Am Koman See — Bashota “das abgelegenste Gästehaus des Kontinents”

Nach der Über­nach­tung und den geschichts­träch­ti­gen Ein­drü­cken auf Skan­der­bergs Burg in Kru­je steu­ern wir ins Pro­kle­ti­je — die alba­ni­schen Alpen.  Zwi­schen Mon­te­ne­gro, Koso­so­vo und Nord­al­ba­ni­en erstre­cken sich gewal­ti­ge Berg­mas­si­ve mit stei­len Berg­rü­cken und tief ein­ge­schnit­te­nen Tälern .. wie tief erfah­ren wir in zwei Tagen (dazu mehr im nächs­ten Bei­trag). Das stark kars­ti­ge, schrof­fe, zer­klüf­te­te Mas­siv, mit Gip­feln bis zu 2700 Metern Höhe — sieht den Alpen sehr ähn­lich.

Der Weg führt uns heu­te an den Koman-See. Eine Per­le der Schön­heit zwi­schen den Fel­sen der ver­wun­sche­nen Ber­ge. Nah dem Dorf Koman, in der Schlucht von Mal­gun, wur­de zwi­schen 1980 und 1989 eine gewal­ti­ge Stau­mau­er errich­tet — wodurch der wil­de Fluss Drin begann sich auf­zu­stau­en. Heu­te schlän­gelt sich der so ent­stan­de­ne See über 34 Kilo­me­ter lang bis zur Stau­mau­er des Fier­za Stau­sees.

Zwi­schen bei­den Orten (Koman — Fier­za) ver­kehrt eine Fäh­re. Unser ursprüng­li­cher Plan sah vor mit dem Auto, auf der Fäh­re, Valbo­na zu errei­chen — um von dort das male­ri­sche Theth zu erwan­dern. Es ist aller­dings eine 12 Kilo­me­ter-Wan­de­rung mit 1000 Metern Höhen­un­ter­schied (und einer Rück­tour 1–2 Tage spä­ter). Da wir kei­ne sehr aus­ge­präg­te Hicking­psy­cho­se haben, und den Rest des Urlaubs nicht mit Rekon­va­les­zenz zubrin­gen wol­len — wird die­ser Plan ein­stim­mig abge­lehnt. Respekt vor allen, die es geschafft haben — es soll wun­der­schön sein.

Wir beschlies­sen den See anders zu ent­de­cken. Dazu wird eine Über­nach­tung gesucht. Es gibt in der Nähe einen Cam­ping­platz und es gab wohl sowas wie ein Hotel .. bei­des macht uns nicht glück­lich.

Wir bemü­hen aus­nahms­wei­se das Airb­nb. Nicht weit von hier wird EIN ein­zi­ges Zim­mer ange­bo­ten. Die­ses Zim­mer wird zu einem unse­rer bis­her größ­ten (ende­mi­schen :)) Aben­teu­er über­haupt. Ein Eng­län­der beschreibt es in sei­nem Blog wie folgt: ” … es ist wahr­schein­lich eins der abge­le­gens­ten Gäs­te­häu­ser des Kon­ti­nents.”. Aber der Rei­he nach.

Die 120 Kilo­me­ter von Kru­ja zum Koma­ni-Lake tei­len sich in zwei Abschnit­te. Die ers­ten etwa 70 Kilo­me­ter, bis kurz nach Plez­he, fährt man zügig und bequem, ent­lang der gut aus­ge­bau­ten SH1. Dann bie­gen wir Rich­tung Mje­de ab und ab etwa Vau Deja beginnt eine male­ri­sche Fahrt auf einem schma­len, schot­te­ri­gen, löch­ri­gen Weg.

Es geht die gan­ze Zeit ent­lang des Umris­ses einer Berg­ket­te zur Rech­ten. Dann par­al­lel dazu, ent­lang des Drin-Tals, zur Lin­ken. Man spürt, dass man sich von der “Zivi­li­sa­ti­on” ent­fernt. Der Weg wird immer holp­ri­ger. Wir fah­ren immer lang­sa­mer. Für die letz­ten 33 Kilo­me­ter benö­ti­gen wir knap­pe zwei Stun­den (mit Foto- und Pipi­pau­sen). Der Weg endet an einem Tun­nel. Wir durch­fah­ren ihn und sind end­lich da. Eine etwa 50x50 Meter gro­ße, beto­nier­te Flä­che die zwei Gebäu­de und den Fähr­an­le­ger beher­bergt. Wir gön­nen uns Kaf­fee und ein kal­tes Bier­chen und schau­en dem Trei­ben auf dem künst­li­chen Eiland zu.

Ab hier beginnt unser Bas­ho­ta-Aben­teu­er. Wir setz­ten das Auto zurück vor den Tun­nel, packen zwei Mini­ruck­sä­cke mit Zahn­pas­ta, T-Shirts und Was­ser und keh­ren zu Fuß zum Koman. Ein jun­ger Mann bringt uns mit einem klei­nen Boot­chen zur Anle­ge­stel­le der Buj­ti­na.  Eul­chen glaubt bis dahin noch an einen Scherz — zumin­dest bis sie den ers­ten Schritt ans Ufer setzt.  Auf einen gro­ßen Stein ist eine Son­ne auf­ge­malt und mit roter Far­be steht auf dem nächs­ten Stein “Bas­ho­ta”. Auch unser Fähr­mann lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass wir rich­tig sind. Wie ET  hebt er den Arm und streckt sei­nen Zei­ge­fin­ger Rich­tung (fast) Him­mel aus. “good luck” sagt er noch zu Ver­ab­schie­dung und lächelt.

Es sind etwa 27 Grad. Spon­tan sprin­gen wir nackig in den Koman — das Was­ser ist ange­nehm, nicht zu kalt. Dann beginnt der Auf­stieg.

Es sind rund zwei Kilo­me­ter in denen wir etwa 400 Meter Höhe bewäl­ti­gen. Wir schwit­zen, Stol­pern, stöh­nen, äch­zen… so ähn­lich muss sich der Jakobs­weg anfüh­len. Nicht weit ent­fernt sehen wir den 1500 Meter hohen Qer­ret. Wir sind kurz vorm Ver­zwei­feln, Im nächs­ten Moment wie­der jauch­zend vor Glück ob der atem­be­rau­ben­den Aus­bli­cke. Dann wie­der zäh­ne­knir­schend weil es wei­ter steil berg­auf geht. Nach ein­andhal­ber Stun­den errei­chen wir ein ver­fal­le­nes Tor, dahin­ter ein Stein­haus mit Neben­ge­bäu­den. Sind über­glück­lich es geschafft zu haben, bis uns zwei Frau­en zu ver­ste­hen geben, dass wir nicht am Ziel sind.

Eine wei­te­re vier­tel Stun­de steil auf­wärts fin­den wir end­lich “unse­re” Buj­ti­na. Ein ein­fa­ches Stein­haus am Berg­hang. Ein Zim­mer wur­de für die Tou­ris etwas her­ge­rich­tet. Vier Bet­ten, ein Ofen, ein Tisch, eine wack­li­ge Steck­do­se, eine Lam­pe. Drau­ßen von Wein­tra­ben und Kiwis ver­han­gen, ein drei Meter brei­ter Strei­fen, ent­lang des Hau­ses — mit zweit Tischen und paar Stüh­len. Kin­der spie­len Ball, Hüh­ner zwi­schen den Bei­nen, ein Hund bellt auf­ge­regt an der Ket­te.

Toi­let­te und Wasch­ge­le­gen­heit sind hin­ter dem Haus, eben­falls am Hang, jeweils in einer Holz- oder Blech­bu­de. Ein­fach eben aber wir woll­ten erfah­ren wie die Men­schen hier in den Ber­gen leben. Es leben übri­gens nur die­se bei­den Fami­li­en hier oben, Die Nächs­te Men­schen­sied­lung ist paar Kilo­me­ter ent­fernt.

Durch­ge­schwitzt und völ­lig abge­kämpft begrü­ßen wir die alba­ni­sche Fami­lie, die für die nächs­ten Tage unser Gast­ge­ber sein wird. Eins steht zu die­sem Zeit­punkt jeden­falls fest. Die­se Stra­pa­ze nicht noch­mal!!! Den nächs­ten Tag blei­ben wir hier oben — wir rüh­ren uns kein Stück.

