So wun­der­schön Berat ist und so wohl wie wir und hier füh­len, unser Alba­ni­en Aben­teu­er schlägt heu­te das nächs­te Kapi­tel auf. Weit müs­sen wir heu­te nicht fah­ren. Wir haben Zeit für einen Abste­cher. Apol­lo­nia klingt ver­füh­re­risch in unse­ren Ohren. Polo­nia – heißt die pol­ni­sche Gemein­schaft im Aus­land. Polen trifft man in Alba­ni­en zu Hauf. War das vor zwei­ein­halb Tau­send Jah­ren auch schon so? Und was soll das A davor? Weit gefehlt – Apol­lo­nia ist ein weib­li­cher, grie­chi­scher Vor­na­me der sich vom Gott des Lichts, Apoll ablei­tet. Das Apol­lo­nia im jetz­ti­gen Alba­ni­en war die größ­te und bedeu­tends­te Stät­te die zu Ehren Apol­lons nach ihm benannt wur­de.
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Apol­lo­nia wur­de auf einem Hügel etwa einen Kilo­me­ter nörd­lich des Flus­ses Vjo­sa gegrün­det. Über Tau­sen Jah­re lang war sie ein wich­ti­ges Han­dels­zen­trum in der Regi­on. Wäh­rend des 1. Jahr­hun­derts v. Chr. besuch­ten ver­schie­de­ne bedeu­ten­de römi­sche Poli­ti­ker, unter ande­rem Sul­la und Cice­ro die Stadt Apol­lo­nia. 44 v. Chr. stu­dier­te der spä­te­re römi­sche Kai­ser Augus­tus in der grie­chi­schen Stadt. Apol­lo­nia war freie Stadt und muss­te kei­ne Steu­ern  nach Rom abfüh­ren. Dann pas­sier­te etwas Schlim­mes. Ein Erd­be­ben ver­än­der­te den Lauf des Flus­ses Vjo­sa und der Hafen Apol­lo­ni­as ver­lan­de­te. Den Weg­fall des Hafens folg­te der Ver­fall des Han­dels­zen­trums. Irgend­wann wur­de die Stadt auf­ge­ge­ben.
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Blick vom Apol­lo­nia-Hügel in Rich­tung des ehe­ma­li­gen Fluß­laufs und des Hafens.
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Heu­te kann man hier die gro­ße Stoa, das Buleu­ter­ion, das Ode­on und die Biblio­thek der Stadt sehen. Wei­ter­hin den Dia­na-Tem­pel, meh­re­re Wohn­häu­ser, eine der Haupt­stra­ßen und süd­lich des Mari­en­klos­ters, ein Gym­na­si­on. Wir neh­men uns, wie immer an sol­chen Orten, Zeit und ver­su­chen den Geis­tern der Ver­gan­gen­heit auf die Schli­che zu kom­men. Es gelingt nach einer Wei­le … als das Grüpp­chen Schwei­zer Frau­en, die vor uns an den Rui­nen waren, das Gelän­de ver­las­sen haben. Sehr schö­ne und anschau­li­che Tafeln zei­gen, die Gebäu­de wie sie mal aus­ge­se­hen haben. Das hilft und zusätz­lich sich in die­se Zeit zu ver­setz­ten.
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In der Anti­ke muss es eine rie­si­ge Stadt gewe­sen sein. Trotz inten­si­ver Erfor­schung sind erst fünf Pro­zent der Flä­che Apol­lo­ni­as aus­ge­gra­ben wor­den.

