bequem, ent­lang der gut aus­ge­bau­ten SH1. Dann bie­gen wir Rich­tung Mje­de ab und ab etwa Vau Deja beginnt eine male­ri­sche Fahrt auf einem schma­len, schot­te­ri­gen, löch­ri­gen Weg.

Es geht die gan­ze Zeit ent­lang des Umris­ses einer Berg­ket­te zur Rech­ten. Dann par­al­lel dazu, ent­lang des Drin-Tals, zur Lin­ken. Man spürt, dass man sich von der “Zivi­li­sa­ti­on” ent­fernt. Der Weg wird immer holp­ri­ger. Wir fah­ren immer lang­sa­mer. Für die letz­ten 33 Kilo­me­ter benö­ti­gen wir knap­pe zwei Stun­den (mit Foto- und Pipi­pau­sen). Der Weg endet an einem Tun­nel. Wir durch­fah­ren ihn und sind end­lich da. Eine etwa 50x50 Meter gro­ße, beto­nier­te Flä­che die zwei Gebäu­de und den Fähr­an­le­ger beher­bergt. Wir gön­nen uns Kaf­fee und ein kal­tes Bier­chen und schau­en dem Trei­ben auf dem künst­li­chen Eiland zu.

Ab hier beginnt unser Bas­ho­ta-Aben­teu­er. Wir setz­ten das Auto zurück vor den Tun­nel, packen zwei Mini­ruck­sä­cke mit Zahn­pas­ta, T-Shirts und Was­ser und keh­ren zu Fuß zum Koman. Ein jun­ger Mann bringt uns mit einem klei­nen Boot­chen zur Anle­ge­stel­le der Buj­ti­na.  Eul­chen glaubt bis dahin noch an einen Scherz — zumin­dest bis sie den ers­ten Schritt ans Ufer setzt.  Auf einen gro­ßen Stein ist eine Son­ne auf­ge­malt und mit roter Far­be steht auf dem nächs­ten Stein “Bas­ho­ta”. Auch unser Fähr­mann lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass wir rich­tig sind. Wie ET  hebt er den Arm und streckt sei­nen Zei­ge­fin­ger Rich­tung (fast) Him­mel aus. “good luck” sagt er noch zu Ver­ab­schie­dung und lächelt.

Es sind etwa 27 Grad. Spon­tan sprin­gen wir nackig in den Koman — das Was­ser ist ange­nehm, nicht zu kalt. Dann beginnt der Auf­stieg.

Es sind rund zwei Kilo­me­ter in denen wir etwa 400 Meter Höhe bewäl­ti­gen. Wir schwit­zen, Stol­pern, stöh­nen, äch­zen… so ähn­lich muss sich der Jakobs­weg anfüh­len. Nicht weit ent­fernt sehen wir den 1500 Meter hohen Qer­ret. Wir sind kurz vorm Ver­zwei­feln, Im nächs­ten Moment wie­der jauch­zend vor Glück ob der atem­be­rau­ben­den Aus­bli­cke. Dann wie­der zäh­ne­knir­schend weil es wei­ter steil berg­auf geht. Nach ein­andhal­ber Stun­den errei­chen wir ein ver­fal­le­nes Tor, dahin­ter ein Stein­haus mit Neben­ge­bäu­den. Sind über­glück­lich es geschafft zu haben, bis uns zwei Frau­en zu ver­ste­hen geben, dass wir nicht am Ziel sind.

Eine wei­te­re vier­tel Stun­de steil auf­wärts fin­den wir end­lich “unse­re” Buj­ti­na. Ein ein­fa­ches Stein­haus am Berg­hang. Ein Zim­mer wur­de für die Tou­ris etwas her­ge­rich­tet. Vier Bet­ten, ein Ofen, ein Tisch, eine wack­li­ge Steck­do­se, eine Lam­pe. Drau­ßen von Wein­tra­ben und Kiwis ver­han­gen, ein drei Meter brei­ter Strei­fen, ent­lang des Hau­ses — mit zweit Tischen und paar Stüh­len. Kin­der spie­len Ball, Hüh­ner zwi­schen den Bei­nen, ein Hund bellt auf­ge­regt an der Ket­te.

