Bunz­lau­er Kera­mik — Kunst zum täg­li­chen Gebrauch 

Bunz­lau­er Kera­mik ist in Deutsch­land ein Begriff. Ob vie­le Haus­frau­en die teil­wei­se ein Ver­mö­gen für das Geschirr mit dem mar­kan­ten Mus­ter aus­ge­ben wis­sen, dass Bunz­lau heu­te Bole­s­la­wi­ec heißt und in Polen liegt? Kei­ne Ahnung – wahr­schein­lich genau­so vie­le (und womög­lich die Glei­chenJ, die den­ken, dass Rügen­wal­de (die Wurst mit der Müh­le) – heu­te Dar­lo­wo — auf Rügen liegt.

Das Nie­der­schle­si­sche Städt­chen Bole­s­la­wi­ec liegt ziem­lich genau zwi­schen Dres­den und Bres­lau — in bei­de Rich­tun­gen sind es rund 120 Km. Für uns kaum ein Umweg auf der Rück­tour von Kar­pacz. WIR WOLLEN ES WISSEN – was es mit dem so begehr­ten gebrann­ten Ton aus Bunz­lau auf sich hat.

Die  berühm­ten kobalt­blau­en Deko­re mit den Pfau­en­au­gen­mus­ter hat sicher jeder schon mal gese­hen. Es ist kein Mar­ken­zei­chen einer ein­zel­nen Kera­mik Werk­statt – son­dern ein typi­sches Mus­ter die­ser Gegend. Heu­te exis­tie­ren noch drei gro­ße Manu­fak­tu­ren und etwa 20 klei­ne­re Betrie­be die in und um Bunz­lau Kera­mik pro­du­zie­ren. Wir erspa­ren uns einen wis­sen­schaft­li­chen Abriß – das alles kann man im Wiki­pe­dia nach­le­sen.

Was im Wiki nicht drin steht bzw. falsch steht ist, dass die Kera­mik in all die­sen Betrie­ben in Hand­ar­beit ent­steht. Als Aus­gangs­ma­te­ri­al wird bis heu­te Ton und Lehm aus der unmit­tel­ba­ren Umge­bung benutzt. Das hat auch sei­nen Grund. Genau wegen die­sem Ton haben sich bereits im 15. Jahr­hun­dert Töp­fer­meis­ter in der Stadt ange­sie­delt. Falls Sie genau­er drü­ber nach­den­ken … Ton­ge­fä­ße sind in aller Regel braun – erd­far­ben – in allen mög­li­chen Schat­tie­run­gen. Nicht so der Bunz­lau­er.  Das ist er übri­gens ….

Gewa­schen, gemah­len, gesiebt und wie­der zur einer Mas­se zusam­men­ge­fügt kommt er in Gips­for­men. Das ist der ein­zi­ge „halb­in­dus­tri­el­le“ Arbeits­schritt. Mit einer Leh­re wird er von einem Mit­ar­bei­ter, auf einer rotie­ren­den Töp­fer­schei­be in eine Gips­form gedreht. Dank die­ser For­men  gleicht ein Stück in den Aus­ma­ßen den ande­ren. Nach dem Trock­nen wer­den die Roh­lin­ge aus den For­men genom­men, Uneben­hei­ten und über­ste­hen­de Ton­res­te abge­schlif­fen und anschlie­ßend glatt poliert.

Danach wer­den die Roh­lin­ge auf einer gro­ßen Schamott-„Palette“ auf­ge­schich­tet und gesta­pelt (sie  kön­nen ein­an­der ruhig berüh­ren) und wer­den das ers­te Mal gebrannt und zwar vier Stun­den lang bei etwa 800 Grad Cel­si­us. Das Mate­ri­al trock­net dabei end­gül­tig (Ton ist immer etwas feucht), wird dabei schon viel hel­ler und kann ver­ziert wer­den. Nach die­sem Bren­nen erfolgt eine ers­te Sicht­kon­trol­le. Tei­le in denen sich Ris­se gebil­det haben wer­den aus­sor­tiert — noch kann das Mate­ri­al wie­der ver­wen­det wer­den.

Was folgt ist kunst­vol­le aber auch mono­to­ne Male­rei und Stem­pe­lei. Die Manu­fak­tur die wir besucht haben beschäf­tigt 240 Mit­ar­bei­ter – rund 80 davon sind Kera­mik­ma­ler. In einem lan­gen, hell erleuch­te­ten Raum, an Vie­rer­ti­schen, stem­peln und bema­len sie jedes ein­zel­ne Stück Kera­mik, das die Manu­fak­tur ver­lässt. Es ist unfass­bar mit wel­cher Kon­zen­tra­ti­on und Genau­ig­keit die Frau­en, die Pfau­en­au­gen, Blüm­chen und ande­re Moti­ve stem­peln. Ganz beson­de­re Stü­cke wer­den auch frei­hän­dig bemalt. Eine Kera­mik­ma­le­rin benö­tigt bis zu einer hal­ben Stun­de für ein Teil. Unter den Malern – sor­ry, gen­der­ge­recht – Male­rin­nen – haben wir nur einen ein­zi­gen Mann gese­hen.

