Seit Jah­ren zu Indi­vi­dua­lis­ten mutiert unter­neh­men wir nur höchst­sel­ten eine Städ­te­rei­se. Men­schen­an­samm­lun­gen sind uns ein­fach suspekt. Ab und an gön­nen wir uns eine Aus­nah­me – meist zu Weih­nachts­zeit. So fiel dies­mal die Wahl auf Bres­lau. Der „Jar­mark bozo­na­r­od­ze­nio­wy“ (Weih­nachts­jar­markt) soll der schöns­te in Polen sein. Unse­re schle­si­schen Urwur­zeln befeu­er­ten die Idee und Eul­chens Shop­ping-Lust besie­gel­te die Ent­schei­dung. Wie nicht anders zu erwar­ten gehen wir den Trip etwas anders an als es die übli­chen Blog­wri­ter tun.

Bres­lau liegt an der Oder und zwi­schen vier wei­te­ren ihrer Zuflüs­se auf ins­ge­samt 12 Inseln die mit dem Fest­land über 100–300 Brü­cken ver­bun­den sind (Je nach der Zähl­wei­se zugrun­de geleg­ten Kri­te­ri­en. Wir ordern ein Zim­mer im Old Town Appar­te­ment. Ein luxu­riö­ser, moder­ner Kom­plex mit­ten im Her­zen der Alt­stadt – für ver­gleichs­wei­se erschwing­li­chen Taler. Bereits hier wer­den wir zum ers­ten mal über­rascht. Hoch­wer­ti­ge Mate­ria­li­en bis ins kleins­te Detail, mehr als voll­stän­di­ge Aus­stat­tung, groß­zü­gi­ge Räu­me (selbst das Bad), Pan­ora­ma­blick auf die impo­san­te, 1112 ein­ge­weih­te, goti­sche Adal­bert­kir­che und die fest­lich beleuch­te­te, gewal­ti­ge Gale­ria Domi­ni­kans­ka (Shop­ping Mall) und den Domi­ni­ka­ner Platz – wo selbst zu spä­ter Stun­de immer Betrieb ist.  Und den­noch schla­fen wir jede Nacht wie auf einer ein­sa­men Insel.  Ähn­li­che Appar­te­ment-Über­nach­tun­gen in Mün­chen und Ber­lin bescher­ten uns ziem­lich bil­li­ges Ambi­en­te weit ab des Zen­trums. Von den Kos­ten ganz zu schwei­gen. Ers­ter Plus­punkt für die Oder-Metro­po­le.

Gleich am Sams­tag star­ten wir zum Besuch des Weih­nachts­markts. Auch wenn es nur 500m dahin sind wird es ein sehr klei­ner Besuch ledig­lich eines der „Sei­ten­ar­me“  des Mark­tes. Unwäg­bar­kei­ten wie Buti­ken, Geschäf­te eine wei­te­re Shop­ping-Mall (davon gibt es in Bres­lau etli­che) und schließ­lich der klei­ne Hun­ger sor­gen für eine Plan­än­de­rung.

Shop­pen kann man in Polen präch­tig. Hun­der­te klei­ne und gro­ße Läden auf Schritt und Tritt – dazu für unser­eins immer noch attrak­ti­ve Prei­se, von den Schnäpp­chen ganz zu schwei­gen. Auch Essen ist in Polen ein Fest … mit einer Aus­nah­me. Der Sams­tag­nach­mit­tag bis frü­her Abend. Dazu muss man wis­sen, dass die Polen im Unter­schied zu den Deut­schen mehr­heit­lich zwi­schen 15–17 Uhr ihr Mit­tag zu sich neh­men und …. Wer was auf sich hält und es sich leis­ten kann (das kön­nen immer mehr) – führt sein Fami­lie am Sams­tag in die Gast­stät­te aus. So eine Art Sta­tus zei­gen.

