Der Win­ter will heu­er, so früh im März noch nicht frei­wil­lig wei­chen. Die Son­ne lässt sich immer­hin schon etwas län­ger bli­cken. Wir wol­len mal Ost­see-Luft schnup­pern. Der Rabe tele­fo­niert, im Vor­feld des Auf­ent­halts, mit eini­gen Fischern in Ust­ka und ver­ein­bart einen Hoch­see-Angel-törn. Auch unse­re Freun­de aus Köpe­nick wer­den da sein. Wölf­chen ist von der Angel-Idee begeis­tert. Gecko (des Wölf­chens sin Fru) bestellt spe­zi­ell zu die­sem Zweck, sogar extra zwei wet­ter­fes­te,  modi­sche, Ost­frie­sen-Krea­tio­nen. Das ist Spon­ta­ni­tät.
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Der Zeit­punkt des Angel­turns soll vom Wet­ter abhän­gig fest­ge­legt wer­den. Der Anruf des Käpt’n des klei­nen Fisch-Kut­ters kommt wäh­rend des Mon­tags­früh­stücks. Mor­gen ist es so weit. Der Diens­tag beginnt für uns “Essens­be­schaf­fer” sehr zei­tig. Fein in Signal­gelb raus­ge­putzt mel­den wir uns bei­de, kurz nach drei Uhr mor­gens an Bord de Kut­ters. Bis zu den Stol­per Fang­ge­wäs­sern fährt die 230PS Ein­heit gute vier Stun­den.  Die “Ame­lia Bis” ver­fügt über eine klei­ne Mes­se und eini­ge Kojen. Von den Letz­te­ren erfah­ren wir aber erst, als gegen sie­ben Uhr plötz­lich eini­ge, zer­knit­ter­te Gestall­ten aus den “Untie­fen” hin­ter dem Steu­er­stand empor krie­chen. Für alle  zehn “Pas­sa­gie­re” hät­ten sie eh nicht gereicht.
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Wir ver­trei­ben uns die Zeit mit zwei älte­ren  pol­ni­schen Pro­fi-Ang­lern. See­manns­garn und Angel­tipps. Einer davon ist pol­ni­scher Meis­ter im Flie­gen­fi­schen und auch dem Hoch­see­an­geln nicht abge­neigt. Nach sei­ner Pro­phe­zei­ung wird der Rabe, mit sei­ner Tele­skop Angel, nix holen. Angeb­lich unge­eig­net — eine leich­te, zwei­tei­li­ge Rute ist das ein­zig Wah­re. Nun, eini­ge Zei­len wei­ter unten — wer­den wir sehen ob er Recht behielt. Kurz vor halb acht wird’s an Bord geschäf­tig. Ein Signal­horn sagt “die Spie­le mögen begin­nen”. Die Bun­des­li­ga-Ang­ler an Bug und Heck des Kut­ters wer­fen ihre teu­re­ren Vor­fä­cher mit ihren noch teu­re­ren Angeln ins tie­fe Ost­see­was­ser.
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Wir ver­pas­sen den Start etwas. Dem Wölf­chen fällt näm­lich erst hier ein, dass eine Angel samt Haken und “Weih­nachts­baum-Schmuck” ganz nütz­lich beim Hoch­see­an­geln wäre. Der Cap­tain ist leicht amü­siert, als der Rabe um 7:20 Uhr eine Rute und Zube­hör für den Wolf aus­leiht. Mit etwas Gefum­mel bas­teln Wölf­chens unge­üb­te Hän­de alles hin­ter­ein­an­der an die Hard­ware. Der pol­ni­sche Meis­ter hilft .… so sind sie, die Polen.