Toi­let­te und Wasch­ge­le­gen­heit sind hin­ter dem Haus, eben­falls am Hang, jeweils in einer Holz- oder Blech­bu­de. Ein­fach eben aber wir woll­ten erfah­ren wie die Men­schen hier in den Ber­gen leben. Es leben übri­gens nur die­se bei­den Fami­li­en hier oben, Die Nächs­te Men­schen­sied­lung ist paar Kilo­me­ter ent­fernt.

Durch­ge­schwitzt und völ­lig abge­kämpft begrü­ßen wir die alba­ni­sche Fami­lie, die für die nächs­ten Tage unser Gast­ge­ber sein wird. Eins steht zu die­sem Zeit­punkt jeden­falls fest. Die­se Stra­pa­ze nicht noch­mal!!! Den nächs­ten Tag blei­ben wir hier oben — wir rüh­ren uns kein Stück.

Bereits eine Stun­de spä­ter sieht die Welt schon wie­der freund­li­cher aus. Aus­ge­ruht, mit Was­ser und Raki abge­füllt, schmie­den wir einen neu­en Plan. Ein Boot wird per SMS für halb acht an den Stein­hau­fen geor­dert. Die Zeit hier in Alba­ni­en ist viel zu kost­bar um die Tage zu ver­plem­pern :)))

Die Fami­lie ist sehr nett und noch mehr bemüht spricht aber kei­ne Fremd­spra­che. Ledig­lich Andrea, ein 12 Jäh­ri­ger, der bei sei­nen Groß­el­tern die Feri­en ver­bringt kann sich mit uns unter­hal­ten. So erfah­ren wir beim gemein­sa­men Abend­essen etwas über das Leben hier und die Fami­lie. Ler­nen gemein­sam Voka­beln und üben die rich­ti­ge Aus­spra­che. Etwas spät gibt es end­lich Abend­essen. Die Wei­ße Boh­nen­sup­pe mit Zie­gen­fleisch ist ober­le­cker, der selbstan­ge­bau­te und ver­ar­bei­te­te Wein auch, nach wei­te­ren drei Raki schla­fen wir herr­lich.

Nach dem Früh­stück beginnt der Abstieg. Der hats eben­falls in sich. Wir sind zwar in einer Stun­de am “Stein” aber eine Sekun­de Unauf­merk­sam­keit könn­te mit dem Absturz enden und ein Not­arzt in die­ser Pam­pa??? Soweit kommt es nicht und auch das Boot ist pünkt­lich da. Unse­re “Ver­mie­ter” kom­men mit eini­gen bepack­ten Eseln übri­gens auch an die “Anle­ge­stel­le”. Sie sind eine hal­be Stun­de nach uns los­ge­lau­fen … mit bil­li­gen Turn­schu­hen an den Füßen.

Die Über­fahrt zählt defi­ni­tiv zu den schöns­ten Fähr­fahr­ten Euro­pas — wenn es nicht sogar die schöns­te ist. Etwa 2,5 Stun­den schlän­gelt man sich durch 50–400 Meter brei­ten Can­yon, zwi­schen schrof­fen, kars­ti­gen Fels­gip­feln, dann wie­der zwi­schen bewal­de­ten Ber­gen. Tie­fe Schluch­ten zur Rech­ten und zur Lin­ken bil­den eine ein­ma­li­ge Kulis­se. Hin­ter jeder Bie­gung des Sees immer wie­der neue, atem­be­rau­ben­de Pan­ora­men. So müs­sen nor­we­gi­sche Fjor­de aus­se­hen nur unun­ter­bro­chen 150 Minu­ten lang — wahn­sin­nig schön.

Es kur­sie­ren zwei Fäh­ren zwi­schen Koman nach Fier­ze. Bei­de legen um 9:00 Uhr ab. Wir heu­ern auf der grö­ße­ren, an. Da ist wenigs­tens eine klei­ne The­ke, die kal­te Geträn­ke anbie­tet. Die klei­ne­re betreibt Mario Mol­la. Mario ist eine Insti­tu­ti­on hier am Koman. Er hat aus einem alten Bus eine Fäh­re gebaut und trans­por­tiert damit Gäs­te auch zum Gast­haus sei­ner Fami­lie etwa auf der Hälf­te des Sees. Mit uns an Bord der “Bari­sha” ein hol­län­di­scher Old­ti­mer-Club. Gut 15 Autos und die Besat­zun­gen dazu. Auch paar pol­ni­scher Biker sind mit von der Par­tie. Etli­che jun­ge Leu­te mit Ruck­sack wol­len sicher in das Valbo­na-Tal. Es hat sich wahr­schein­lich her­um­ge­spro­chen, dass die Bal­kan­län­der ein­fach wun­der­schön sind was die Natur, das Essen und die Gast­freund­schaft betrifft. Wir hof­fen, dass Alba­ni­en in den nächs­ten Jah­ren von Tou­ris­ten nicht über­rollt wird.