Djari und sein Bunker

Kurz vor der anti­ken Stadt, von Fier kom­mend, sehen wir end­lich einen „gro­ßen“ Bun­ker. Der Rabe hat schon vor dem Abflug nach Tira­na geschrie­ben, dass er unbe­dingt ein Foto von einem Bun­ker haben möch­te. Enver Hoxha, der alba­ni­sche Dik­ta­tor über 40 Jah­re lang, hat sich mit so ziem­lich allen Mäch­ten welt­weit ver­strit­ten. Die Rus­sen, die Chi­ne­sen und der Wes­ten von über­all wit­ter­te der para­noi­de Herr­scher Gefahr. Zwi­schen 1972 und 1984 ließ er im Land hun­dert­tau­sen­de Bun­ker errich­ten. Jeder wehr­fä­hi­ge Alba­ner soll­te eine „klei­nen“ Bun­ker haben, je vier Alba­ner einen „gro­ßen“.
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Ob es nun letzt­end­lich 200 000 oder 700 000 Bun­ker in Alba­ni­en gab – die Anga­ben gehen da weit aus­ein­an­der. Die Zahl zwei­hun­dert­tau­send erscheint uns bei einer Gesamt­be­völ­ke­rung von 2,8 Mio. rea­lis­ti­scher. Wie auch immer — es war ein teu­res Unter­fan­gen. Die Pro­duk­ti­on der vor­ge­fer­tig­ten Bun­ker­tei­le ver­schlang einen Groß­teil der Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben. Aus den Mil­lio­nen Ton­nen Stahl­be­ton  hät­te man bes­ser Woh­nun­gen gebaut. Die meis­ten Blogs berich­ten von den vie­len, vie­len Bun­kern in ganz Alba­ni­en. Also wir haben die süd­li­che Hälf­te des Lan­des bereist, rund 1200 Kilo­me­ter durch Ber­ge, Städ­te und abge­le­ge­ne Dör­fer sowie ent­lang von Flü­ßen und Küs­ten – gese­hen haben wir ledig­lich eine Hand­voll die­ser „Relik­te“. Sie die­nen z.B. als Strand­bar, Vieh­stall oder Toi­let­te.
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Auf der Rück­fahrt von Apol­lo­nia hal­ten wir am Bun­ker an. Er scheint dies­mal ver­las­sen. Auf der Hin­fahrt haben wir noch einen Zie­gen­hir­ten hier gese­hen. Es dau­ert aber nur weni­ge Sekun­den da taucht der Bau­er auf. Er läuft auf­ge­regt auf uns zu, freut sich sicht­lich. Will wis­sen woher wir kom­men und wie wir hei­ßen. Sein Name ist Dja­ri. Es ist toll wie ein­fach man sich ver­stän­di­gen kann – mit Hän­den und Füßen. Dja­ri lebt mit sei­nen Zie­gen und Scha­fen hier drau­ßen. Er lädt uns in SEINEN Bun­ker ein. Eine alte Matra­ze, ein Läu­fer auf dem Boden, zwei Kis­ten mit Obst und eine Art Tisch. Weder Tür noch Fens­ter – alle Öff­nun­gen wet­te­run­ge­schützt. Dja­ri erzählt uns, dass es von Anfang an sein Bun­ker war. Er war Chef. (Da es ein „gro­ßer Bun­ker ist, war Dja­ri wahr­schein­lich Vor­ge­setz­ter von drei wei­te­ren Sol­da­ten – dafür reicht unser Hand­fü­ßisch nicht aus). Der Bau­er schein glück­lich zu sein und trotz sei­ner geschätz­ten 70 Jah­re noch top in Schuss … wie er auf uns zuge­lau­fen kam …
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Der Rabe bekommt sein gewünsch­tes Bun­ker­bild – mit Bun­ker, mit dem Raben … und mit Dja­ri, dem Alba­ner zu dem Bun­ker.  Rabe glück­lich und wei­ter geht’s. Wie­der wird uns bewusst, dass die west­li­che Art zu leben nicht unse­re ist.

Karavaste Lagune und Divjaka

Im Vor­feld der „Expe­di­ti­on“ stu­dier­ten wir unzäh­li­ge Rei­se­b­logs, schau­ten Doku­men­ta­tio­nen und lasen Bei­trä­ge. Es gibt so vie­les das wir sehen wol­len. Eins stand vor Beginn der Rei­se fest – kein Zeit­plan, kein Druck, wo es uns gefällt blei­ben wir und wenn es eine Woche dau­ert. Zwei Über­nach­tun­gen hat die für­sorg­li­che Eulen­kö­ni­gin den­noch im Vor­aus gebucht. Die ers­te (am Ohrid­see) und die heu­ti­ge.

