Heute geht es nach Theth. 

Das Ört­chen, obwohl schwer zugäng­lich und tief in den Ber­gen gele­gen, hat Kult­sta­tus unter den Indi­vi­dualos.  Theth ist ein klei­nes 80 See­len Streu­dorf in den alba­ni­schen Alpen. Zu errei­chen von Mai bis Sep­tem­ber — ansons­ten von der Welt abge­schnit­ten. Noch 2006 warn­ten Ein­hei­mi­sche aus den Dör­fern vor den Ber­gen vor der Rei­se in die ent­le­ge­nen Berg­tä­ler. Raub war kei­ne Sel­ten­heit. Jedes Jahr wur­den auch eini­ge Tou­ris­ten ver­misst. Ganz abge­se­hen von dem fast unbe­fahr­ba­ren Weg in die­se Regi­on. Heu­te, 12 Jah­re spä­ter, ist die­ser Weg wei­test­ge­hend asphal­tiert. Tou­ris­ten strö­men in das Theth-Tal. Hikin­ger zu Fuß aus Valbo­na (12 Kilo­me­ter über einen anspruchs­vol­len Trail durch die s.g. ver­wun­sche­nen Ber­ge) oder mit Gelän­de­wa­gen aus Shkod­re. In Spit­zen­näch­ten schla­fen bis zu 500 Tou­ris in den etwa 25 Guest­houses des Tals. Wir haben Glück. Es ist Nach­sai­son. Nur wenig los. “Nur” die letz­ten rund 17 Kilo­me­ter sind Off­raod-König­reich. Die­ses Stück der berühm­ten Lan­des­stras­se SH21 gilt unter Off­raod-Fah­rern als legen­där.

Man muss schon Eier haben und völ­lig durch­ge­knallt sein um die­se Stre­cke mit einem Klein­wa­gen zu wagen. Der Rabe hat sich über Tage men­tal auf die­se Expe­di­ti­on vor­be­rei­tet. Gefühl­te Mil­lio­nen Fotos von Theth stu­diert und Vide­os der Stre­cke “ana­ly­siert”. Auch Erfah­rungs­be­rich­te muti­ger, voll­kas­ko-ver­si­cher­ter Polen und Eng­län­der gele­sen. Den Aus­schlag gaben Fotos des Ortes auf denen  der Rabe ein bis zwei unbe­schä­dig­te Klein­wa­gen mit Stra­ßen­be­rei­fung ein­deu­tig iden­ti­fi­ziert hat. Die müs­sen da irgend­wie run­ter gekom­men sein.

Jetzt nur Läs­sig­keit und chil­li­ge Ruhe aus­strah­len — sonst wit­tert die Eulen­kö­ni­gin kleins­te Rest­par­ti­kel von Respekt (vor dem Unter­fan­gen) im Wagen­in­ne­ren — und macht womög­lich dem Aben­teu­er ein Ende bevor es über­haupt begon­nen hat. Und … ober­wich­tig … Voll­tan­ken. Bevor alle zwei Kilo­me­ter neben einem der “Schatz, haben wir noch Sprit?”-Blues gesun­gen wird.

Bis zur Bar-Res­torant “Buni i bajrak­ta­rit” — Ist noch alles halb­wegs gut, auch wenn man da bereits 1–2 Kilo­me­ter Schot­ter fährt. Die Bar ist so male­risch gele­gen, dass man dort ein Bier ein­fach zap­fen MUSS. Der Blick der sich uns da eröff­net macht schwin­de­lig, benom­men. Die Gier nach mehr macht uns blind für alle Gefah­ren.