In Fier­ze (eigent­lich in der Pam­pa einen Kilo­me­ter davor) legt die Beri­sha kurz vor halb 12 an. Außer einem klei­nen Cafe ist hier nichts. Autos und Moto­rä­der rol­len von Bord. Auf das Fuß­volk war­ten Klein­bus­se, die es nach wahl­wei­se nach Fier­ze, Valbo­na oder wei­ter brin­gen. Die Fäh­re fährt 13 Uhr wie­der zurück. Wir genie­ßen einen Kaf­fee und einen klei­nen Imbiss (bei­des gabs auf der Fäh­re nicht — nur kal­te Geträn­ke) und eine klei­ne Folk­lo­re-Ein­la­ge. So sind sie, die Alba­ner — freund­lich, aus­ge­las­sen und gut drauf.

Die Rück­fahrt lie­fert wie­der neue Ein­drü­cke, neue Aus­sich­ten und neue Fotos. Wir ler­nen eine allein rei­sen­de Deut­sche Ruck­sack­tou­ris­tin ken­nen, die Zeit ver­geht wie im Flug. Wie­der am Anle­ger in Koman — über­fällt der Rabe einen klei­nen Grill. Eine Frau bie­tet Meat­balls und Hähn­chen­stü­cke an. Wohl­wis­send, dass in der Bas­ho­ta Vega­nes In ist — bring der Rabe sei­nen Eiweiß- und Fett­spie­gel auf ein Bevor­ra­tungs-Niveau.

Danach wie­der mit einem Boot über­setz­ten, nackt baden und die Stra­pa­zen des Auf­stiegs. Dies­mal scheint es uns irgend­wie leich­ter zu fal­len. Zwar brau­chen wir immer noch gut 90 Minu­ten, sind danach aber nicht ganz so geschafft wie am Vor­tag. Wir sind jeden­falls stolz, es zum zwei­ten Mal geschafft zu haben. Den Rest des Tages, bes­ser Abends ver­brin­gen wir mit Andrea — dem Jun­gen. Am liebs­ten spielt er WWM auf dem Ipad. Wenn wir ihm die Fra­gen über­setz­ten kennt er erstaun­lich vie­le Ant­wor­ten. (Ob sie ein deut­scher Fünft­kläss­ler genau so beant­wor­ten könn­te???)

Mama Ema­nu­el und die Cou­sins Niko­la und Lean­dro gehen ihrem nor­ma­len Tages­ab­lauf nach. Die Köni­gin küm­mert sich mit Papa Gjon um die Zie­gen. Lei­der ist da die­se Sprach­bar­rie­re — aber mit Hän­den und Füßen klappt auch die Zie­gen­füt­te­rung ganz ordent­lich. Etwas leid tut uns Bar­dosh, der Hund. Er bleibt bei­de Tage an der Ket­te. Angeb­lich kann er, wenn kei­ne Frem­den da sind aber frei lau­fen.

Abends eine Über­ra­schung. Der Rabe hat sich ges­tern sowas wie Zazi­ki gewünscht. Hat uns .. in NIvi­ca so lecker gezau­bert. Mama Ema­nu­el zau­bert auch. Hier oben eben mit fri­schem Zie­gen­quark, vieeeeel Knob­lauch und was sonst dazu gehört. Der Eule mun­det es nicht so — der Rabe ist glück­lich. Das Gericht heißt übri­gens Sal­cë kosi. Den Rest der Mahl­zeit machen Toma­ten, Gur­ken, Zie­gen­kä­se und wei­ße Boh­nen­sup­pe. Es wird geges­sen was hier oben ange­baut und geern­tet wird. So leben die­se Men­schen hier und sind glück­lich. Das selbst­ge­ba­cke­ne Brot ist jeden­falls vor­züg­lich.