Schaut der ger­ma­ni­sche Gas­tro­nom sei­ne Gäs­te zwi­schen 15–17 Uhr nicht mal mit dem A. an – kol­la­biert die gas­tro­no­mi­sche Infra­struk­tur in Polen (trotz drei bis fünf­fa­cher Anzahl der Loka­li­tä­ten) am Sams­tag fast regel­mä­ßig. In den ange­sag­tes­ten Eta­blis­se­ments geht ohne Reser­vie­rung Gar­nichts. Wenn zwei Engel auf Rei­sen sind gesche­hen aber manch­mal Wun­der. Hilf­reich ist auch unse­re gerin­ge Mann­schafts­stär­ke.  Wir ergat­tern einen Zwei­er­tisch im Masa­la – einem Indi­schen In-Lokal.

(Aus­nahms­wei­se nix von uns — son­dern ein Mar­ke­ting­vi­deo)

Hype, far­bi­ge Beleuch­tung, moder­ne Ein­rich­tung, bun­te Spei­se­kar­te und live coo­king mit drei ori­gi­nal indi­schen Köchen. Ein klei­nes Minus – die Kar­te gibt’s nur in pol­ni­scher Spra­che. Für uns kein Pro­blem😊 Nach dem raben­schen Über­set­zungs-Mara­thon tropft uns der Zahn nach 1000 ver­schie­de­nen Sachen. Geht wohl den meis­ten so – auf der Kar­te fin­den sich des­halb unter­schied­li­che Mix-Tel­ler – der umfangreis­te ist als­bald unser. Es wird eine Gau­men-Orgas­mus-Orgie. Vor­spei­sen, Cur­rys, Chi­cken, Sala­te, Soßen und natür­lich Reis – in einer Men­ge die wir trotz auf­op­fe­rungs­vol­len Ein­sat­zes nicht schaf­fen … und das will beim Raben was hei­ßen😊 Wir schaf­fen es gera­de so zurück in unser schi­ckes Appar­te­ment. Tag eins ist vor­bei – noch waren wir nicht auf dem berüch­tig­ten Weih­nachts­markt.

Der Sonntag 

begrüßt uns mit grau­em Him­mel. Hof­fent­lich bleibt es wenigs­tens regen­frei. Nach weni­gen Minu­ten Fuß­marsch errei­chen wir ein etwas indus­tri­ell anmu­ten­des, run­des Gebäu­de.

Dar­in ein­zig­ar­tig insze­niert ein monu­men­ta­les Rund­ge­mäl­de. 120 Meter breit, 15 Meter hoch, 1710 m² Flä­che. Pan­ora­ma Racla­wi­cka – Pan­ora­ma von Racla­wice heißt es und ist das ein­zi­ge sei­ner Art in Polen. Aber weder sei­ne Schön­heit noch die gigan­ti­schen Aus­ma­ße las­sen den Betrach­ter baff wer­den son­dern die Art der Prä­sen­ta­ti­on. Der Raum zwi­schen dem Zuschau­er und dem Bild wur­de kunst­voll und prä­zi­se genau mit Details aus dem Bild gestal­tet. An kei­ner ein­zi­gen Stel­le ist man sich auch nur annäh­rend sicher ob das gera­de Betrach­te­te – Deko oder Bild ist … und wir haben uns echt ange­strengt. Dage­gen ver­blasst die Dar­stel­lung des Bau­ern­kriegs­pan­ora­ma in Bad Fran­ken­hau­sen gewal­tig. Wenn die Polen schon was aus­stel­len oder zur Besich­ti­gung frei­ge­ben – dann hat das Pep, das muss man denen las­sen. (davon kön­nen wir Lie­der sin­gen und in den nächs­ten Tagen kom­men wei­te­re neue dazu).

Das Wet­ter will nicht bes­ser wer­den. Wir schlen­dern ent­lang der Oder in Rich­tung der Schlös­ser­brü­cke und kom­men an zwei Boots­an­le­gern vor­bei.

