Ein neu­er Tag bricht an. Wie­der wer­den wir von einem Son­nen­auf­gang geweckt. Dies­mal erhebt sich der glü­hen­de Stern vor­sich­tig vom Osten über das Mali i Gje­rë Gebir­ge. Im Tal ist es schon hell bevor unser Bal­kon, am west­li­chen Hang des Ber­ges, die ers­ten Strah­len zu spü­ren bekommt. Wir sind nun “alte Hasen”, freu­en uns schon auf das aus fri­sches­ten Zuta­ten bestehen­de Früh­stück und kön­nen es kaum erwar­ten neue Land­stri­che zu ent­de­cken. Heu­te geht’s in den Süden, auf die Halb­in­sel Ksa­mil.

Wir ver­ab­schie­den uns von unse­rem Gast­ge­ber, fah­ren das durch das Basar­vier­tel, grü­ßen in Vor­bei­fahrt den Dofrin, der bereits in sei­nem klei­nen Restau­rant umher­wir­belt und schon sind wir auf der SH4, die erst­mal Rich­tung Kaka­vi­ja, einem Grenz­über­gang zu Grie­chen­land führt. Der ers­te Weg­wei­ser nach Gji­ro­kas­ter, zeigt Laza­rat an — ein von Mythen und Sagen umwo­be­nes Dörf­chen. Es wird Aus­län­dern abge­ra­ten nach Laza­rat hin­ein zu fah­ren, schrei­ben … Aus­län­der. Alba­ni­sche Behör­den wür­den Kenn­zei­chen notie­ren und bei der Aus­rei­se an den Grenz­über­gän­gen die notier­ten Wagen gründ­lich kon­trol­lie­ren. Angeb­lich soll hier Mari­hua­na ange­baut wer­den. Ob nun heim­lich oder mit dem Wis­sen der Staats­macht? Weiß nie­mand. Angeb­lich soll die Poli­zei in der Gegend prä­sen­ter sein — kön­nen wir nicht bestä­ti­gen. Angeb­lich soll der Umsatz der Dro­gen­bos­se drei Mil­li­ar­den US Dol­lar betra­gen — viel­leicht ein Mär­chen, viel­leicht ein Teil des 12 Mil­li­ar­den Dol­lar Brut­to­in­lands­pro­dukts  Alba­ni­ens. Fakt ist, dass hier ein paar Raz­zi­as durch­ge­führt wur­den, zwei, drei Men­schen wur­den ver­haf­tet. Fakt ist, dass 2004 ein inter­na­tio­na­ler Poli­zei­hub­schrau­ber aus dem Dorf beschos­sen wur­de. Fakt ist aber auch, dass das Dorf am Hang so klein ist und die Fel­der von der Schnell­stra­ße alle so gut ein­seh­bar, dass es für die Sicher­heits­kräf­te ein Kin­der­spiel wäre hier eine Dro­gen­in­fra­struk­tur aus­zu­he­ben. Die jet­zi­ge Regie­rung in Alba­ni­en ist jeden­falls umstrit­ten — Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe, unter ande­rem bei der Geneh­mi­gung des Was­ser­kraft­werks an der Vjo­sa, sind bekannt gewor­den.


Wir fah­ren wei­ter. Bei Muzi­na kann man sich ent­schei­den … ent­we­der 10 Minu­ten mit der frisch gebau­ten SH99 (kei­ne 5 Kilo­me­ter) oder 40 Kilo­me­ter lang mit der „Old Road“ (SH78), wahr­schein­lich aus osma­ni­scher Besat­zungs­zeit vor 500 Jah­ren, ein­ein­halb Stun­den durch die Ber­ge zu kut­schen. Wir neh­men … die Ber­ge.

Die neue Stra­ße ist so neu, dass selbst Gög­gle­M­äps sie noch nicht kennt – aber wer schnö­de auf der Haupt­stra­ße bleibt, und auf die Schön­heit der Natur kei­nen Wert legt, spart hier gut 80 Minu­ten … ver­zich­tet aller­dings auch auf unbe­zahl­ba­re Aus­sich­ten in die Ursprüng­lich­keit Alba­ni­ens. Wir genie­ßen jeden­falls die­se Fahrt. Tref­fen eini­ge Hir­ten mit Schafs‑, Zie­gen- und Kuh­her­den und kön­nen uns nicht satt sehen an Berg- und Tal­pan­ora­men. Schööööööööööööööööööööön.