Bereits eine Stun­de spä­ter sieht die Welt schon wie­der freund­li­cher aus. Aus­ge­ruht, mit Was­ser und Raki abge­füllt, schmie­den wir einen neu­en Plan. Ein Boot wird per SMS für halb acht an den Stein­hau­fen geor­dert. Die Zeit hier in Alba­ni­en ist viel zu kost­bar um die Tage zu ver­plem­pern :)))

Die Fami­lie ist sehr nett und noch mehr bemüht spricht aber kei­ne Fremd­spra­che. Ledig­lich Andrea, ein 12 Jäh­ri­ger, der bei sei­nen Groß­el­tern die Feri­en ver­bringt kann sich mit uns unter­hal­ten. So erfah­ren wir beim gemein­sa­men Abend­essen etwas über das Leben hier und die Fami­lie. Ler­nen gemein­sam Voka­beln und üben die rich­ti­ge Aus­spra­che. Etwas spät gibt es end­lich Abend­essen. Die Wei­ße Boh­nen­sup­pe mit Zie­gen­fleisch ist ober­le­cker, der selbstan­ge­bau­te und ver­ar­bei­te­te Wein auch, nach wei­te­ren drei Raki schla­fen wir herr­lich.

Nach dem Früh­stück beginnt der Abstieg. Der hats eben­falls in sich. Wir sind zwar in einer Stun­de am “Stein” aber eine Sekun­de Unauf­merk­sam­keit könn­te mit dem Absturz enden und ein Not­arzt in die­ser Pam­pa??? Soweit kommt es nicht und auch das Boot ist pünkt­lich da. Unse­re “Ver­mie­ter” kom­men mit eini­gen bepack­ten Eseln übri­gens auch an die “Anle­ge­stel­le”. Sie sind eine hal­be Stun­de nach uns los­ge­lau­fen … mit bil­li­gen Turn­schu­hen an den Füßen.

Die Über­fahrt zählt defi­ni­tiv zu den schöns­ten Fähr­fahr­ten Euro­pas — wenn es nicht sogar die schöns­te ist. Etwa 2,5 Stun­den schlän­gelt man sich durch 50–400 Meter brei­ten Can­yon, zwi­schen schrof­fen, kars­ti­gen Fels­gip­feln, dann wie­der zwi­schen bewal­de­ten Ber­gen. Tie­fe Schluch­ten zur Rech­ten und zur Lin­ken bil­den eine ein­ma­li­ge Kulis­se. Hin­ter jeder Bie­gung des Sees immer wie­der neue, atem­be­rau­ben­de Pan­ora­men. So müs­sen nor­we­gi­sche Fjor­de aus­se­hen nur unun­ter­bro­chen 150 Minu­ten lang — wahn­sin­nig schön.

Es kur­sie­ren zwei Fäh­ren zwi­schen Koman nach Fier­ze. Bei­de legen um 9:00 Uhr ab. Wir heu­ern auf der grö­ße­ren, an. Da ist wenigs­tens eine klei­ne The­ke, die kal­te Geträn­ke anbie­tet. Die klei­ne­re betreibt Mario Mol­la. Mario ist eine Insti­tu­ti­on hier am Koman. Er hat aus einem alten Bus eine Fäh­re gebaut und trans­por­tiert damit Gäs­te auch zum Gast­haus sei­ner Fami­lie etwa auf der Hälf­te des Sees. Mit uns an Bord der “Bari­sha” ein hol­län­di­scher Old­ti­mer-Club. Gut 15 Autos und die Besat­zun­gen dazu. Auch paar pol­ni­scher Biker sind mit von der Par­tie. Etli­che jun­ge Leu­te mit Ruck­sack wol­len sicher in das Valbo­na-Tal. Es hat sich wahr­schein­lich her­um­ge­spro­chen, dass die Bal­kan­län­der ein­fach wun­der­schön sind was die Natur, das Essen und die Gast­freund­schaft betrifft. Wir hof­fen, dass Alba­ni­en in den nächs­ten Jah­ren von Tou­ris­ten nicht über­rollt wird.

In Fier­ze (eigent­lich in der Pam­pa einen Kilo­me­ter davor) legt die Beri­sha kurz vor halb 12 an. Außer einem klei­nen Cafe ist hier nichts. Autos und Moto­rä­der rol­len von Bord. Auf das Fuß­volk war­ten Klein­bus­se, die es nach wahl­wei­se nach Fier­ze, Valbo­na oder wei­ter brin­gen. Die Fäh­re fährt 13 Uhr wie­der zurück. Wir genie­ßen einen Kaf­fee und einen klei­nen Imbiss (bei­des gabs auf der Fäh­re nicht — nur kal­te Geträn­ke) und eine klei­ne Folk­lo­re-Ein­la­ge. So sind sie, die Alba­ner — freund­lich, aus­ge­las­sen und gut drauf.

Die Rück­fahrt lie­fert wie­der neue Ein­drü­cke, neue Aus­sich­ten und neue Fotos. Wir ler­nen eine allein rei­sen­de Deut­sche Ruck­sack­tou­ris­tin ken­nen, die Zeit ver­geht wie im Flug. Wie­der am Anle­ger in Koman — über­fällt der Rabe einen klei­nen Grill. Eine Frau bie­tet Meat­balls und Hähn­chen­stü­cke an. Wohl­wis­send, dass in der Bas­ho­ta Vega­nes In ist — bring der Rabe sei­nen Eiweiß- und Fett­spie­gel auf ein Bevor­ra­tungs-Niveau.

Danach wie­der mit einem Boot über­setz­ten, nackt baden und die Stra­pa­zen des Auf­stiegs. Dies­mal scheint es uns irgend­wie leich­ter zu fal­len. Zwar brau­chen wir immer noch gut 90 Minu­ten, sind danach aber nicht ganz so geschafft wie am Vor­tag. Wir sind jeden­falls stolz, es zum zwei­ten Mal geschafft zu haben. Den Rest des Tages, bes­ser Abends ver­brin­gen wir mit Andrea — dem Jun­gen. Am liebs­ten spielt er WWM auf dem Ipad. Wenn wir ihm die Fra­gen über­setz­ten kennt er erstaun­lich vie­le Ant­wor­ten. (Ob sie ein deut­scher Fünft­kläss­ler genau so beant­wor­ten könn­te???)

Mama Ema­nu­el und die Cou­sins Niko­la und Lean­dro gehen ihrem nor­ma­len Tages­ab­lauf nach. Die Köni­gin küm­mert sich mit Papa Gjon um die Zie­gen. Lei­der ist da die­se Sprach­bar­rie­re — aber mit Hän­den und Füßen klappt auch die Zie­gen­füt­te­rung ganz ordent­lich. Etwas leid tut uns Bar­dosh, der Hund. Er bleibt bei­de Tage an der Ket­te. Angeb­lich kann er, wenn kei­ne Frem­den da sind aber frei lau­fen.

Abends eine Über­ra­schung. Der Rabe hat sich ges­tern sowas wie Zazi­ki gewünscht. Hat uns .. in NIvi­ca so lecker gezau­bert. Mama Ema­nu­el zau­bert auch. Hier oben eben mit fri­schem Zie­gen­quark, vieeeeel Knob­lauch und was sonst dazu gehört. Der Eule mun­det es nicht so — der Rabe ist glück­lich. Das Gericht heißt übri­gens Sal­cë kosi. Den Rest der Mahl­zeit machen Toma­ten, Gur­ken, Zie­gen­kä­se und wei­ße Boh­nen­sup­pe. Es wird geges­sen was hier oben ange­baut und geern­tet wird. So leben die­se Men­schen hier und sind glück­lich. Das selbst­ge­ba­cke­ne Brot ist jeden­falls vor­züg­lich.

Bei Zei­ten fal­len wir ins Bett und schla­fen durch wie die Mur­mel­tie­re. Mor­gen kön­nen wir etwas län­ger grun­zen. Das Boot haben wir für um 10:00 bestellt. Früh­stück, Abschied und Abstieg — wir wol­len noch ein­mal im See baden. Alles klappt wie ein Län­der­spiel. Noch ein Kaf­fee in der Bar bei der Fäh­re und wir kön­nen für heu­te unse­re Wan­der­schu­he aus­zie­hen. Es geht nach Theth … was auf dem Weg auf uns war­tet, lässt sich kaum in Wor­te fas­sen. Es wird die aben­teu­er­lichs­te Fahrt in unse­rem Leben — und der Rabe hat bestimmt mehr als 600 000 Kilo­me­ter in so eini­gen Län­dern die­ser Welt abge­spult.

Mit Freunden nach Nivica — ein Traum im Kurvelesh

Heu­te heißt es Abschied neh­men von Dard­he. Ein wun­der­vol­ler Ort zum Ver­wei­len. Ruhe, Natur, gutes Essen … aber wir wol­len ja noch so viel von Alba­ni­en sehen und  Ani­la und Gino in Tepe­le­ne war­ten schon auf uns. Auf die fünf Stun­den Fahrt durch die Mali i Mele­s­in­it Ber­ge und ent­lang der Vjo­sa. freut sich der Rabe schon die gan­ze Zeit.