Ein Schaufelrad-Dampfer für 100 Zloty

Das größ­te Bin­nen­pas­sa­gier­schiff Polens – die Wra­tis­la­via fährt heut nicht obwohl Sonn­tag ist – shit Wet­ter eben. Am alten Hin­ter­schau­fel-Pas­sa­gier­damp­fer Wik­to­ria, weni­ge Meter wei­ter auf der Insel Pia­sek, steht ein Mann. Wir kom­men ins Gespräch. Noch ist der Kahn leer aber wenn wir fünf Kar­ten kau­fen gehört der Pott uns

… für etwa eine Stun­de. Der Deal steht – für umge­rech­net 25 Euro­nen mie­ten wir einen Rad­damp­fer samt Besat­zung. Abfahrt in 15 Minu­ten. Klei­ner Wer­muts­trop­fen – an Board gibt es kei­ne war­men Geträn­ke. Etwas aus­ge­kühlt holen wir uns, im nah gele­ge­nen Cafe, köst­lich hei­ßen Espres­so. Als wir wie­der­kom­men haben doch noch zwei Öster­rei­cher und drei Eng­län­der ein­ge­schifft. Der Deal ist hin­fäl­lig — Für nor­ma­les Ticket schip­pern wir also die Oder ent­lang nach Osten, Rich­tung ZOO. Vom Schiff aus bekommt am bes­ten mit wie groß, weit­läu­fig, grün und beson­ders Bres­lau ist. In die­ser, auf plat­tem Land gele­ge­nen Stadt gibt’s sogar eine rich­ti­ge Gon­del­bahn. Polin­ka, so heißt sie, hat eine Län­ge von 380 Metern und ver­bin­det zwei Stand­or­te der Uni­ver­si­tät mit­ein­an­der. Sie lie­gen an unter­schied­li­chen Ufern der Oder. Ver­rückt die Bres­lau­er.

Das Wet­ter wird immer besch…eidener. Nach der Damp­fer­tour geht’s auf die s.g. Gro­ße Insel. Paläs­te, Kir­chen und Kathe­dra­len las­sen wir links lie­gen. Der klei­ne Hun­ger klopft an. In freu­di­ger Erwar­tung …. unse­res nächst­jäh­ri­gen Urlaubs, heu­ern wir im U Gru­zi­na“ an – einem geor­gi­schen Imbiss. Wir ordern ein Chat­cha­pu­ri mit Fleisch­fül­lung. Ein Blick auf die Nach­bar­ti­sche sagt uns – eine Por­ti­on reicht locker für uns bei­de. Dazu rus­si­schen Chai und der klei­ne Hun­ger hat sich in Luft auf­ge­löst. Schon läs­tig wenn einem der Magen knurrt. Außer­dem, wenn der Zucker­spie­gel der Eulen­kö­ni­gin abfällt wird es für Per­so­nen in ihrer Umge­bung gefähr­lich.

Näs­se und Käl­te trei­ben uns auf dem Rück­weg in das Natio­nal­mu­se­um – oder ist es die Suche nach einer Toi­let­te? Mit den Ein­tritts­kar­ten des Pan­ora­ma-Gemäl­des kann man drei wei­te­re Objek­te Besu­chen. Was solls, zum auf­wär­men tau­chen wir ins Natio­nal­mu­se­um ein. Gleich im Unter­ge­schoss dür­fen wir den größ­ten Stolz des Hau­ses bestau­nen. Der Gold­schatz von Neu­markt – Skarb średzki – stammt aus dem 14. Jahr­hun­dert und besteht aus fast 8000 Sil­ber­mün­zen, einer Gold­kro­ne für eine Frau und wei­te­rem Goldschmuck.Er wur­de 1985 und 1988 beim Abriss alter Häu­ser in der klei­nen schle­si­schen Ort­schaft Srod­za (Neu­markt) lus­ti­ger­wei­se vom glei­chen Bag­ger­fah­rer, qua­si aus­ge­bud­delt. Der Schatz gehör­te wahr­schein­lich dem Kai­ser Karl IV der sie an einen jüdi­schen Kauf­mann ver­pfän­de­te um sei­ne Krö­nungs­fei­er zu finan­zie­ren. Wegen der Pest flo­hen aber alle aus dem Ort, der Kauf­mann ver­bud­del­te den Schatz unter sei­nem Haus.  Etwa 630 Jah­re spä­ter sitzt Rys­zard Widur­ski in sei­nem Bag­ger und trifft mit sei­ner Schau­fel, im Abstand von 3 Jah­ren, zwei­mal vor­treff­lich genau dahin wo der Jude einst die nach heu­ti­ger Schät­zung, über 60 Mil­lio­nen Euro ver­gra­ben hat. Ham­mer … äh … bes­ser Schau­fel­hart. Und wie­der prä­sen­tie­ren die Polen den Schatz per­fekt. Er ist zum Grei­fen nah – man steht kei­ne 20 cm vor ihm. Treff­lich aus­ge­leuch­tet, von allen Sei­ten bes­tens sicht­bar, kei­ne Auf­sicht die einen arg­wöh­nisch beob­ach­tet … man ist allein mit dem Schatz (ok hin­ter Glas) und kann sich alle Zeit der Welt fürs Betrach­ten las­sen.