Das Navi­ga­ti­ons-Eul­chen hat im Vor­feld, an der Stre­cke etwas sehens­wer­tes ent­deckt. Eine Karst­quel­le. Syri i Kal­tër ist 45 Meter tief und mit 6 m³/s (6000 Liter pro Sekun­de) die was­ser­reichs­te Quel­le des Lan­des. Es ist eine der Quel­len des Flus­ses Bistri­ca, der einen Teil des Südens von Alba­ni­en durch­quert. Von oben ähnelt sie wirk­lich einem gro­ßen run­den Auge (Durch­mes­ser etwa zehn Meter). Die Augen­mu­schel, ein tie­fer Brun­nen, aus dem das Was­ser wie ein kochen­der Kes­sel, der gera­de zu kochen begon­nen hat, auf­steigt — hat eine tür­kis blaue Far­be die mit­ten im Dunk­len des umlie­gen­des Gesteins für zau­ber­haf­te Ein­drü­cke sorgt.
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Eine Legen­de besagt, dass ein böser Dra­che hier den Men­schen Was­ser ver­sperrt hat und sich von ent­führ­ten Mäd­chen ernährt hat. Nach­dem man ihn getö­tet hat, lief das Was­ser aus sei­nem Auge raus und sorgt bis heu­te für die Ähn­lich­keit mit einem rie­sen Dra­chen­au­ge. Für die Touri’s wur­de der Ort, wahr­schein­lich des­we­gen, Blue Eye getauft. Lei­der wer­den hier die Besu­cher mitt­ler­wei­le in Scha­ren aus Saran­de ran gekarrt. Dem Eul­chen gelin­gen trotz­dem herr­li­che Tier­auf­nah­men und die natür­li­che Schön­heit ist die­sem Fleck­chen Erde nicht abzu­spre­chen.


Wei­ter geht es nach Ksa­mil. Natür­lich wie­der auf einem umständ­li­che­ren Pfad als das die Meis­ten tun wür­den. Wir umfah­ren die Halb­in­sel auf der Land­sei­te und set­zen mit der Fäh­re über den Vivar-Kanal. Bestimmt kos­tet es uns eine Stun­de Zeit – macht uns aber rei­cher an Ein­drü­cken. Schon aus eini­ger Ent­fer­nung kann man die Rui­nen von Butrint sehen. Tei­le der Befes­ti­gun­gen sind auf dem Fest­land und für den „Butrint-Otto-Nor­mal-Besu­cher“ nicht zu erspä­hen. Die klei­ne Fäh­re bringt uns in weni­gen Minu­ten auf die ande­re Sei­te. Butrint las­sen wir heu­te links … ähhh, in Wirk­lich­keit, rechts lie­gen und rol­len die letz­ten 2 Kilo­me­ter nach Ksa­mil. Die Anti­ke Well­ness-Stadt haben wir mor­gen auf der Agen­da.
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In Ksa­mil hat die Logis­tik-Eule, eine traum­haf­te Unter­kunft gefun­den. Bis wir sie tat­säch­lich fin­den ver­geht aller­dings fast eine Stun­de und sie ist, na ja eher trauma…haft. Der Ent­schluss fällt, gleich­zei­tig, ein­hel­lig und blitz­schnell – hier wol­len wir nicht über­nach­ten. Wir fah­ren ent­lang des Stran­des und wer­den in einer der Stra­ßen, von einem älte­ren Mann ein­ge­la­den in sei­nem klei­nen Hotel zu blei­ben. Noch sind wir unent­schlos­sen, aber bei der zwei­ten Run­de ums Ört­chen, neh­men wir sei­ne Ein­la­dung an. Das Afri­mi ist ein Fami­li­en­be­trieb. Sohn an der Bar, die Mama sorgt für sau­be­re Wäsche und Zim­mer und in der Küche des zuge­hö­ri­gen Fisch­re­stau­rants steht bestimmt auch ein Fami­li­en­mit­glied. Der Preis ist schnell aus­ge­han­delt. Put­zig, wir wer­den gefragt, was wir bezah­len wol­len – trau­en uns nicht so rich­tig zu han­deln und schla­gen bei vor­ge­schla­ge­nen 25€ ein. Das ist die­ses 3 Ster­ne Hotel­chen wert. Kei­ne 50 Meter vom Strand, bekom­men wir ein rie­sen Zim­mer mit einer Ter­ras­se und Aus­blick auf die Bucht und die Stra­ße von Kor­fu.