Die Köni­gin fragt ein letz­tes Mal nach der Tank­fül­lung — das hat sie schon etwa 34,5 Mal getan aber man weiß nie , denkt sie sich. Defek­ter Tank, Ver­duns­tung, spon­ta­ne Ent­lee­rung … soll’s doch alles schon mal gege­ben haben. Der Rabe ver­si­chert, dass der Tank zu 95,74638% voll ist und ver­bit­tet sich Brenn­stoffan­fra­gen für die nächs­ten paar Stun­den. (In Alba­ni­en gibt es gefühlt alle zwei Kilo­me­ter eine Tank­stel­le. Ok, in den weni­ger besie­del­ten Gebie­ten alle 10 Kilo­me­ter.)

Wir kom­men schnel­ler vor­an als geplant. Die Stra­ße nach Erse­ka wur­de wei­ter aus­ge­baut. Das weiß nicht ein­mal Goog­lëMëps. Wir sind dank­bar — so kön­nen wir mehr Zeit an den Ther­mal­quel­len bei Ben­jë ver­brin­gen. Letz­tes Jahr waren wir spät dran und konn­ten kaum eine Stun­de die war­men Quel­len genie­ßen — dafür aber fast allei­ne.

In Las­ko­vik biegt der Rabe rechts ab auf die SH75, Rich­tung Cor­sho­vë. Der Weg wird wie­der schlecht, stei­nig und ber­gig aber die Aus­bli­cke um so schö­ner. Es sind acht Kilo­me­ter weni­ger aber 15 min. län­ger 😊. Das Prinz­chen liebt sol­che Stre­cken.

Gegen 14 Uhr sind wir an der Ura e Kadiut — der osma­ni­schen Brü­cke über der Len­ga­ri­ca, beim Dorf Bën­ja. Oder bes­ser gesagt an den herr­li­chen Ther­mal­quel­len vor und hin­ter ihr. Davon gibt es sechs — in klei­ne­ren und grö­ße­ren, natür­li­chen Becken und von mas­si­ven Fel­sen auf bei­den Sei­ten des Len­ga­ri­ca-Flus­ses umge­ben. Das Schwe­fel­was­ser in ihnen hat sehr hohe Heil­wir­kun­gen. Unter ande­rem für chro­ni­sches Rheu­ma, Arthri­tis,  Magen­krank­hei­ten und in einem für Haut­krank­hei­ten. Die­ses Mal neh­men wir uns wirk­lich Zeit und erkun­den und genie­ßen die unter­schied­li­chen Becken. Wir wäl­zen und abwech­selnd in den klei­ne­ren Becken und tau­chen in den tie­fe­ren ab. Im gro­ßen, dem bekann­tes­ten Becken, tum­meln sich gut 30 Men­schen — das ist uns zu viel. Dies­mal lau­fen wir auch ein Stück hin­ter die Brü­cke. Eine Echt male­ri­sche Can­yon-Land­schaft — die Len­gar­ni­ca Schlucht. Beim nächs­ten Mal wird sie bewan­dert — das steht fest. Es sind etwa 6 Kilo­me­ter, zum Teil bis zum Bauch­na­bel durchs Was­ser. Und das Dorf Bën­ja eben­falls.

Von den Quel­len ist es noch etwas eine Stun­de nach Tepe­le­ne,  einer Klein­stadt im Vjo­sa-Tal, im Süden Alba­ni­ens, mit 4300 Ein­woh­nern. Hier wur­de Ali Pascha, ein bekann­ter osma­ni­scher Herr­scher, gebo­ren und von hier resi­dier­te er lan­ge.  Län­ge­re Zeit leb­te am Hofe Ali Paschas der berühm­te eng­li­sche Dich­ter — Lord Byron. Bereits im letz­ten Jahr wur­de sein Name eng mit unse­rem Schick­sal ver­bun­den.

Die Eulen­kö­ni­gin buch­te ein Guest­house das sei­nen Namen trägt … ein­zig und allein wegen des … Namens. Das nennt man Hard­core-Spon­ta­ni­tät und soll­te sich als pures Glück her­aus­stel­len. Traum­haf­te Lage, lecke­re Küche und herz­li­che und super sym­pa­thi­sche Besit­zer. Die Bekannt­schaft mit Ali­na und Gino hat sich seit unse­rem ers­ten Besuch hier zu einer klei­nen Freund­schaft ent­wi­ckelt.

End­lich im “Lord Byron” ange­kom­men wer­den wir dem­entspre­chend lie­be­voll emp­fan­gen und begrüßt. Natür­lich bekom­men wir das schöns­te Zim­mer, ein Traum in Wein­rot mit super beque­men, neu­en Bett — seit letz­tem Jahr wur­de kräf­tig inves­tiert. Auch das Restau­rant des Hau­ses wur­de umge­baut. Es ist wun­der­schön gewor­den — und Gino hat end­lich Platz in sei­ner Küche. Gino kocht jeden Abend was ande­res. Eine fes­te Spei­se­kar­te gibt es nicht. War er Angeln — gibt es Fisch, war er jagen — gibt es Wild, war er im Wald gibt es Pil­ze. Bei­de gehö­ren in Alba­ni­en zu den Gewin­nern — es geht ihnen gut, aber sie arbei­ten auch hart dafür.

Abend­essen gibt es an einem Tisch mit­ten im Gar­ten, bei Gril­len­zir­pen. Für den Raben ein 500 Gramm Steak vom Feins­ten, dazu Ruco­la mit Toma­te und Prada­no , Eul­chen darf sich ihren Fisch direkt bei Gino in der Küche aus­su­chen. Es wird eine Dora­de mit gegrill­tem Gemü­se. Anschlie­ßend sit­zen wir gesel­lig zusam­men beim Wein und wer­den (wie­der ein­mal) von der alba­ni­schen Gast­freund­schaft geplät­tet. Wir haben ein klei­nes Geschenk anfer­ti­gen las­sen — einen Wim­pel, der Gino zum offi­zi­el­len Bot­schaf­ter der Deutsch-Alba­ni­schen Freund­schaft kürt.

Ani­la und Gino haben sich für uns auch etwas ein­fal­len las­sen. Wir wer­den zu einem Tages­aus­flug ein­ge­la­den — zu was für einen phan­ta­si­ti­schen, wird uns erst am nächs­ten Tag bewusst. Abends erfah­ren wir nur, dass es nach Nivi­ca geht, in ein abge­le­ge­nes Dorf, weit oben in den Ber­gen, mit nor­ma­lem PKW nicht zu errei­chen. Wir freu­en uns sehr — mit solch Auf­merk­sam­keit haben wir nie­mals gerech­net. Wir sind gerührt.

NIVICA das einzigartige Dorf im Kurveleshgebirge

Nach dem Früh­stück herrscht Auf­bruch­stim­mung. Ali­na hat sich Frei genom­men und Gino hat einen Aus­hilfs­kell­ner orga­ni­siert. Bei­de las­sen es sich nicht neh­men und wer­den uns beglei­ten. Wie­der sind wir platt und glück­lich gleich­zei­tig. Ali­na hat noch am Vor­abend ein “Moun­tain-Taxi” für heu­te bestellt. Pünkt­lich fährt Fre­dy vor. Fre­dy kutscht täg­lich 2–3 Mal Men­schen und Waren in die abge­le­ge­ne Berg­re­gi­on. Das ist sein Brot. In einem 45 Jah­re alten E-Klas­se Benz, etwas hoch­ge­schraubt, rat­tert er mit uns Rich­tung Bence an der Straf­voll­zugs­an­stalt vor­bei und biegt, kurz nach Tepe­le­nes Orts­aus­gang, nach Süden, auf eine schma­le Stra­ße die ins Kur­velesh Gebir­ge führt ab.

Unser ers­ter Halt folgt schon 4 Kilo­me­ter danach. Ali Pascha hat vor über 200 Jah­ren hier ein Aquä­dukt über dem Fluss Bence bau­en las­sen. Es war und ist eine her­aus­ra­gen­de, tech­ni­sche Meis­ter­leis­tung. Das Bau­werk über­stand Krie­ge, Erd­be­ben und ein maro­des Sys­tem und lie­fer­te bis vor zehn Jah­ren noch Was­ser für umlie­gen­de Fel­der und das nah gele­ge­ne Dorf Bence sowie für Tepe­le­ne selbst.

Es geht wei­ter. Fre­dy ist gesel­lig und total gut drauf. Er spricht zwar kein Eng­lish aber der Rabe hat schon die Namen aller bekann­ten, deut­schen Fuß­bal­ler mit ihm aus­ge­tauscht — “Schuain­stei­ger”, Becken­bau­er, Rum­me­ni­ge, und über Ronal­do haben wir gelacht. Sein alter Benz hat 380 000 Kilo­me­ter auf der Uhr. Wahr­schein­lich die zwei­te Umdre­hung. Die Fahrt an sich ist schon ein High­light. Die Stre­cke ist eigent­lich nur für Off­road­fahr­zeu­ge befahr­bar. Dass es trotz­dem geht, zeigt Fre­dy bra­vou­rös mit sei­nem Mer­ce­des. Die glei­che Erfah­rung machen wir eini­ge Tage spä­ter, auf der Fahrt nach Theth, mit unse­rem Miet­su­zu­ki. Wir haben ein klei­nes Film­chen dabei gemacht.