Auch die ande­ren Aus­stel­lun­gen fas­zi­nie­ren uns. Vom Mit­tel­al­ter bis in die heu­ti­ge Zeit betrach­ten wir Gemäl­de, Skulp­tu­ren und Arte­fak­te als wür­den wir durch das Haus eines Freun­des gehen. Gemäl­de von Jan Mate­j­ko (der berühm­tes­te pol­ni­sche Maler) hän­gen hier genau­so wie Arbei­ten von Aschen­bach, Feu­er­bach und Kan­din­sky. An jedes Gemäl­de kann man bis auf einen Zen­ti­me­ter her­an, es von allen Sei­ten bestau­nen, es genie­ßen – kei­ne Kor­deln zum wah­ren des Abstands, das Per­so­nal freut sich wenn es paar Tipps geben oder eine Anek­do­te erzäh­len kann. Wir, sonst kei­ne beson­de­ren Kunst­lieb­ha­ber, sind ver­zau­bert.

In der Par­terre genie­ßen wir noch eine Limo mit dem Blick auf Polo­nia, das rie­si­ge Gemäl­de von Jan Sty­ka, dem sel­ben Maler der das Pan­ora­ma von Racla­wice gemalt hat.

Beseelt, ent­leert und gewärmt ver­las­sen wir das Natio­nal­mu­se­um. Im Appar­te­ment wird eine klei­ne Sies­ta abge­hal­ten und schon müs­sen wir zum Ter­min eilen. Dies­mal sind wir schlau­er und das obwohl es gar nicht nötig ist. Ein Tisch im roman­ti­schen Sarah in der Wlod­ko­wi­ca Stra­ße, am Ran­de der Alt­stadt ist ab 17 Uhr für uns reser­viert. Das Sarah teilt sich den gewal­ti­gen Innen­hof, bes­ser Platz, mit der schick restau­rier­ten Syn­ago­ge zum Wei­ßen Storch und ist ein ….. rich­tig … ein jid­di­sches Restau­rant. Wir lie­ben jid­di­sches Essen. Die Spei­sen sind so man­nig­fal­tig und außer­ge­wöhn­lich gewürzt. Halb ori­en­ta­lisch halb ost­eu­ro­pä­isch – den­noch irgend­wie ver­traut und auf jeden Fall aus­ge­fal­len kom­bi­niert. Als Vor­spei­se muss es bei uns immer Humus sein. Dies­mal kön­nen wir nicht ent­schei­den ob der im Sarah oder der im Masa­la bes­ser war. Rin­der­bäck­chen so zart wie ein Kin­der­po­po mit Möh­ren­mousse und  Rinds­gu­lasch nach der Art der Brü­der Barasch – mit einer Kugel geba­cke­nem Kar­tof­fel­brei und roter Bete. Die Gebrü­der Barasch betrie­ben vor dem Krieg ein Kauf­haus in Bres­lau, das heu­ti­ge Feniks. In die­sem Kauf­haus befand sich, im drit­ten Stock, ein Restau­rant mit täg­lich wech­seln­der Mit­tags­spei­se. Am Mon­tag gabs Rind😊 .  Das Sarah ver­sprüht im Ker­zen­schein sei­nen vol­len Zau­ber. Lei­se Musik, die höf­li­che Bedie­nung, der jun­ge, moder­ne, welt­män­ni­sche Chef de Rang oder gar der Besit­zer sor­gen für ein traum­haf­tes Erleb­nis. Wie­der schlie­ßen wir den Tag mit einer kuli­na­ri­schen Fern­rei­se die per­fek­ter nicht sein konn­te. Noch lan­ge schau­en wir durch das Pan­ora­ma­fens­ter auf das pul­sie­ren­de Leben auf dem Domi­ni­ka­ner­platz und las­sen das Erleb­te Revue pas­sie­ren … bis das Sand­männ­chen uns abholt. Apro­pos, wie ihr schon merkt – mit dem Weih­nachts­markt wur­de es wie­der nichts.