 

Nach dem Bema­len muss natür­lich die Far­be trock­nen. Übri­gens wer­den aus­schließ­lich Natur­far­ben benutzt die was­ser­lös­lich sind. Unter ande­rem aus die­sem Grund wur­den die Kera­mik aus Bunz­lau, auf inter­na­tio­na­len Mes­sen, mehr­fach aus­ge­zeich­net. Bei der gesam­ten Her­stel­lung wird kei­ne Che­mie ver­wen­det. Sogar beim Ankle­ben .… falsch: Anhef­ten der Hen­kel wird auf Kle­ber ver­zich­tet und statt­des­sen flüs­si­ger Ton ver­wen­det. Eine Kurio­si­tät ist die rosa Far­be die als Unter­grund auf eini­gen Gefä­ßem zu sehen ist. Sie wird nach dem Bren­nen zu dem Bunz­lau typi­schen Blau. Aber der Rei­he nach.

Nach dem Bema­len wer­den die Stü­cke in eine mil­chi­ge, wei­se Brü­he getaucht. Wie­der eine Bunz­lau­er Beson­der­heit. Es ist eine natür­li­che Gla­sur aus Lehm der in der Gegend abge­baut wird. Die schö­nen Mus­ter und Male­rei­en ver­schwin­den kom­plett unter einer wei­sen Schicht. Wir haben schon gedacht, dass es sich um „ver­mal­te“ Exem­pla­re han­delt, die noch­mal in die Male­rei kom­men.

Nein – alles gut — nach dem zwei­ten Bren­nen, dies­mal über ZWÖLF STUNDEN!!!! — bei 1250 Grad, wird die Gla­sur trans­pa­rent und glas­hart. Das Geschirr ist danach sehr stra­pa­zier­fä­hig und sogar Spül­ma­schi­nen geeig­net. Die­ser Brenn­vor­gang, frü­her in Elek­tro­öfen, heu­te in Gas­öf­fen —  von den drei betrie­ben wer­den, sorgt für die Lang­le­big­keit der klei­nen Kunst­wer­ke.

Wir haben den kom­plet­ten Her­stel­lungs­pro­zess gese­hen, konn­ten alles genau in Augen­schein neh­men, alles anfas­sen und bei der deutsch­spra­chi­gen Füh­rung der net­ten Ange­stell­ten Löcher in Bauch fra­gen. Ganz genau genom­men, war die Füh­rung zwei­spra­chig. Es war Mon­tag, wir waren eine klei­ne 10 „Mann“ Grup­pe. Eul­chen und Jungrä­bin waren die ein­zi­gen „sprach­min­der­be­mit­tel­ten“. Außer dem Raben war noch ein „Hybrid“ dabei – und der Rest waren Polen.  Unse­re Füh­re­rin gab sich den­noch dol­le Mühe den Thü­rin­ger Madels alles auf Deutsch zu erklä­ren.

Eine schö­ne Idee, das “leben­de Muse­um” wie die Füh­rung heißt. Wir waren begeis­tert. Von Anfang an bis zur Fer­tig­stel­lung wird hier jedes Gefäß hand­ge­macht. Die Pro­duk­te unter­schei­den sich von den in einer Fabrik seri­en­mä­ßig her­ge­stell­ten Erzeug­nis­sen nicht nur im The­ma der Tech­no­lo­gie und des Designs; sie haben mehr als ein gewis­ses Etwas. Es ist eine nicht greif­ba­re Prä­gung der Mühe, die sich die Schöp­fer geben, wel­che mit einer äußerst gro­ßen Sorg­falt den kera­mi­schen Erzeug­nis­sen Gestalt, Form und ein effekt­vol­les Bild ver­lei­hen.

Ist die Gebrauchs­ke­ra­mik mit Kunst gleich­zu­set­zen? Hand­ge­macht, nach ein­ma­li­gen Mus­tern ihrer Urhe­ber ver­ziert wird sie zur Kunst, was sie den Urge­wal­ten zu ver­dan­ken hat: Erde, Wind, Was­ser, Feu­er, und auch dem fünf­ten Ele­ment: dem mensch­li­chen Stre­ben nach der Schön­heit in der Umge­bung. Das leben­di­ge Muse­um in der Fabrik der Stein­zeug­ge­fä­ße „Manu­fak­tu­ra“ in der ul. Gdans­ka in Bunz­lau kön­nen wir allen wärms­tens emp­feh­len.

Die Eulen­tät war sogar so Begeis­tert, dass wir jetzt um zwei gro­ße Tee­tas­sen und eine But­ter­do­se rei­cher sind – jaaaa, dem Raben gefal­len sie auch;))) Das Ange­bot im Werks­ver­kauf ist über­wäl­ti­gend. Dazu kom­men die, man muss es echt so sagen, lach­haf­ten Prei­se. In Deut­schen Geschäf­ten zählt man den sel­ben Betrag in Euro den man in Bole­s­la­wi­ec in Zlo­ty zahlt. Der Wech­sel­kurs steht bei 1:4 — nur soviel dazu;)

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