Bei Zei­ten fal­len wir ins Bett und schla­fen durch wie die Mur­mel­tie­re. Mor­gen kön­nen wir etwas län­ger grun­zen. Das Boot haben wir für um 10:00 bestellt. Früh­stück, Abschied und Abstieg — wir wol­len noch ein­mal im See baden. Alles klappt wie ein Län­der­spiel. Noch ein Kaf­fee in der Bar bei der Fäh­re und wir kön­nen für heu­te unse­re Wan­der­schu­he aus­zie­hen. Es geht nach Theth … was auf dem Weg auf uns war­tet, lässt sich kaum in Wor­te fas­sen. Es wird die aben­teu­er­lichs­te Fahrt in unse­rem Leben — und der Rabe hat bestimmt mehr als 600 000 Kilo­me­ter in so eini­gen Län­dern die­ser Welt abge­spult.

Albanische Adria und auf Skanderbegs Spuren in Kruja

Albanische Adria — Orikum — einst griechische Kolonie, heute Touristenzentrum.

Heu­te geht’s an die Alba­ni­sche Adria. Die Eule hat eine schö­ne Über­nach­tung direkt am Strand von Ori­kum gefun­den. Ori­kum liegt, so zu sagen, an der Gren­ze zwi­schen der Adria und der Rivie­ra, einen Kilo­me­ter vom Meer ent­fernt, und war ein eher unbe­deu­ten­des Nest,. In der Anti­ke lag der Ort rund 5 Kilo­me­ter süd­li­cher, auf einem Hügel, nah am Was­ser. Dort ist heu­te mili­tä­ri­sches Speer­ge­biet — eine Mari­ne­ba­sis. Lei­der kann man des­we­gen die ziem­lich gut erhal­te­nen anti­ken Rui­nen nicht besich­ti­gen. Der Rabe — hat des­we­gen, und wegen einer Besuchs­er­laub­nis der  still­ge­leg­ten Uboot-Basis Por­to Paler­mo, extra eine Mail an die alba­ni­sche Mari­ne ver­fasst, bekam jedoch bis heu­te kei­ne Ant­wort.

Erst um das Jahr 2000 begann hier der Tou­ris­mus zu blü­hen. Die meis­ten Tou­ris­ten sind Alba­ner aus Alba­ni­en, Koso­vo, Maze­do­ni­en, Mon­te­ne­gro und Ser­bi­en sowie Emi­gran­ten auf Hei­mat­ur­laub. In den Som­mer­mo­na­ten ist mitt­ler­wei­le sicher eini­ges los hier. Wir suchen wie immer men­schen­lee­re Ecken. Unser klei­nes Hotel­chen liegt am äußers­ten Orts­rand. Zwei Kilo­me­ter wei­ter, genau am Ende der Bucht von Vlo­ra, befin­det sich schon die Mari­ne­ba­sis. Das hat bei uns Metho­de — Ruhe, Stil­le, kei­ne (oder kaum) Men­schen. Eul­chens Plan geht voll­stän­dig auf. Es ist Nach­sai­son — im Maxola’s Dream sind wir (fast) die ein­zi­gen Gäs­te. Ledig­lich ein Auto, mit pol­ni­schen Kenn­zei­chen, parkt sich neben unse­rem  noch ein.

Die Zim­mer sind win­zig, mit Bam­bus geschmückt (wir füh­len uns wie in einer Hüt­te in Thai­land) aber es ist pieksau­ber und zum Meer sind es kei­ne 10 Meter. Papi, der Besit­zer, ist super freund­lich und macht all unse­re klei­nen Wün­sche mög­lich. Zuerst wer­den wir aber mit einem Raki begrüßt. Dazu noch Zazi­ki und Glas Wein und das “Kaf­fee­trin­ken” ist erle­digt. Beim “Erst-Wäs­sern” im war­men Adria-Was­ser, spricht der Rabe, am Strand, den “ande­ren” Gast an. Der pol­ni­sche Unter­neh­mer und Früh­rent­ner ent­puppt sich als amü­san­ter Gesprächs­part­ner. Wir ver­ab­re­den uns zum Abend­essen.