Es ist Mon­tag. Paar Son­nen­strah­len täu­schen einen net­ten Sight­see­ing-Day-Anfang vor. Wir fal­len drauf rein und gleich­zei­tig aus dem Bett. Es gibt noch soviel zu sehen in die­ser leb­haf­ten Stadt. Dies­mal wol­len wir das Früh­stück nicht dem Zufall über­las­sen und kom­bi­nie­ren es mit dem ers­ten Pro­gramm­punkt. Die alte Markt­hal­le – Hala tar­go­wa ist eine Insti­tu­ti­on in Bres­lau und gleich­zei­tig eine Sehens­wür­dig­keit – ähn­lich einem ori­en­ta­li­schen Basar.

In dem von außen neu­go­tisch erschei­nen­den Kom­plex von 1907 gibt es unzäh­li­ge Stän­de mit Fleisch, Geflü­gel, Obs, Gemü­se, Fisch, Süßig­kei­ten aller Cou­leur, Gewür­zen, Blu­men sowie eini­ge Hand­werks­stän­de vor­ran­gig auf der Gale­rie ober­halb der Hal­le. Am Imbis­stand besor­gen wir uns „Früh­stück“. Es wird ein Mega-XXL-Schnit­zel (für umge­rech­net 2,40€) mit Roh­kost satt – gibt’s zu jedem Haupt­gang umsonst – so viel man will. Eulen­kö­ni­gin ver­lei­ert etwas die Augen – mampft aber ein hal­bes Schwein weg wie nichts. Nur um es klar zu stel­len – es ist rich­ti­ges Schnit­zel­fleich – kein Form­fleisch, wie in manch deut­schem Restau­rant für das sechs­fa­che Geld. Und die pol­ni­schen Sala­te sind eh an Geschmack und Fri­sche nicht zu über­tref­fen. Geplät­tet und gesät­tigt ver­las­sen wir die Hal­le und beschlie­ßen unse­ren Wochen­ein­kauf, kurz vor der Abfahrt hier zu erle­di­gen.

Bunte Höfe in Nadodrze

Des Wet­ters wegen sind wir heu­te mit dem Auto unter­wegs – kön­nen also auch wei­te­re Stre­cken zurück­le­gen. Der Rabe hat in einem bres­lau­er Blog einen Geheim­tipp ent­deckt. Es geht ins Nado­drze – ein Stadt­teil nörd­lich der Innen­stadt. Irgend­wo haben wir gele­sen „wer Nado­drze nicht gese­hen hat, kennt Bres­lau nicht“ und so ist es. Die Bebau­ung besteht aus präch­ti­gen Stadt­häu­sern und Vil­len den man von wei­tem ansieht, dass sie schon bes­se­re Zei­ten erlebt haben aber dem Charme des Gan­zen kann man sich irgend­wie nicht ent­zie­hen. Der Krieg hat hier kaum Scha­den ange­rich­tet und die Kom­mu­nis­ten haben kaum etwas an den Häu­sern gemacht. Aber es tut sich was. Nach dem Krieg kam man her wegen der Ein­käu­fe, der Hand­wer­ker wegen Ver­gnü­gen und Spaß. Irgend­wann dann hieß es in Bres­lau dann nur noch „das Bes­te was du in Nado­drze bekommst ist eine auf die Fres­se“. Es sind ein­fa­che Men­schen die hier leben aber sie fül­len die­sen Stadt­teil mit einer ganz spe­zi­el­len Atmo­sphä­re aus. Und die klei­nen Innen­hof-Hand­werks­be­trie­be, klei­ne Tan­te-Ema-Läden, leib­haf­ti­ge Nach­kriegs­bä­cker, Flei­scher, gibt es noch heu­te. Einen Kaf­fee bekommt man in jedem Hin­ter­hof, aus irgend­ei­ner Tür ser­viert. Natür­lich nicht wenns kalt und nass ist – unser Pech.