In Pro­gonat, dem größ­ten Dorf im Kur­velesh, das in Alba­ni­en für sei­ne Wehr- und Stand­haf­tig­keit bekannt ist, machen wir Pau­se. Ein Raki und ein Kaf­fee mun­tern uns auf.

Gegen Mit­tag errei­chen wir end­lich Nivi­ca. Ani­la und Gino haben dort Freun­de. Dal­lan­dy­s­he & Per­tit leben seit Urzei­ten hier. Sie besit­zen ein kusche­li­ges Haus mit Neben­ge­bäu­den (man lebt hier von Vieh­zucht) und ein gepfleg­tes Grund­stück, genau ober­halb des Can­yons. Eine mehr als impo­san­te Ansicht. Nivi­ca zählt zu den 100 aus­ge­such­ten Dör­fern in Alba­ni­en die etwas Unter­stüt­zung bei Auf­bau des sanf­ten Tou­ris­mus bekom­men. Dazu wur­de extra ein Pro­gramm von der Poli­tik ins Leben geru­fen. Bis­her ist davon wenig zu sehen. Immer­hin wur­de der Haupt­platz mit sei­ner Kir­che restau­riert und gepflas­tert aber sonst … Noch vor zwei Jah­ren lag auf dem Dorf­platz der Müll der letz­ten 30 Jah­re.

Die bei­den Rent­ner haben zwei Gäs­te­zim­mer her­ge­rich­tet um möch­ten sie zukünf­tig ver­mie­ten. Ani­la hilft ihnen etwas mit ihrer Erfah­rung. Wei­te­re Unter­stüt­zer haben sie in Tira­na — die­se küm­mern sich um eine Inter­net­sei­te und um Face­book. Aber dazu spä­ter mehr. Wir erfah­ren, dass wir die zwei­ten Deut­schen hier sind.

Zuerst wird uns die Umge­bung des Hau­ses gezeigt. Es liegt auf dem Berg, genau am Rand der Fels­wand. Oben links im Bild — ist das nicht ham­mer­mä­ßig?

Das Eul­chen kriecht sogar auf allen vie­ren um mal hin­un­ter zu sehen. Uns stock der Atem. Es ist schwin­del­erre­gend hoch und unbe­schreib­lich schön hier. Im Anschluss wan­dern wir zur den Rui­nen einer 2400 Jah­re alten Burg der Illy­rer. Viel ist nicht von ihr übrig. Die Stei­ne haben über Jahr­hun­der­te sicher Ver­wen­dung beim Haus­bau hier und da gefun­den. Aber man ahnt, dass sie mal bedeu­tend war und kaum ein­nehm­bar. Von hier oben blickt man in alle umlie­gen­den Täler und zwar tief hin­ein. Den Berg auf dem die Burg­rui­ne steht umwan­dern wir in sen­gen­der Mit­tags­son­ne. Per­tit pflückt eini­ge Zwei­ge wil­den Ore­ga­no. Den bekommt Gino für sein Restau­rant. Auf fel­si­gen, schma­len, teils zuge­wu­cher­ten Pfa­den, über Fel­sen, errei­chen wir wie­der das Dorf.

Dal­lan­dy­s­he hat der­weil ein Fest­mahl zube­rei­tet. Alles aus selbst ange­bau­ten und selbst gezüch­te­ten Zuta­ten. Es ist erstaun­lich wie saf­tig und frisch Toma­ten nach Toma­ten und Gur­ken nach Gur­ken schme­cken kön­nen. Was unser­eins im Laden bekommt erin­nert dage­gen geschmack­lich nicht im Gerings­ten an die­se Früch­te. Eine Art Zazi­ki kommt auf den Tisch, wei­ße Boh­nen, fri­sches Brot (vor unse­rer Ankunft geba­cken) und ange­bra­te­ne Zie­gen­le­ber — ein kuli­na­ri­scher Hoch­ge­nuss. Wir erfah­ren wie hier oben gelebt wird und ver­spre­chen etwas Wer­bung für die Buj­ti­na mbi can­yon zu machen — was wir hier­mit ein­lö­sen.

Bevor es aber ans Essen geht, lee­ren wir alle eis­ge­kühl­tes Bier — wahr­schein­lich das Ein­zi­ge, das hier aus dem Tal kommt, und … of cour­se, wir sind in Alba­ni­en 😊 … einen Raki. Den darf man hier nicht aus­schla­gen. Das käme Majes­täts­be­lei­di­gung gleich. Nahe­zu jeder Alba­ner stellt eige­nen Raki her — der MUSS ver­kos­tet und gelobt wer­den. Der hier ist wirk­lich exqui­sit. Die Fla­sche wird am Ende der Mahl­zeit leer sein. Um so aus­ge­las­se­ner sind die Män­ner bei der Rück­fahrt. Gino stimmt mehr­fach “ein Pro­sit” an … wir haben Gau­di ohne Ende … und dabei ist es erst 15 Uhr.

Auf der Rück­fahrt sam­meln wir noch Äpfel von frei ste­hen­den Bäu­men, ulken mit Kühen die auf einer Wie­se rum gra­sen und wech­seln einen Rei­fen. Pas­siert öfter sagt mir Fre­dy. Die scharf­kan­ti­gen Stei­ne und Fel­sen, die den Weg bil­den und Säu­men, sind nicht ohne. Am spä­ten Nach­mit­tag sind wir wie­der zurück. Wir möch­ten Fre­dy einen klei­nen Dan­ke­schön “Bonus” zukom­men las­sen — den wir umge­hend zurück­be­kom­men — es gehört sich wohl nicht. Wie­der etwas über alba­ni­schen Stolz und die alba­ni­sche Gast­freund­schaft gelernt.

Nivi­ca wer­den wir beim nächs­ten Mal defi­ni­tiv erneut besu­chen und dort auch bei den Mer­jos ver­wei­len. Es ist unbe­schreib­lich wie ursprüng­lich und natür­lich das Leben hier statt­fin­det.  Es wäre ein per­fek­ter Ort um z.B. ein Buch zu schrei­ben.

Abends in Tepe­le­ne zau­bert Gino dem Raben noch Fluss­kreb­se mit Pas­ta — Gau­men­or­gas­mus. Das Eul­chen isst was Leich­tes. Wir las­sen gemein­sam den Tag bei Gesprä­chen aus­klin­gen. Ok, Gino und der Rabe lee­ren noch eine Fla­sche Wein, die Mädels schaf­fen kei­ne gan­ze😊 Lei­der ist für uns Mor­gen die Wei­ter­fahrt ange­sagt. Wir sind unse­ren Freun­den zutiefst dank­bar für die­se wun­der­schö­nen Erleb­nis­se — und freu­en uns schon aufs nächs­te Mal. Bye Ani­la — Bye Gino.

Vor der Abrei­se, gleich nach dem Früh­stück, lau­fen wir noch “schnell” im Fluss­bett der Vjo­sa bis zur berühm­ten Hän­ge­brü­cke unter­halb der Fes­tung von, wem??? .… na klar doch .. Ali Pascha 😊 Auch die­se “paar” Meter — Ani­la sprach was von 20 min, es wer­den 40 — lau­fen wir in der Mit­tags­glut. Der Rabe ist kurz vorm hit­ze beding­ten Kom­plett-Sys­tem-Ver­sa­gen. Aber es lohnt sich — die Brü­cke ist ein Muss für den Tepe­le­ne-Besu­cher. Tei­le des Fun­da­men­te der Brü­cke rüh­ren noch aus .. na klar, Ali Paschas Zei­ten. Die heu­ti­ge, löch­ri­ge Bridge, stammt aus den 50ern  — es ist aber ein Erleb­nis sie zu bege­hen und erst recht eins — die Vjo­sa in ihrer Wild­heit zu “erle­ben”.

Jörg Dau­s­cher erzählt in sei­nem Blog kurz und bün­dig über Tepe­le­ne: “Bereits Edward Lear berich­tet 1809 von Ver­wüs­tun­gen, nicht den ers­ten und nicht den letz­ten, weil jede Armee seit den Cäsa­ren hier vor­bei­ge­kom­men ist. Mag sein, dass es auch des­we­gen bis heu­te kei­ne Brü­cke gibt über die Vjo­sa, nur eine Hän­ge­brü­cke. Tepe­le­ne war nie Han­dels­stadt, Tepe­le­ne dien­te Jahr­hun­der­te lang dazu, Frem­de auf­zu­hal­ten. Ein loka­ler Aber­glau­be besagt, dass die Stadt jedes­mal vor der Zer­stö­rung stün­de, sobald sie mehr als hun­dert Gebäu­de zäh­len wür­de. Es wäre also mal wie­der an der Zeit: Den letz­ten Auf­stand hat Tepe­le­ne im Jah­re 1997 gese­hen, als von hier aus gegen die Regie­rung oder viel­mehr das Sys­tem Sali Beri­sha zu den Waf­fen gegrif­fen wur­de.”