Papi hat der­weil mit­be­kom­men, dass der Rabe des pol­ni­schen mäch­tig ist und emp­fängt uns im Pol­s­ka-Shirt, total süß. Der Wunsch nach gegrill­ter Zie­ge wird dem Raben spon­tan erfüllt — Zie­gen gibt es hier über­all:)

Andrzej, erscheint allein zum Essen — sei­ne Rei­se­be­glei­te­rin ist unpäss­lich. Im Lau­fe des Abends erfah­ren wir sei­ne ein­zig­ar­ti­ge und zugleich kurio­se Lebens­ge­schich­te. Eine wah­re Odys­see zwi­schen den Fron­ten des kal­ten Krie­ges. Andrzej war mit­te-ende der 70er mit einer Rus­sin ver­hei­ra­tet. Anfang-mit­te der 80er mit einer Ame­ri­ka­ne­rin. Die woll­te die USA aber nicht nach Polen ver­las­sen — Andrzej woll­te zurück nach Polen — so war es abge­macht. Das Dilem­ma fabri­zier­te ein Kind, von dem Andrzej nach 5 Jah­ren auch etwas erfuhr. Er war wohl der ein­zi­ge Pole der Ali­men­te in die USA über­wies. Die Toch­ter ist heu­te über 40, erfolg­rei­che Ärz­tin und hat guten Draht zum Papa. Übri­gens genau so wie sei­ne ers­te Frau, die Rus­sin — mit der er grad in Alba­ni­en unter­wegs ist. Aber nur für Urlaub, wie er betont, sonst zu anstren­gend😊 — flüs­tert er uns zu und lächelt.

In der Nacht gibt es einen Strom­aus­fall — wie haben wir es mit­be­kom­men? Die Köni­gin wird halb wach und sieht die Hand vor den Augen nicht — dun­kel, schwarz, dun­kel­schwarz. Nicht ein hel­les Pünkt­chen, kein Stern, Licht­schlitz unter der Tür — Die Eule glaubt erblin­det zu sein. Dem­entspre­chend fällt die Panik aus. Auch der Rabe wacht auf — sieht eben­falls nichts, denkt aber nicht zuerst an Augen­licht­ver­lust son­dern eben an .… Strom­aus­fall.

Ori­kum, haben wir aus­ge­wählt um uns vor den alba­ni­schen Alpen “zu erho­len 😊” und uns etwas im Meer zu räkeln. Papi hat “no pro­blem” mit Late-check-out, und so küh­len wir unse­re olym­pi­schen Kör­per  schon kurz nach dem Früh­stück in der Adria. Das Wet­ter ist, trotz Mit­te-Sep­tem­bri­ger-Nach­sai­son — traum­haft, das Was­ser sechs-sie­ben­und­zwan­zig Grad warm, die Geträn­ke­ver­sor­gung vom Hotel­chen flutscht, der Strand ist Men­schen­leer — was will man mehr.

Vol­le drei Stun­den ver­edeln wir unse­re Haut­bräu­ne mit sand­re­flek­tier­ten Son­nen­strah­len unter einer Umbrel­la. Ok, die Eule will es Hard­core und “bucht” ne hal­be Stun­de Direkt­be­strah­lung. Danach sind wir aber “satt” — wir freun uns schon auf die Wei­ter­fahrt. Heu­te wol­len wir etwa die hal­be Stre­cke zu Koman-See erle­di­gen. Die Logis­tik-Offi­zie­rin hat eine Über­nach­tung auf der Burg von Kru­ja gefunden.Festung

Festung KRUJA — auf Skanderbegs Spuren im Herzen  Geschichte ganz nah

Sicher haben schö­ne Fotos und super Bewer­tun­gen den Aus­schlag für unse­re heu­ti­ge Über­nach­tung gege­ben. In welch bedeut­sa­men Mau­ern wir heu­te über­nach­ten wer­den, wird uns, wie so oft, erst rich­tig bei der Recher­che zu die­sem Arti­kel bewusst.