Apro­pos Hin­ter­hö­fe – genau des­halb sind wir hier. Street-Art-Künst­ler haben vor eini­gen Jah­ren zusam­men mit den Bewoh­nern begon­nen ihre schmud­de­li­gen Hin­ter­hö­fe zu gestal­len. Was wir in der ul.Roosvelta zu sehen bekom­men haut uns um. In Wor­te lässt es sich kaum fas­sen. Wir strei­fen im leich­ten Nie­sel zuerst durch den west­lich gele­ge­nen Hof. Ein Kin­der­gar­ten ist hier, über den Zaun ein Kar­me­li­ten­klos­ter, ein Sank­tua­ri­um, die Uni hat ein Insti­tut hier .. es sieht biss­chen aus wie in der Bronx .. und dann ….

Bil­der, bes­ser klei­ne und gro­ße Kunst­wer­ke sagen mehr als 1000 Wor­te.

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mich kann man auch live fotografieren“

Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te geht’s wei­ter. Ein Kul­tur­zen­trum, eine Pfand­lei­he, eine Grund­schu­le, Geschäf­te von Des­sous über Com­pu­ter, Braut­klei­der, Lebens­mit­tel … usw. Wir foto­gra­fie­ren begeis­tert die unbe­schreib­li­chen Moti­ve. Fast alle Bewoh­ner haben sich in irgend­ei­ner Form hier ver­ewigt und sind stolz dar­auf, jeder hat etwas bei­gesteu­ert. Ton, Kera­mik, Tex­te, Papp­ma­schè … alles wur­de auf und in die Wän­de ein­ge­ar­bei­tet. Im Knips-Wahn über­se­hen wir fast Pani Kazia (Kazi­mie­ra). Der Rabe foto­gra­fiert eine Wand mit einer Frau und einer Kat­ze dar­auf als plötz­lich von hin­ten eine Stim­me ruft „mich kann man auch live foto­gra­fie­ren“. Als wir uns umdre­hen lächelt uns unser Wand­mo­tiv an – ok, ohne Kat­ze😊 Auch sie ist stolz auf ihr Vier­tel. Plötz­lich ist es hip hier zu leben – wo man sich frü­her geschämt hat. Es kom­men Men­schen her um es zu sehen. Niveau­vol­le Men­schen, auch aus dem Aus­land. Sogar paar Schwar­ze hat sie gese­hen, sagt sie uns. (Ist in Polen nicht selbst­ver­ständ­lich😊) Sie freut sich über ein Gespräch .. und wir erst.

Wir dach­ten hier in 20–30 Minu­ten weg zu sein um das Nächs­te zu besu­chen, nun sind es fast zwei Stun­den.

Der Skytower

Der Regen wird stär­ker. Wir ver­ab­schie­den uns von Frau Kazia und zie­hen wei­ter. Bres­lau ist zwar die viert­größ­te Stadt Polens (sechst­größ­te pol­ni­sche Stadt welt­weit nach: War­schau, Chi­ca­go, NY, Kra­kau und Lodz) aber einen Wol­ken­krat­zer hat Bres­lau erst seit sechs Jah­ren. Der Sky­to­wer ist das höchs­te Gebäu­de Polens und auf Platz 20 in Euro­pa … hej, wir wol­len da rauf. In der 49. Eta­ge gibt’s einen Aus­sichts­punkt Der Fahr­stuhl samt „Chauf­feur“ ist in etwa 50 Sekun­den oben. Wahn­sinns Pan­ora­ma (schon wie­der😊) eröff­net sich vor uns. Bei gutem Wet­ter kann man sogar die Schnee­kop­pe (1602m) sehen und die ist Luft­li­nie 98 Kilo­me­ter ent­fernt. Heu­te lei­der nicht. Immer noch nass und .. nass. Wenigs­tens nicht mehr kalt.