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Dardhe & Sinicë — Ostalbaniens verwunschene Dörfer und liebenswürdige Menschen

Wir ver­las­sen vor­erst Maze­do­ni­en. In kaum 10 Minu­ten sind wir am Grenz­über­gang Tus­he­misht. Die Abfer­ti­gung geht zügig – die Auto­pa­pie­re wer­den genau­er unter­sucht als unse­re Aus­wei­se, und schon sind wir in Alba­ni­en. Wenig spä­ter durch­fah­ren wir Pogra­dec und bie­gen Rich­tung Kor­ca ab. Es geht nach Dard­he, einem ver­wun­sche­nen klei­nen Dorf am Süd­hang des Berg­zugs der Malet i Mora­vës (1806 m ü.M.), kei­ne 5 Km Luft­li­nie von Grie­chen­land ent­fernt. Schon letz­tes Jahr sind wir hier „hän­gen geblie­ben“ wegen der Schön­heit, der Ein­zig­ar­tig­keit und wegen der Men­schen. Ardi, der eine Taver­ne mit zwei Gäs­te­zim­mern hier betreibt, ist uns zum Freund gewor­den.

Nach etwa 2,5h errei­chen wir das Berg­dorf – Ardi emp­fängt uns vol­ler Freu­de. Es wird geknud­delt und gedrückt. Natür­lich gibt es zur Begrü­ßung einen Raki und im Lau­fe des Abends Musik von AC/DC, Stones, Metal­li­ca und und und.  Sogar Hele­ne Fischer mit Atem­los und Bea­tri­ce Egli wer­den für die deut­schen Freun­de auf­ge­legt. Ardi liebt alles was deutsch ist: Bay­ern Mün­chen, die Deut­sche Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft und neben einer Vor­lie­be zum Hard­rock eben auch deut­schen Schla­ger😊

Vor lau­ter Freu­de ver­gisst Ardi, dass wir viel­leicht hung­rig sein könn­ten. Es wird erzählt, gelacht und getanzt. Das freut auch eini­ge alte Dorf­män­ner, die am Nach­bar­tisch sit­zen. Erst nach fast drei Stun­den wird in der Küche gezau­bert. End­lich fül­len sich unse­re Mägen mit fes­ter Nah­rung – bis dahin war es nur Bier und Wein😊 Gesät­tigt und erschöpft ver­schwin­den wir ins Bett­chen. Wir müs­sen mor­gen fit sein – es wird gewan­dert.

Um Dard­he rum gibt es den s.g. „Dardha sce­nic trail“ einen (teil­wei­se) Rund­kurs etwa 5 Km lang, mit schö­nen Pan­ora­men um das Dorf – unser ursprüng­li­ches Ziel. Ardi emp­fiehlt uns aber eine Wan­de­rung nach Sini­ca. Sini­ca ist das Nach­bar­dorf von Dard­he – leicht, in fünf Kilo­me­tern, durch ein traum­haf­tes Tal zu erlau­fen. Der Höhen­un­ter­schied kommt uns mit nur etwa 250 m sehr ent­ge­gen😊 und … das Dorf ist so abge­le­gen und mit einem Auto kaum zu errei­chen, dass sich dort kaum Frem­de ver­ir­ren.

Nach einem lecke­ren alba­ni­schen Früh­stück geht es los. Von unse­rem Freund bekom­men wir als Aus­rüs­tung noch Wan­der­stö­cke.  Das Wet­ter ist traum­haft, auf dem Weg sind wir hin und zurück erwar­tungs­ge­mäß allein. An den Pan­ora­men und Aus­bli­cken unter­wegs kön­nen wir uns kaum satt sehen. Nach zwei Stun­den über Stock und Stein, durch herr­li­che unbe­rühr­te Natur errei­chen wir  Sinicë. Das klei­ne Dorf wirkt fast ver­las­sen, dabei ist es nur unver­fälscht authen­tisch. Es zieht sich etwa einen hal­ben Kilo­me­ter lang. West­lich des Weges  liegt der Dorf­kern. Die Häu­ser schei­nen aus dem 19. Jahr­hun­dert zu sein.

Die schö­ne klei­ne Kir­che ist geschlos­sen, Men­schen sehen wir anfäng­lich kei­ne. Die Eulen­kö­ni­gin ist der fes­ten Über­zeu­gung, dass es auch hier eine Taver­ne oder einen Mini­markt geben muss. Für eine Dose kal­ten Bie­res wür­den wir gera­de ein klei­nes Ver­mö­gen aus­ge­ben. Im Schat­ten sind es etwa 27 Grad – nur gibt es kei­nen Schat­ten. Der ers­te Ein­hei­mi­sche spricht stolz Ita­lie­nisch, die nächs­ten zwei alten Män­ner nur grie­chisch bzw. alba­nisch. Die Welt­vo­ka­beln Taver­na und Mar­ket – ver­ste­hen sie, lächeln aber nur und nicken – in Alba­ni­en heißt das nada, njet, no, is nich.

Da kommt plötz­lich eine älte­re Frau in bun­ter Schür­ze auf uns zu.  Eul­chen gibt nicht auf und betet Ihre zwei Voka­beln run­ter. Taver­na???  Mini­mar­ket???? Spon­tan fällt ihr noch eine drit­te ein – Cafe???? Jo, jo, jo – lau­ten die Ant­wor­ten. Auf alba­nisch nein, nein und nein, aber ….Kaf­fee??? fragt sie uns. Gern doch.

Kei­ne 3 min spä­ter betre­ten wir ein klei­nes Haus und sit­zen bei Jolan­tha im Wohn­zim­mer. Auf einem klei­nen Gas­cam­ping­ko­cher wird für uns im Ibrik ein köst­li­cher ara­bi­scher Kaf­fee zube­rei­tet. Der­weil erscheint der Herr des Hau­ses und schenkt uns und sich lecke­ren, selbst­ge­brau­ten Schnaps ein. Jeder Schnaps heißt in Alba­ni­en Raki auch wenn kei­ner davon was mit dem Anis­schnaps der Tür­ken zu tun hat. Mit Hän­den, Füßen und Goog­le-Trans­la­tor wird geschnat­tert was eben geht. Bei­de sind Rent­ner. Jolan­ta war Leh­re­rin, Satir Elek­tri­ker. Sie woh­nen eigent­lich in Korce, der nächs­ten gro­ßen Stadt, aber den Som­mer ver­brin­gen sie in Sini­ca – weil es hier so warm und ruhig ist.

In dem klei­nen Gar­ten ste­hen eini­ge Obst­bäu­me – wir wer­den mit Mira­bel­len beschenkt und noch im Haus gibt es köst­li­che Äpfel zur Stär­kung.

Wir reden über Kin­der und über unse­re Beru­fe und über vie­les mehr. Zum Abschied gibt es noch ein Erin­ne­rungs­fo­to., Wir sind total hap­py über die Gast­freund­schaft in die­sem Land. Die Men­schen hier haben nicht viel – eine Durch­schnitts­ren­te beträgt in Alba­ni­en zwi­schen 50–100€ — sind trotz­dem stolz und glück­lich, und laden sogar Frem­de zu sich nach Hau­se ein und tei­len mit ihnen das Weni­ge das sie haben. Sol­che Begeg­nun­gen erin­nern uns immer wie­der dar­an, das wir (damit mei­nen wir uns alle, die wir im rei­chen West­eu­ro­pa leben) uns wirk­lich nicht beschwe­ren brau­chen.   Genau sol­che Begeg­nun­gen sind aber auch, die wir auf unse­ren Rei­sen suchen – und erstaun­lich oft fin­den. Sie sind uns wich­ti­ger als berühm­te Sehens­wür­dig­kei­ten gemein­sam mit Tau­send ande­ren anzu­schau­en.

Auf dem Rück­weg sehen wir noch mehr Dorf­be­woh­ner die uns neu­gie­rig beäu­gen. Neu­gie­rig aber irgend­wie freund­lich. Wir grü­ßen auf alba­nisch – dite e mire – und ern­ten von allen lächeln­de Gesich­ter. Glück­lich und aus­ge­las­sen wan­dern wir zurück. Kurz vor Dard­he, noch im Tal, bewor es links berg­auf geht in den Ort – ent­de­cken wir eine herr­li­che Wie­se mit einem inter­es­san­ten Baum dar­auf. Meh­re­re dün­ne­re Stäm­me bil­de­ten eine statt­li­che Erschei­nung. Spon­tan mach sich das Eul­chen nackig und der Rabe knippst „Erwach­se­nen-Fotos“. Es wird eine sinn­li­che Akt-Ses­si­on. Was man alles in Alba­ni­en machen kann😊

Am Abend über­rascht uns Ardi mit tra­di­tio­nel­ler Küche. Meh­re­re typi­sche Gerich­te zau­bert unser Gast­ge­ber auf den Tisch – wir sind ein­ge­la­den und essen alle zusam­men. Auch das ist typisch für Alba­ni­en – Freu­de emp­fan­gen, Freu­de schen­ken. Ardi beschenkt uns auch noch mit reich­lich Raki und Apfel­ra­ki sowie Gli­ko. Gli­ko ist Mar­mel­da mit gro­ßen Frucht­stück­chen drin –  Mira­bel­le-Zimt und Pflau­men- Gli­co wer­den uns auch noch zu Hau­se an die­se wun­der­schö­ne Gegend und unse­ren Freund erin­nern.