Eine vier­tel Stun­de spä­ter ist alles bereit. The Show must go on. Auch unse­re Vor­fä­cher ver­sin­ken in den Flu­ten. Noch ist kein Fisch an Deck. Erneut ertönt das Horn, alle Angeln wer­den ein­ge­rollt. Der Cap­tain bewegt das Boot eine hal­be See­mei­le nach Nor­den … wie­der Signal … aus­wer­fen … angeln … hof­fen. So ver­ge­hen die ers­ten zwei Stun­den. Bis auf einen Zwerg­dorsch hat nie­mand etwas am Haken.
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Die Ang­ler wer­den unru­hig, miss­mu­tig, der Kapi­tän ange­spann­ter, die Wech­sel­ma­nö­ver fol­gen in immer kür­ze­ren Abstän­den. Bis­her viel­leicht zwei Fische an Deck.
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Der Rabe kämpft mit sei­ner “teu­ren” Aus­rüs­tung. Die leuch­tro­te Schnur hat sich schon beim letz­ten Angel­ritt (vor 15 Jah­ren😁) ver­hed­dert und ist alle fünf Meter mit einem Kno­ten “ver­edelt”. Ver­nünf­ti­ges Aus­wer­fen, Abrol­len und Ein­rol­len ist kaum mög­lich. Plötz­lich Wie­der­stand beim Zie­hen. Ent­we­der der Drei­zack hat sich im Mee­res­bo­den ver­hakt oder .….  Es ist oder. Die Schnur lässt sich ein­ho­len, aber nur mit Kraft­auf­wand. Weni­ge Sekun­den spä­ter sieht der Rabe knapp unter der Was­ser­ober­flä­che das “gewal­ti­ge Mee­resun­ge­heu­er”. Kurz dar­auf ist ein Halb­me­ter-Dorsch in der Plas­te­wan­ne (halb mit See­was­ser gefüllt). Unser ers­ter Fisch … Es geht doch was … Wir wer­den uns nicht gänz­lich vor unse­ren Frau­en bla­mie­ren.
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Zwi­schen­zeit­lich hat der Cap­tain das Fang­ge­biet gewech­selt. “Ame­lia Max” ein befreun­de­ter Kut­ter hat grö­ße­re Schwär­me ent­deckt und teilt sie nun mit uns. Wir nut­zen die fang­ar­me Zeit zum Mit­tag­essen. Der Smut­je hat eine lecke­re Erb­sen­sup­pe mit Kass­ler gezau­bert — Tee bzw. Kaf­fee bekommt man auf Wunsch jeder­zeit zube­rei­tet. Ein Pole spen­diert uns ein Bier … wir sind dank­bar, geben eine Run­de Ziga­ril­los aus. Auf deut­schen Boo­ten kann man Alko­hol kau­fen — hier ist der Genuss ver­bo­ten, steht jeden­falls auf dem Schild. Schil­der sind aber gedul­dig — selbst Mit­ge­brach­ten kann man trin­ken. Wie­der was gelernt — wie­der zu spät☺.
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Noch was steht groß auf einem Schild im Steu­er­haus. Min­dest­län­ge des Fangs 37cm — maxi­ma­le Fisch­zahl pro Nase: SIEBEN. (in Deutsch­land 50–5) Die Mann­schaft ist nicht für die Ein­hal­tung zustän­dig. Wir fra­gen rum … es wird nicht kon­trol­liert, auch nicht im Hafen.

Nun geht es vor­wärts. Der Rabe hat etwa 30 Meter sei­ner ver­kno­te­ten Angel­schnur abge­schnit­ten — jetzt macht das Rol­lern Spaß. Abwech­selnd holt mal Wolf mal der Rabe einen Dorsch an Bord. Wölf­chen lässt “aus Dank­bar­keit” 😇 fünf Vor­fä­cher am Mee­res­grund lie­gen. Der Cap­tain bangt schon um sei­ne Vor­rä­te — freut sich aber über den Extraum­satz. Ein Pole zitiert eine See­ang­ler­weis­heit — “schenkst du dem Meer was, gibt das Meer Dir auch etwas”.
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Kurz vor 15 Uhr ertönt das letz­te Horn. Der Kapi­tän bedankt sich bei sei­nen Gäs­ten. Ins­ge­samt ent­rei­ßen wir bei­de der Natur 11 Dor­sche. Die Ost­see bekommt von uns dafür acht Vor­fä­cher. Fai­rer Tausch wie ich fin­de. Spaß und Aben­teu­er hat­ten wir alle mal. Das Wet­ter war per­fekt — Son­ne den gan­zen Tag lang, und die Tem­pe­ra­tur merkt man im Ost­frie­senn­erz über­haupt nicht. Jetzt noch die Rück­fahrt. Vier Stun­den … Rund 30 See­mei­len bis Ust­ka. Wölf­chen macht ein Nicker­chen — der Rabe dampft gemein­sam mit dem Die­sel.
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Genau die­se 30 Mei­len haben übri­gens die Opfer der “Gust­loff”, der “Steu­ben” und der “Goya” vor 73 Jah­ren vom ret­ten­den Ufer bei Stolp­mün­de getrennt. Rund 20 000 Men­schen star­ben 1945 genau hier. Ver­senkt von sowje­ti­schen U‑Booten, im eis­kal­ten Was­ser der Ost­see. Die größ­ten See­ka­ta­stro­phen der Mensch­heits­ge­schich­te über die man bis heu­te all­zu gern schweigt. Irgend­wo da unten lie­gen die Wracks noch. Ein schau­ri­ges Gefühl über­kommt den Raben.
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Kurz vor 19:00 Uhr legen wir im Hafen an. Die 16 Stun­den auf See ste­cken uns im den Kno­chen — wir sehen etwas geschafft aus. Wie es sich für anstän­di­ge Fischer­bräu­te gehört, war­ten unse­re Frau­en an der Pier auf uns. Hal­le­lu­ja (oder .… ver­dammt😀) sie haben uns wie­der.

Ein opu­len­tes Abend­mahl mit unse­ren Köni­gin­nen krönt die­sen Tag.

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