Weihnachtsmarkt

Ihr merkt schon, wir sind immer noch nicht auf dem Weih­nachts­markt gewe­sen. Zuerst noch Shop­ping was sonst. Shop­ping in der Gale­ria im Sky­to­wer, Shop­ping in der Are­na-Mall und Shop­ping in der Zielins­kie­go Pas­sa­ge, noch ein Schlüs­sel nach­ma­chen las­sen und die nächs­ten drei Stun­den sind weg wie nichts. Lang­sam kommt der klei­ne Quäl­geist wie­der … Huuuuuun­ger. Es ist bereits dun­kel, der Weih­nachts­markt leuch­tet aus der Fer­ne. Es fällt auf wie geräu­mig es hier ist. Viel Platz zwi­schen den Buden. Kei­ne Pol­ler, kei­ne Beton­klöt­zer, kei­ne Poli­zei­hun­dert­schaf­ten, viel­leicht eine Strei­fe. Es erklingt Musik, schö­ne, seich­te Pop­mu­sik – kei­ne schwe­ren Weih­nachts­lie­der. Alle sind aus­ge­las­sen, Ver­käu­fer haben gute Lau­ne, machen Späß­chen mit. Auf­fäl­lig auch, dass viel weni­ger Essens­stän­de und Glüh­wein­bu­den da sind. Wahr­schein­lich geht es in Polen bei einem Weih­nachts­markt um was ande­res.

Mehr­mals am Tag tre­ten Solis­ten, Zau­be­rer, Chö­re, Pan­to­mi­me und ande­re Künst­ler auf. Der Weih­nachts­markt erstreckt sich über meh­re­re Plät­ze, Stra­ßen und rund um das präch­ti­ge Rat­haus – er ist schon impo­sant. Aber zuerst wird was gemampft. Gegrill­tes für den Raben, Bak­la­va mit Humus, Fleisch und Grill­ge­mü­se für das Eul­chen … lecker.

Als es Zeit für einen Glüh­wein wird ent­de­cken wir das Hard Rock Cafe. Tja, da hat der Weih­nachts­markt wie­der Pech. Abschluss-Shop­ping (3 Shirts) ein Guin­nes und ein Sex on the Beach krö­nen den Bres­lau­be­such. Eine tol­le Stadt. Wir kom­men wie­der. Natür­lich gabs noch eine Glüh­wein im Niko­laus-Haus (auf dem Plac Sol­ny), ganz oben, im zwei­ten Stock. Mit traum­haf­ter Aus­sicht auf die vie­len Blu­men­stän­de ( … man haben die Geste­cke, Wahn­sinn) und den Bun­ten Baum auf dem Rat­haus­platz. Nun haben wir doch unse­ren ers­ten Weih­nachts­markt in die­sem Jahr besucht … und was für einen roman­ti­schen. Pan­ora­ma­fens­ter­gu­cken auf den Domi­ni­ka­ner­platz ist zum Ein­schlafri­tu­al gewor­den. Good Night.

Last Day — Dienstag

Heut müs­sen wir schon wie­der weg. Schaaaaaaaaaa­de. Ein biss­chen Zeit bleibt noch und in die­ser ent­de­cken wir … das Was­ser. Zuerst aber wird ein­ge­kauft. Leu­te, ehr­lich – soviel Spaß hat das Lebens­mit­tel-Ein­kau­fen lan­ge nicht mehr gemacht. Das fri­sches­te Fleisch, schle­si­sche Würs­te, pol­ni­sche Weiß­würs­te für Weih­nach­ten, Boc­zek (10ck Dicke-Rip­pe), Gemü­ße, But­ter, Süßig­kei­ten, Gewür­ze uvm. aber vor allem die net­ten Gesprä­che mit den Stand­frau­en mache das Bio-Shop­ping zum High­light. Und das Gan­ze für ‘n schma­len Taler. Klei­nes war­mes Früh­stück schie­ben wir in erwar­tung von 5h im Auto auch noch ein. Eul­chen Hack­bäll­chen mit Pilz­so­ße (reich­lich) für 1,50€, der Rabe wie­der Fleisch – rie­sen Hähn­chen­rou­la­de  mit Spi­nat und Gor­gon­zo­la gefüllt (3€) – dazu Roh­kost satt zur frei­en Wahl. Wie geht das .. und es schmeckt auch noch wie bei Mut­tern zu Hau­se.