Wie­der wird bis zum spä­ten Abend erzählt und viel gelacht. Auch hier etwas eng­lisch, Goog­le­trans­la­te­risch und Händ­fü­ßisch – klappt sogar mehr Recht als schlecht. Wir haben alle zusam­men jeden­falls viel Spaß dabei.

Man muss nicht extra erwäh­nen, dass wir in die­ser Ruhe und Natur schla­fen wie die Bären. Apro­pos Bären – eine grö­ße­re Popu­la­ti­on lebt in den Ber­gen von Malet i Mora­vës. Ins Dorf selbst hat sich noch kei­ner ver­irrt – wie es oft in Rumä­ni­en pas­siert. Am nächs­ten Tag müs­sen wir Dard­he bereits ver­las­sen. Eigent­lich könn­ten wir hier Wochen, gar Mona­te ver­brin­gen – viel­leicht irgend­wann. Bye Ardi, bye Dard­he … bis zum nächs­ten Mal.

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Canyon Matka — zu Fuß und zu Wasser … und ab zum Ohridsee

Das Aben­teu­er beginnt. Wir haben wun­der­bar geschla­fen. Als Städ­ter sind wir solch eine Ruhe nicht gewohnt. Erst das Vogel­ge­zwit­scher gegen 7.30 Uhr weckt uns auf. Das Wet­ter ist herr­lich. Das stel­len wir beim klei­nen Spa­zier­gang zum Park­platz bereits fest. Nun wer­den doch wich­ti­ge “per­sön­li­che Din­ge” aus dem Auto benö­tigt. Im Hel­len ist die 300m lan­ge Stre­cke dann plötz­lich über­haupt nicht mehr beängs­ti­gend. Eher male­risch. Mit Zahn­bürs­ten und Wan­de­ru­ten­si­li­en aus­ge­stat­tet keh­ren wir zurück.

Das Früh­stück im Can­yon Mat­ka Hotel ist feu­dal. Maze­do­ni­sche Würst­chen, Käse, Gemü­se, lecke­re Dips, Joghurt mit Him­bee­ren, Eier in ver­schie­de­ner Form und ein war­mes Gemüsesüppchen…es ist alles da.

Danach wol­len wir es wis­sen. Viel haben wir in Rei­se­b­logs über die­sen Can­yon gele­sen. 1937 künst­lich geflu­te­ter Can­yon ver­zau­bert heu­te sei­ne Besu­cher mit ein­zig­ar­ti­gen Pan­ora­men und vie­len ande­ren Attrak­tio­nen. Auf Tou­ris­ten-Mas­sen haben wir aber kei­ne Lust also las­sen wir die bei­den Klös­ter unbe­sucht und auch die Vre­lo-Höh­le schen­ken wir uns. Wir star­ten noch bevor die ers­ten Tou­ris­ten hier ankom­men wan­dern wir los.

Ein aben­teu­er­li­cher, holp­ri­ger Pfad führt ent­lang der stei­len Fel­sen die den gestau­ten Fluss Tres­ka fast senk­recht, bis zu 300m hoch umsäu­men. Traum­haft schö­ne Aus­bli­cke. Ein paar Ech­sen kreu­zen unse­ren Weg. Nach etwa 4–5 Kilo­me­tern läuft man aller­dings “nur” noch durch den Wald und sieht den See nicht mehr. Wir beschlie­ßen nach etwa 5 Kilo­me­tern umzu­keh­ren. Man­che sind wohl noch viel wei­ter gelau­fen und berich­te­ten von einem Fähr­mann der mit sei­nem klei­nen Boot Wan­ders­leut zurück zur Stau­mau­er bringt. Ob die­ser heu­te sei­nen dienst tut, es ist immer­hin fast Nach­sai­son, das wol­len wir nicht unbe­dingt aus­pro­bie­ren.

Lie­ber fah­ren wir Boot­chen um die Kulis­se vom Was­ser aus noch­mal zu genie­ßen. Für umge­rech­net 6 Euro bekom­men wir ein Motor­boot samt einem jun­gen “Skip­per”, der uns etwas über den See und die Gegend hier erzählt, nur für uns allein. Glücks­kin­der eben — ande­re quet­schen sich zu zehnt oder mehr auf die Boo­te, die zu Vre­lo-Höh­le wol­len. Etwa die glei­che Stre­cke, die wir vor­her gelau­fen sind — fah­ren wir mit dem Boot ab. Egal mit wel­chen Super­la­ti­ven man das Natur­schau­spiel die­ses Can­yon-Sees beschrei­ben wür­de — am ehes­ten kön­nen es wohl doch Fotos. Von denen haben wir heu­te eine gan­ze Men­ge geschos­sen, aber seht selbst.

Nun ste­hen uns rund 190 km Fahrt an den Ohrid­see bevor. Genau­er gesagt nach Trpe­j­ca, einem klei­nem, idyl­lisch gele­ge­nen Fischer­dorf mit 300 Ein­woh­nern direkt am Ufer des Ohrid. Wir pas­sie­ren etli­che Maut­sta­tio­nen. Jedes­mal 30 oder 60 Denar — umge­rech­net 0,5 — 1 €.

Gegen 17 Uhr errei­chen wir das klei­ne Idyll. Das Lokal, wel­ches wir heu­te für unser Abend­essen aus­ge­wählt haben, liegt direkt am Was­ser und wird über­aus für sei­ne her­vor­ra­gen­de Küche gelobt. Nichts ist über­trie­ben. Wir spei­sen fürst­lich im “Ribar” — Toma­te Gur­ke und Kraut­sa­lat, dazu fang­fri­sche Ohrid-Forel­le (http://makedonien.mk/wusstet-ihr-makedonien-und-seine-forellen/), eine Deli­ka­tes­se,

und Schwei­ne­fi­let. Die Gar­lik-Sau­ce ist der abso­lu­te Ham­mer und der Haus­wein sehr süf­fig.  Den Son­nen­un­ter­gang auf der Ter­ras­se gibt es zum Abend­me­nü gra­tis und dann ….

.. dann erwar­tet und ein klei­nes Para­dies. Raus aus dem klei­nen Dorf, ein­mal rauf und run­ter um einen Fel­sen gefah­ren, war­tet eine Mini-Bucht auf uns. Das Eul­chen hat für einen Nacht im “Blue  Bay Guest­house” gebucht. Erneut kom­men wir spät an.

Es däm­mert schon. Den­noch ist die­ses Fleck­chen Erde an Roman­tik kaum zu über­tref­fen. Das klei­ne Guest­house mit drei Zim­mer­chen, kei­ne 2 Meter vom Was­ser ist eins von sie­ben klei­nen Häus­chen hier. Wir sind bis auf ein Pär­chen aus Hol­land, die Ein­zi­gen hier und blei­ben es auch am nächs­ten Tag. Zum Baden ist es schon zu spät und aus­ser­dem ist heu­te star­ker Wel­len­gang — kann uns mal jemand erklä­ren wie auf einem See so star­ke Wel­len ent­ste­hen? Eul­chen hat beden­ken, dass sie beim schla­fen nas­se Füße bekommt — na so schlimm ist es dann doch nicht. Noch ein Bier­chen als Absa­cker und ab ins Bett­chen.