Die Stadt Kru­ja liegt am west­li­chen Steil­hang des Mali i Kru­jës (1176m ü.M). Über der Stadt thront seit 1190 eine Fes­tung. In die­sem Jahr wur­de das Fürs­ten­tum Arba­non gegründ­det — mit der Burg Kru­ja als Herr­schafts­zen­trum. Es war das ers­te vom alba­ni­schen Adel beherrsch­te Fürs­ten­tum. 1415 wur­de Kru­ja durch osma­ni­sche Trup­pen erobert. In der Mit­te des 15. Jahr­hun­derts erober­te Skan­der­beg mit sei­ner Liga von Lezha die Stadt zurück und ver­tei­dig­te von der Fes­tung aus Alba­ni­en meh­re­re Jahr­zehn­te gegen die vor­drin­gen­den Osma­nen. Die­se grif­fen die Burg danach wie­der­holt an, so zum Bei­spiel bei der mona­te­lan­gen, aber erfolg­lo­sen Bela­ge­rung im Jahr 1450. Erst 10 Jhre nach dem Tod Skan­der­begs konn­ten die Tür­ken 1478 Kru­ja und ganz Alba­ni­en voll­stän­dig beset­zen und mehr als 400 Jah­re beherr­schen.

Wir sind nun das zwei­te Mal in Alba­ni­en und durch­rei­sen es wiss­be­gie­rig — haben aber den Natio­nal­hel­den des Lan­des — Skan­der­beg -bis­her aus unse­ren Bei­trä­gen wei­test­ge­hend raus­ge­hal­ten. Nun geht es nicht mehr😊

Skan­de­beg wur­de 1405  in der Gegend von Kru­ja gebo­ren. Er war ein Fürst aus dem Adels­ge­schlecht der Kas­trio­ti und ein Mili­tär­kom­man­deur, der von Jah­re dem Osma­ni­schen Reich,  4 Jah­re der Repu­blik Vene­dig und ab 1451 bis zu sei­nem Tod dem König­reich Nea­pel dien­te. Durch sei­ne Ver­tei­di­gung des Fürs­ten­tums Kas­trio­ti gegen die Osma­nen wur­de er berühmt und erhielt 1457 von Papst Calix­tus III. sowohl den Titel „Ver­tei­di­ger des Glau­bens“) als auch den Ehren­ti­tel „Ver­tei­di­ger des Chris­ten­tums“. Seit Jahr­hun­der­ten wird er von den Alba­nern als „Natio­nal­held“ gefei­ert. Die Fes­tung Kru­ja selbst ist für die alba­ni­sche Nati­on ein his­to­ri­sches Hei­lig­tum.

Und nun sucht das Eulen­tier eine Über­nach­tung hier. Im unte­ren Teil der Fes­tung befin­den sich eini­ge klei­ne Wohn­häu­ser, in denen noch immer Fami­li­en leben. Ganz oben auf dem Burg­hü­gel, mit­ten­drin zwi­schen den Rui­nen — ste­hen nur noch 2–3 Gebäu­de die ein Restau­rant und paar Gäs­te­zim­mer beher­ber­gen. Genau hier im Zen­trum der eins­ti­gen Macht, Mit­ten im Hei­ligs­ten Ort Alba­ni­ens, da wo der Natio­nal­held sei­ne Hel­den­ta­ten über Jahr­zehn­te voll­brach­te — buchen wir ein kusch­li­ges Zim­mer.

Die Brü­der Emi­lia­no, die wir selbst am nächs­ten Tag kaum aus­ein­an­der hal­ten kön­nen, sind nicht nur jung, geschäfts­tüch­tig und gast­freund­lich son­dern auch sehr um das Wohl ihrer Gäs­te bemüht.

Nach dem Check Inn und einem klei­nen, küh­len Bier­chen (die Son­ne glüht seit Tagen ordent­lich) hält es die Eule nicht ruhig. Am Fuße des Burg­hü­gels liegt eine restau­rier­te Basar­stra­ße mit einer Moschee aus dem 16. Jhd. Hun­der­te klei­ne Geschäf­te buh­len um Kun­den. Die Köni­gin ver­fällt augen­blick­lich in Shop­ping-Sta­se. Die Augen wer­den groß und gie­rig, der Kör­per tän­zelt schein­bar unkon­trol­liert zwi­schen den Stän­den in pani­scher Angst etwas zu über­se­hen, die akus­ti­sche Emp­fang sinkt gegen Null bis … ja bis die ers­te Beu­te erlegt ist. Dies­mal ein hand­ge­fer­tig­ter Sil­ber-Ring. Anschlie­ßend geht es Schlag auf Schlag. Für unse­re Nym­phen­nan­ny ein sil­ber­nes Täsch­lein, für das Eul­chen und Grün­mom kusche­li­ge Haus­schu­he aus Schaf­wol­le, natür­lich Hand­ma­de und für den Raben … NIX. Die aku­te Pha­se des Ein­kaufs­wahns ist über­stan­den😊