Apro­pos, die Stra­ße von Kor­fu hat ihre engs­te Stel­le, kei­ne 2000 Meter,  genau bei Ksa­mil, dem klei­nen Tou­ris­ten­dörf­chen. Der Ort hat zwar einen anti­ken Namen: Hek­sa­mi­li­on — Ksa­mil geht aber auf eine Neu­grün­dung in den 1960er Jah­ren zurück. Damals wur­den wei­te Tei­le der Halb­in­sel ter­ras­siert und Kul­tu­ren mit Zitrus­früch­ten sowie Oli­ven-Hai­ne ange­legt. Ksa­mil wur­de Wohn­ort für Arbei­ter eines staat­li­chen Land­wirt­schafts-Betrie­bes, der die Fel­der begann zu nut­zen. Zuvor war die Halb­in­sel ödes, mit Dor­nen­ge­strüpp bewach­se­nes Land, das ledig­lich Zie­gen und Scha­fen als Wei­de­land dien­te. Für den Besuch des sowje­ti­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Niki­ta Chruscht­schow wur­de 1959 sogar eine Stra­ße nach Butrint ange­legt. Somit wur­de das eins­ti­ge Hin­ter­land der Halb­in­sel von Ksa­mil,  erschlos­sen. Kei­ne 60 Jah­re her.

Vor etwa 17 Jah­ren hat man begon­nen auf Tou­ris­mus zu set­zen. Erfolg­reich. So erfolg­reich, dass wir froh sind außer­halb der Sai­son hier zu sein. Im Som­mer tre­ten sich hier Alba­ner, Grie­chen, Ita­lie­ner und, wer hät­te das gedacht, Polen gegen­sei­tig auf die Füße.  Wir genie­ßen jeden­falls zuerst ein Küh­les Blon­des an einer Strand­bar und dann den fast Men­schen­lee­ren Strand.  Es ist idyl­lisch .. das Was­ser lie­fert ein präch­ti­ges Farb­spiel und die klei­ne vor­ge­la­ger­te Insel sowie eini­ge Pal­men am Ufer sor­gen für fast kari­bi­schen Flair.
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Wir plant­schen kurz und beschlie­ßen irgend­wo am Was­ser unser Abend­mahl ein­zu­neh­men. Vie­le Restau­rants haben, wegen der Nach­sai­son (die hat vor zwei Tagen begon­nen), bereits geschlos­sen – das aller­schöns­te aber, Restau­rant GUVAT, mit einer herr­li­chen Strand­ter­ras­se war­tet förm­lich auf uns. Auf das Essen in Alba­ni­en kann man sich eben­so ver­las­sen wie auf die Freund­lich­keit sei­ner Bewoh­ner. Im Guvat ver­drü­cken wir ein hal­bes Lamm. Eul­chen als Filet, der Rabe als Car­rè – dazu gedüns­te­tes Gemü­se, Salat und einen Liter Haus­wein ………… köööööst­lich.
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Wir ver­wei­len bis zum spä­ten Abend in die­sem fei­nen Lokal. Lei­der gelingt es uns nicht den Son­nen­un­ter­gang sen­sa­tio­nell genug ein­zu­fan­gen … er war aber wun­der­schön.
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Zurück im Hotel … schnup­pern wir, bei einem Korce, noch biss­chen Mee­res­luft, lau­schen den Wel­len und sehen dem Mond bei sei­ner Nacht­wan­de­rung über der Bucht zu.
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Von Alpen­land­schaf­ten über wil­de Fluss­tä­ler bis hin zu kari­bi­schen Strän­den bie­tet Alba­ni­en den muti­gen und neu­gie­ri­gen Besu­chern alles. Wir sind glück­lich, dass wir die­ses Aben­teu­er gewagt haben und sicher, dass es nicht das letz­te Mal ist, dass wir die­se freund­li­chen und net­ten Men­schen und ihr Land besu­chen.

Gute Nacht Eul­chen – gute Nacht mein Rabe.

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