Der nächs­te Tag ist wie aus dem Bil­der­buch. Strah­len­der, wol­ken­lo­ser Him­mel, und der Ohrid glatt wie ein Bil­lard­tisch — nur in tür­kis­blau. Wir erkun­den die Bucht. Das Was­ser ist ange­nehm warm — wir sprin­gen natür­lich rein. Hier, in die­ser traum­haf­ten klei­nen Bucht kommt auch die Tel­lo, unse­re klei­ne Droh­ne, zum ers­ten Mal zum Ein­satz. Lei­der haben wir sie so kurz vor Knapp bekom­men, dass kein Übungs­flug mehr mög­lich war. Das holen wir hier nach. Der Rabe hat Mini-Qua­dro­cop­ter etwas getunt — Höhen­be­gren­zung aus­ge­he­belt (das Ding kann jetzt bis zu 100 Meter hoch flie­gen) und die Reich­wei­te ver­län­gert — gute 300 Meter kann sich das Teil unter opti­ma­len Bedin­gun­gen ent­fer­nen. Das sind stol­ze Wer­te selbst für Pro­fi­flug­ge­rä­te. Die Prä­mie­re miss­lingt jedoch. Es hapert an der Bedie­nung. Man muss auf vie­les gleich­zei­tig ach­ten und so fliegt die Tel­lo wie ein Koli­bri aber es gelin­gen kei­ne sen­sa­tio­nel­len Auf­nah­men. (Das wird aber im Lau­fe der Zeit 🙂

Nicht weit von Trpe­jce liegt das Klos­ter Sve­ti Naum. Das 895 vom hei­li­gen Naum gegrün­de­te Klos­ter gehört samt der Stadt Ohrid zum UNESCO Welt­kul­tur­er­be. Lei­der wur­den fast alle Gebäu­de bei einem Brand 1870 zer­stört. Die heu­ti­gen Anla­gen stam­men aus der Zeit danach. Anfang des 20. Jahr­hun­derts leb­te der ser­bi­sche König hier, spä­ter gehör­te es 12 Jah­re lang zu Alba­ni­en bis es 1925 vom alba­ni­schen (erst Prä­si­den­ten dann) König Zogu an das Reich der Ser­ben und Kroa­ten zurück­ge­ge­ben wur­de.

Nach knapp 20min Fahrt sind wir da. Für einen klei­nen Obo­lus bleibt unser Auto auf dem Park­platz ste­hen, die Anla­ge ist übri­gens Autofrei.Selbst wenn man nur in eins der Restau­rants oder ins Hotel möch­te — geht es aus­schließ­lich zu Fuß. Wir früh­stü­cken im “Cuba Libre” — tot schick und gedie­gen sit­zen auf einer Pols­ter­ecke direkt am Was­ser. Es gibt dicke Boh­nen in Toma­ten­so­ße, Salat mit Thun­fisch, gegrill­ten Bauch­speck, natür­lich Gar­lic-Dip und frisch gepress­ten Oran­gen­saft. Es wird offen­sicht­lich, ver­hun­gern tun wir in die­sem Urlaub wie­der ein­mal nicht:)

Die Klos­ter­an­la­ge ist rie­sig, im Halb­stun­den­takt legen Schiff­chen an, die Men­schen­mas­sen von Ohrid hier­her brin­gen. Die Klos­ter­kir­che sel­ber ist win­zig klein. Natür­lich mit wun­der­schö­nen Fres­ken geschmückt — aber ehr­lich gesagt — in Grie­chen­land, Rumä­ni­en, auf Zypern und in Alba­ni­en haben wir schon schö­ne­re ortho­do­xe Got­tes­häu­ser gese­hen — man­che schein­bar bedeu­tungs­los, in abge­le­ge­nen Gegen­den ein­fach an einem Weg.

Sehens­wert sol­len die Quel­len des Drin sein. Um die­se zu sehen muss man sich auf’s Was­ser bege­ben. Für etwa 3,50 € kann man mit einem der vie­len klei­nen Boo­te fah­ren und die ein­ma­li­ge Natur bewun­dern. Wir mie­ten für 20 € ein gan­zes Boot­chen und hören gespannt dem jun­gen Fähr­mann zu. Etwas anders haben wir uns schon unter “Naum Springs” vor­ge­stellt — aber ent­täuscht wur­den wir kei­nes­falls. Die “Springs” blub­bern unter dem Was­ser­spie­gel vor sich hin. Lang­sam aber aus­rei­chend um im Ohrid­see alle 70 Jah­ren das Was­ser kom­plett aus­zu­tau­schen.

Nach dem “Kul­tur und Geschichts-Pflicht­pro­gramm” keh­ren wir in unse­re roman­ti­sche klei­ne Bucht zurück und ent­span­nen im und am See. Es ist ein­fach traum­haft. Erst gegen spä­ten Nach­mit­tag ver­las­sen wir den wun­der­schö­nen Ohrid­see und star­ten Rich­tung Dard­he — nach Alba­ni­en — zu unse­rem Freund Ardi.


Ein Weinberg zum Verlieben … der Steinmeister

Roman­tisch in den Wein­ber­gen gele­ge­ne Hüt­ten oder Bänk­chen an Aus­sichts­punk­ten, waren schon immer Orte der Lie­be. Zar­te Lie­bes­ban­de began­nen in manch einer von ihnen aber auch amou­rö­se Affä­ren. Nicht von Unge­fähr ent­stan­den unzäh­li­ge Sprü­che wie z.B. der Fol­gen­de.Wenn mei­ne Zun­ge im Löch­lein steckt und gie­rig jedes Tröpf­chen leckt, den­ke nicht ich sei ein Schwein, ich red von einer Fla­sche Wein.”


 

Wo sich Maria War­ten­berg und Hein­rich Sau­er ken­nen & lie­ben lern­ten  wis­sen wir nicht. Die bei­den renom­mier­ten Pro­fes­so­ren der Medi­zin haben sich defi­ni­tiv aber noch ein zwei­tes Mal ver­liebt. In den Wein …  bes­ser, in den Wein­berg. Sie erwar­ben vor eini­gen Jah­re , das Wein­gut Stein­meis­ter bei Naum­burg an der Saa­le, wel­ches sich in einem trau­ri­gen Zustand, fern­ab sei­ner Bestim­mung, befand.  Zwei Jah­re Arbeit ver­gin­gen bis die dazu­ge­hö­ri­ge Bau­sub­stanz wie­der glänz­te und auch die, teil­wei­se 90 jäh­ri­gen, Wein­re­ben benö­tig­ten inten­si­ve Pfle­ge. Das Ergeb­nis lässt sich nicht nur sehen, es strahlt eine, hier zu Lan­de sel­ten gewor­de­ne, Gast­freund­schaft und (da haben wir’s wie­der) Lie­be zum Detail. Wie es sich für zwei Wis­sen­schaft­ler gehört wur­de inten­siv zum The­ma recher­chiert. Archi­ve und Hören­sa­gen för­der­ten Inter­es­san­tes wie Legen­den zu Tage, die Maria bei manch Gele­gen­heit char­mant, lie­be­voll und wit­zig an die “Fans” wei­ter gibt. Wir dür­fen ihren Erzäh­lun­gen wäh­rend  einer “süf­fi­gen” Wein­wan­de­rung lau­schen. Natür­lich wird dabei auch ver­kos­tet, jeweils da wo die ent­spre­chen­de Rebe wächst — aus einem, am Leder­riem­chen mit­ge­führ­ten, Glasel. Aber der Rei­he nach.

Wir sind gewohnt recht­zei­tig da und so kön­nen wir den schö­nen Gar­ten des Wein­guts genie­ßen. In der Strauß­wirt­schaft gibt’s ein Käse­spieß­chen und den ers­ten Rose … schon mal lecker. Sowohl in der Gast­stu­be als auch im Gar­ten muss man sich ein­fach wohl­füh­len. Eine statt­li­che Men­schen­men­gen fin­det sich all­mäh­lich zur „Gro­ßen Wein­bergs­wan­de­rung durch den Stein­meis­ter“ ein. Etwa 13:00 Uhr setzt sich der rund 30 Mann (und Frau) zäh­len­de Troß in Bewe­gung.

Die Mönchshütte“

Das klei­ne aber fei­ne Häus­chen stand hier schon im 13. Jahr­hun­dert. Davon zeugt die Tie­fe des Kel­ler­bo­dens, der sei­ner­zeit kein Kel­ler war. Im lau­fe der Geschich­te, und mit jeder Flut spül­te die Saa­le Sedi­men­te her­bei, die dafür gesorgt haben, dass das Häus­chen heu­te etwa 1,5 Meter tief in der Erde steht. Zu bestimm­ten Ver­an­stal­tun­gen wir aus der Boden­lu­cke Wein gereicht, die Bedie­nung ragt ab der Brust her­aus – sieht bestimmt lus­tig aus. Hier erfah­ren wir so eini­ges über das Wein­gut und sei­ne Anfän­ge. Es fal­len wit­zi­ge Begrif­fe. Zum Bei­spiel Spon­tan­gä­rung … wenn die Trau­ben in einem Gefäß begin­nen selb­stän­dig Che­mie zu ler­nen (wir erin­nern uns an den Film „Die Feu­er­zan­gen­bow­le“ … die alko­ho­li­sche Gärung ist die Gärung des Alko­hols ……🤣

… und semi­s­te­ril😉 – das soll­te nach dem mischen mit Wein das Was­ser wer­den. Frü­her war das Was­ser nicht immer rein. Mön­che haben es also mit Wein, den sie im Über­fluss hat­ten, ver­mischt — damit es trink­bar wur­de.