Auf dem Rück­weg zur Burg ent­deckt das Eul­chen einen Mann in einem DDR T-Shirt. Wir kom­men ins Gespräch und haben ganz spon­tan einen eige­nen Burg -Füh­rer. Shel­zen zeigt und das Hamam, den gehei­men Flucht­tun­nel aus der Burg und die Dol­ma-Tek­ke der Bek­ta­shi­ten, west­li­chen, unte­ren Rand der Fes­tungs­an­la­ge. Vom his­to­ri­schen Der­wisch­klos­ter ist noch die Tür­be von Haxhi Mus­ta­fa Baba erhal­ten, die in den 1770er Jah­ren erbaut wor­den ist. Im Gar­ten der Tek­ke steht ein 1000 Jäh­ri­ger Oli­ven­hain. Lei­der ließ ein Erd­be­ben im Jahr 1617 Fels­wän­de im süd­öst­li­chen Bereich ein­fal­len, was die dar­über­lie­gen­de Burg­mau­er zer­stör­te. Die Osma­nen haben die Burg bei ihrem Abzug, Mit­te des 19. Jahr­hun­derts geschleift — heißt unbrauch­bar gemacht. Sie wur­de bis heu­te nicht wie­der voll­stän­dig auf­ge­baut — aber die ver­blie­be­nen Gebäu­de, Mau­ern, die Tek­ke, der Hamam, ein Wehr­turm, Geheim­gän­ge usw. zeu­gen leb­haft von eins­ti­ger Grö­ße und Bedeu­tung.

Wir ent­loh­nen Shelz­an groß­zü­gig — er ver­dingt sich schwarz als Burg­füh­rer um sein Fami­lie zu ernäh­ren, und das erst in den Abend­stun­den, wenn die “offi­zi­el­len” Füh­rer schon weg sind. Wir sind zufrie­den und dank­bar für eine umfang­rei­che end eben per­sön­li­che Füh­rung.

Aus­ge­hun­gert keh­ren wir in unse­re Unter­kunft. Es sind nur weni­ge Meter hoch zum höchst gele­ge­nen Haus der Fes­tungs­an­la­ge. In roman­ti­scher Stim­mung des Son­nen­un­ter­gangs, voll­ge­saugt mit Ein­drü­cken und der His­to­rie die­ses Ortes, ver­zeh­ren wir die Köst­lich­kei­ten des Hau­ses. Ein Mehr­gang­me­nü wird uns auf­ge­tra­gen — lecke­re Boh­nen, Bürek, Schaf­würst­chen und, und, und. Spä­ter gehen noch mit einem Gläs­chen Wein zum Ster­nen­gu­cken — wun­der­voll.

Das Gefühl hier, wo Alba­ni­ens Schick­sal geschmie­det wur­de, zu wan­deln, zu spei­sen, den Nacht­him­mel, den Son­nen­un­ter­gang und -auf­gang zu genie­ßen ist unbe­schreib­lich. Ein­mal hier oben, begreift man auch war­um die Fes­tung, mona­te­lan­gen Bela­ge­run­gen schein­bar mühe­los, stand­hielt. Der Blick ist unbe­schreib­lich. Wir ver­su­chen es irgend­wie auf Foto zu ban­nen. Beim Früh­stück an einem ein­sa­men Tisch, auf dem höchs­ten Hügel der Burg las­sen wir unse­re Droh­ne abhe­ben und fil­men — am bes­ten soll­te man selbst hier hoch kom­men und genie­ßen.

Wir ver­ab­schie­den uns von den  Emi­lia­nos und len­ken unse­ren Suzu­ki zum Koman-See. Na das wird erst ein Aben­teu­er. Lest selbst.