Hydropolis

Von der Markt­hal­le sind es genau zwei Kilo­me­ter, ent­lang der Oder, Rich­tung Osten zum letz­ten Punkt unse­res Inter­es­ses. Ein alter, mäch­ti­ger, still­ge­leg­ter städ­ti­scher Was­ser­spei­cher wur­de zur einer phä­no­me­na­len Aus­stel­lung über Was­ser umfunk­tio­niert. Auf 4000 m² (Fuss­ball­feld) wird in die­sem Tank auf wun­der­schö­ne, fast zau­ber­haf­te Art und Wei­se alles Inter­es­san­te über das The­ma Was­ser, Unter­was­ser, Tief­see, Ozea­ne, Schif­fe: gesun­ke­ne, Grö­ßen­ver­glei­che, Tier­welt, uvm. wahn­sin­nig anschau­lich dar­ge­bo­ten. Wie­der kön­nen wir nur stau­nen wie die Polen sowas ange­hen. Ähn­li­che Aus­stel­lun­gen in D wir­ken dage­gen ange­staubt und tro­cken. Hier wird mit Licht, Visua­li­sie­run­gen, Ani­ma­tio­nen, Mul­ti­me­dia, Inter­ak­ti­on, Com­pu­ter­ef­fek­ten gear­bei­tet – man fühlt sich wie auf der Brü­cke der Enter­preis.

Kann Schal­ter dre­hen, Knöp­fe drü­cken, in die Zen­tra­le der Tri­es­te ein­stei­gen (Die Tri­es­te war ein von Augus­te Pic­card kon­stru­ier­ter Bathy­s­caph, ein U-Boot, das spe­zi­ell für die Tief­see­for­schung gebaut wur­de.), auch dort alles berüh­ren, ori­gi­nal Kame­ra­auf­nah­men sehen sowie ori­gi­nal Funk hören als wäre man per­sön­lich grad 11 000 Meter unter dem Mee­res­spie­gel, im in tie­fen des Maria­nen­gra­bens.  Es ist nicht über­trie­ben, dass es Euro­pa­weit ein­zig­ar­ti­ge Aus­stel­lung ist. Wir sind gren­zen­los begeis­tert – wenn die Polen was machen, dann machen sie es rich­tig. Wenn es inter­es­siert hier gibt’s mehr Infos. https://hydropolis.pl/de/

Das wars auch schon – bye, bye schö­nes Bres­lau. Rich­ti­ger­wei­se Wro­claw – bis bald. Es gibt noch so viel zu ent­de­cken.

P.S. Nur am Ran­de sol­len die Kras­na­le erwähnt wer­den. Zwer­ge die im gesam­ten Stadt­ge­biet ver­teilt sind. Es gibt mitt­ler­wei­le 239 von ihnen und kei­ne zwei glei­chen. Einer schwimmt sogar auf unse­rem Damp­fer Wik­to­ria mit (haben wir erst danach gele­sen). Put­zig und wit­zig sind die klei­nen Kerl­chen und nicht mehr aus Stadt­bild weg­zu­den­ken. Gan­ze Stadt­tei­le sind nach ihnen benannt (Bis­ku­pin vom Bis­ku­pik, Sępol­no vom Sępik, Szc­ze­pin vom Szc­zepik, Oporów vom Opor­nik usw. …) 😊.
– hier eine Kar­te mit ihren Stand­or­ten — http://krasnale.pl/de/

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