Das orni­tho­lo­gisch begeis­ter­te Eul­chen ist scharf auf … Vögel J … und zwar auf ganz spe­zi­el­le Vögel. Gro­ße, wei­se, Vögel die Peli­ka­ne. Sie sol­len in Alba­ni­en an meh­re­ren Stel­len anzu­tref­fen sein. Wie sich raus­stel­len soll­te – liegt die Beto­nung auf „sol­len“!!! Eine der Doku­men­ta­tio­nen zeig­te vie­le, vie­le Peli­ka­ne in der Kara­vas­te, Lagu­ne im Wes­ten des Lan­des. Eine rund her­um eher tris­te, dörf­li­che Gegend um das Dörf­chen Divja­ka.  Seit 1994 ste­hen Tei­le der Lagu­ne mit angren­zen­den Pini­en­wäl­dern (sowie Tei­le der Neh­rung) unter Schutz. Natio­nal­park Divja­ka-Kara­vasta bie­tet Lebens­raum für sel­ten gewor­de­ne Was­ser­vö­gel und ist Über­win­te­rungs­ge­biet unter­schied­li­cher Zug­vö­gel. Mit dem Bild Tau­sen­der Peli­ka­ne vor dem geis­ti­gen Auge buch­te Ihre Eulen­tät kur­zer­hand eine Unter­kunft. Nah am Natur­schutz­ge­biet, nah an der Lagu­ne, ruhig und abge­schie­den, mit einem eige­nen „Haus-Peli­kan“ im Gar­ten, und einem Vogel­kund­ler der Bird­watching anbie­tet.

Als wir am spä­ten Nach­mit­tag in Divja­ka ankom­men stellt sich lang­sam die Ernüch­te­rung ein. Das male­ri­sche Dörf­chen ent­puppt sich als ein Betonört­chen ohne jeden Charme. Wie­der­mal ver­sagt die Adress­an­ga­be der Boo­king-App. Wir dre­hen bestimmt zehn Run­den durch das Städ­te­le. Jedes Mal an einer Poli­zei­strei­fe vor­bei, die auf der ein­zi­gen gro­ßen Kreu­zung gera­de eine Ver­kehrs­kon­trol­le durch­führt. Nach etwa der fünf­ten Run­de grin­sen die jun­gen „Bul­len“ nur noch. Irgend­wann fin­den wir am Orts­rand das Guest House Liri. Es sieht irgend­wie wenig ein­la­dend aus. Nie­mand ist zu Hau­se. Wir schlei­chen ums Gebäu­de … kein schö­ner Gar­ten, geschwei­ge denn ein Peli­kan. Ein altes Müt­ter­chen kommt vom Nach­bar­haus rüber und mur­melt etwas auf Alba­nisch. Es soll die teu­ers­te Unter­kunft  unse­res Alba­ni­en­aben­teu­ers sein. Ein kur­zer Blick, ein Nicken ‚wir sind uns einig …hier blei­ben wir nicht. Der Rabe hat­te sich in der Zwi­schen­zeit bele­sen, das „MANCHMAL Peli­ka­ne und ande­re Zug­vö­gel zu sehen sind und man orts­kun­di­ge Füh­rer braucht“. Das Eul­chen hat­te sich die Peli­ka­ne wohl eher her­bei geträumt . Wir sind so “geschockt”, dass nie­mand an Foto­gra­fie­ren denkt 🙂

Es ist etwa 17:5 Uhr – gegen 18:20 Uhr wird es dun­kel hier. Im Dun­keln kann man nur sehr vor­sich­tig (heißt rela­tiv lang­sam) fah­ren und im Dun­ken sucht sich schlecht – wir brau­chen eine neue Über­nach­tung. Als erfah­re­ne Alba­ni­en-Sur­vi­val-Indi­vi­duall-Tou­ris impro­vi­sie­ren wir. Der Rabe lenkt die Kut­sche Rich­tung Dur­res.

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