Das klei­ne Häus­chen gehör­te frü­her  einer gewis­sen Olga Thie­ne­mann, der Schwes­ter von Gerd Haupt­mann. Eini­ge Sze­nen des Buches „Das dra­ma­ti­sche Werk“ (Band zwei) von G. Haupt­mann, sol­len sich im Häus­chen abspie­len.

Neben den bei­den Wis­sen­schaft­lern gibt’s auch einen Win­zer. Einen jun­gen dazu. Auch er hat sich ver­liebt, zum einen in die Toch­ter der net­ten Medi­zi­ner und zum ande­ren in den Wein­an­bau. Schon sein Urgroß­va­ter ent­wi­ckel­te vor 100 Jah­ren in der Gegend Reb­sor­ten. Der jun­ge Mann kre­denzt uns an jeder Sta­ti­on Wei­ne und schmückt die­se Ver­kos­tun­gen mit fach­fun­dier­ten wie amü­san­ten Fak­ten zum jewei­li­gen Wein und zum Wein­an­bau über­haupt. An die­ser Stel­le ein rie­sen Dan­ke­schön. Selbst der Raben­prinz als „Semi­wein­ken­ner“😁 saugt neu­es Wis­sen auf wie ein Ele­fan­ten­schwamm Was­ser.

Am Mönchs­häus­chen gibt’s übri­gens einen Sil­va­ner. Die­se Reb­sor­te ist etwa 400 Jah­re alt.  „Unser“ Sil­va­ner stammt von teils 90 jäh­ri­gen Reb­stö­cken. Die tra­gen weni­ger, die Trau­ben sind klei­ner und ein rein am Gewinn inter­es­sier­ter Win­zer hät­te die­se Stö­cke längst ver­heizt, aber wenn man den weni­ger Ertrag in Kauf nimmt kann man einen exqui­si­ten, qua­li­ta­tiv uner­reich­ten Trop­fen genie­ßen. Das tun wir und sind begeis­tert. Im Abgang schmeckt er leicht nach Apfel … gar Lit­schi.

Höhlenwohnung

Wei­ter geht es zu den Höh­len­woh­nun­gen. Davon gibt es zwei. Eine klei­ne und eine grös­se­re. Die zwei­te inspi­zie­ren wir nun genaus­tens😁 Male­risch mit­ten im Wein­berg gele­gen – mit Aus­sicht über da gan­ze Tal und auf den Naum­bu­rer Dom, zeugt sie wie­der von alten Glanz­ta­gen.  Die Alt­ei­gen­tü­mer lager­ten hier Alt­rei­fen und zwar jede Men­ge davon. Wit­te­rung und Zeit haben ihr Übri­ges getan, doch heu­te wür­de man hier am liebs­ten sofort ein­zie­hen. Auch um die­se „Immo­bi­lie“ ran­ken sich Legen­den. Unter ande­rem sol­len die Pfor­ten­ser Mön­che hier ihren Schatz ver­steckt haben. Alles Lug und Trug ver­si­chert uns Frau War­ten­berg. Wir wür­den auch nie­man­dem ver­ra­ten wenn wir einen Schatz gefun­den hät­ten🤣


Und erneut springt der jun­ge Win­zer ein (scha­de, dass wir sei­nen Namen nicht erfah­ren haben)😫

Dies­mal gibt es zwei Wei­ne. Eine Weiß­bur­gun­der Spät­le­se von 2016 den bereits die Zis­ter­zi­en­ser Mön­che vor 1000 Jah­ren hier ange­baut haben, und einen Ries­ling Kabi­nett. Bei­de mun­den vor­züg­lich. Im ers­te­ren ver­liebt sich (… schon wie­der😘) die Eulen­kö­ni­gin. Wenn es nach ihr gin­ge müss­ten wir kei­ne wei­te­ren Sor­ten ver­kos­ten. Hier erfah­ren wir auch war­um die Aka­de­mi­ker in ihrem Wein­gut (fast) kei­nen Eis­wein her­stel­len. Sie trin­ken ihn lie­ber selbst.

Eis­wein wird im Win­ter, bei minus acht bis zehn Grad geern­tet. Einen Berg Trau­ben braucht man dafür. Die Men­ge wür­de rei­chen um gut 1000 Liter Wein her­zu­stel­len — her­aus­kom­men aber ledig­lich gan­ze 5.5 Liter erst­klas­si­gen Eis­wein. Wei­ter erfah­ren wir, dass nur Sor­ten­rei­ne Wei­ne abge­füllt wer­den und dass man hier fast ohne Dün­ger aus­kommt. Teil­wei­se wird zehn Jah­re lang nicht gedüngt. An sol­che Details spürt man schon die Phi­lo­so­phie der Wein­berg­be­sit­zer. Der klei­ne Betrieb pro­du­ziert auf 4,4 Hekt­ar etwa 25 000 Liter des Lebens­saf­tes. Das sind gut 33 Tau­send Fla­schen pro Jahr­gang die in der Staruß­wirt­schaft und in zwei Läden (Leip­zig und Erfurt) ver­kauft wer­den.

Das Türmchen

Das Türm­chen ist unse­re nächs­te Sta­ti­on. Oben auf dem s.g. Kai­ser­hü­gel thront es über dem Besitz und dien­te frü­her dem Schutz des sel­bi­gen vor … Wein­die­ben. Spä­ter dien­te es einem sei­ner Besit­zer, dem Herrn Golon­eck, mehr als Lie­bes­nest. Angeb­lich schwer im Wein­berg schuf­tend, beglück­te der Lust­molch jun­ge Mäd­chen aus den umlie­gen­den Orten hier oben. Ein wun­der­schö­nes Fleck­chen Erde ist es hier um das Türm­chen her­um.  Eine 800 Jah­re alte Sou­bi­se-Eiche (so benannt wahr­schein­lich nach dem fran­zö­si­schen Prin­zen Sou­bi­se, der hier im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg weil­te und tafel­te, ver­leiht dem Ort zusätz­lich einen geheim­nis­vol­len Charme.

 

Die­ser Stand­ort war auch im Kai­ser-Manö­ver 1903 Füh­rungs­stand … und sicher auch 1850 als die unver­schäm­ten Ross­ba­cher wegen zu hoher Steu­ern gegen die Mön­che im Klos­ter Pfor­ta mar­schier­ten. Scha­de, dass heut zu Tage nie­mand mehr aus sel­bi­gen Grund mar­schiert. Zeug­nise jener Tage fan­den sich bei der Reno­vie­rung der Gebäu­de – hier Patro­nen­hül­sen aus dem 19. Jh.

Nun ist wie­der Schwie­ger­sohn an der Rei­he. Es gibt einen Johan­ni­ter – eine Neu­zich­tung eines Dr. Becker aus Frei­burg im Breis­gau (eine Rebe die kei­nen Pflan­zen­schutz benö­tigt) und einen Mus­ka­ris Aus­le­se. Eine eben­falls sehr sel­te­ne Rebe, die wegen ihrer Süße nicht unser Favo­rit wird aber bestimmt man­chen Nicht­wein­trin­ker vom Wein über­zeu­gen könn­te.

 

Und dann kommt end­lich ein Roter. Dar­auf hat der Rabe gedul­dig gewar­tet. Ein Spät­bur­gun­der aus dem Holz­fass, natür­lich tro­cken😉 Die­ser gedeiht in der Frey­bur­ger Steil­la­ge dem zwei­ten Wein­berg der Guts. 2016 wur­de er zum bes­ten Rot­wein in der Unstrut prä­miert. Der Rabe ist hap­py. Ein edler Trop­fen und hier wird auch gepick­nickt. Lecke­re Baguettes mit Käse und Sala­mi, Hack­bäll­chen mit Gur­ke, Schmalz­bro­te und Käse­spie­ße dazu Toma­ten satt. Alles lie­be­voll zube­rei­tet.

Beim schlem­men fra­gen wir unse­rem Win­zer Löcher in den Bauch. Mit einer Engels­ge­duld, mit Charme und Stolz stillt er unser Wiss­be­geh­ren. Über eine Stun­de genie­ßen wir sei­ne Erzäh­lun­gen, die Aus­sicht, den Wein und die Häpp­chen. Es ist ein­fach herr­lich hier. Beim Abstieg über die, bereits vor Jahr­hun­der­ten von Mön­chen ange­leg­te, ganz schma­le Wein­berg-Trep­pe zählt das Eul­chen über  250 Stu­fen. Schööööööönnn war es und bestimmt nicht nur wegen der lecke­ren Häpp­chen wer­den wir wie­der kom­men. Die  Wein­ern­te wol­len wir im Herbst eben­falls mit­er­le­ben — Hil­fe wird hier dan­kend ange­nom­men.

 

Zum Abschluss noch etwas zum The­ma Gesund­heit und Wein … Frau War­ten­berg ver­bin­det im Vor­trag Pas­si­on und Pro­fes­si­on.

Dan­ke und bis zum nächs­ten Mal.