Road to hell

Ab da beginnt ein Höl­len­trip. Zeigt das Navi anfäng­lich etwa eine 3/4h bis Theth — wer­den es mit jedem gefah­re­nen Meter — Minu­te um Minu­te mehr. Nach etwa einer Stun­de haben wir gran­dio­se vier Kilo­me­ter zurück­ge­legt. 20 Minu­ten davon muss­ten wir war­ten weil ein PKW der sich die Ölwan­ne auf­ge­ris­sen hat, den Weg blo­ckier­te. Auf 99% der Stre­cke pas­sen kei­ne zwei Fahr­zeu­ge anein­an­der vor­bei. Ein alba­ni­scher Jeep hat den Hava­ris­ten zur nächs­ten brei­te­ren Stel­le gezo­gen und die Insas­sen, ein völ­lig auf­ge­lös­tes, jun­ges aus­län­di­sches Pär­chen Rich­tung Shko­dra mit­ge­nom­men. Hof­fent­lich haben sie Voll­kas­ko — der Miet­wa­gen ist hin.

End­lich kön­nen wir wei­ter. Der Rabe baut auf sei­ne jahr­zehn­te­lan­gen Fahr­küns­te. Eine hal­be Mil­li­on Kilo­me­ter zum Teil bei Matsch, Schnee und Eis im hei­mi­schen Mit­tel­ge­bir­ge. Das wird schon klap­pen. Es waren eini­ge Klein­wa­gen auf den Fotos aus Theth — was die konn­ten, das kann der Rabe mit links.

Ok — ganz mit Links ist es dann nicht.  Die Stre­cke besteht aus­schließ­lich aus unför­mi­gen Stei­nen und Fels­bro­cken. Schot­ter macht viel­leicht 10% der Stre­cke — auf­ge­teilt in 30 Meter lan­ge Abschnit­te. Die Eule anfangs noch auf­ge­regt gackernd — sieht nun ein, dass der Rabe am effek­tivs­ten und sichers­ten ohne stän­di­ges Geschrei nach unten kommt. Sie beschränkt sich auf’s Fest­hal­ten und Kur­ven­zäh­len. Übri­gens 175 Stück — gezählt wur­den kur­ven >45 Grad.

Der Rabe manö­vriert der­weil unse­ren Miet­wa­gen so zwi­schen nicht enden­den Bro­cken, dass nach Mög­lich­keit kei­ner von den grö­ße­ren unter dem Auto ist. Ein klei­ner PKW hat max. 15cm Luft unter dem Boden­blech. Der Weg ist über­sät von Fels­bro­cken die höher sind. Immer fährt ein Rad unse­res Gefährts lang­sam über einen Stein, um einen ande­ren unter sich vor­bei zu las­sen. Jedes Nach­fe­dern der Stoß­dämp­fer kann das Ende einer Rad­auf­hän­gung, der Stoß­stan­ge, der Ölwan­ne oder des Aus­puffs bedeu­ten. Jeder falsch ein­ge­schätz­te Stein oder Schlag­loch kann die Fahrt augen­blick­lich been­den. Jede Unauf­merk­sam­keit an einer der vie­len engen Kur­ven und Pas­sa­gen zwi­schen hun­der­te Meter tie­fen Abhän­gen und Fels­wän­den oder beim Aus­wei­chen vor dem hals­bre­che­risch fah­ren­den, hoch­ge­bock­ten Mini­bus­sen kann töd­lich enden. Weni­ge Tage vor uns ver­such­ten Hol­län­der mit einem Wohn­an­hän­ger den Trail zu pas­sie­ren. Einen Teil des Hän­gers sahen wir völ­lig demo­liert nah eines Abhangs, der Rest lag gut 50 Meter tie­fer. (Selbst fil­men war abso­lut nicht drin. Wir bemü­hen hier bei­spiel­haft You­tube-Vide­os von Kol­le­gen — man beach­te die don­nern in schi­cken 4x4 Fahr­zeu­gen über die Pis­te)

Nur zwei Mal nimmt der Rabe für 1–2 Sekun­den den Blick von der Schei­be um aufs Navi zu schau­en und genau in die­sen Momen­ten knallt es gegen unse­ren Unter­bo­den. Zum Glück ohne Kon­se­quen­zen. Nur gut, dass unse­re Maze­do­ni­sche Auto­ver­mie­tung nichts davon erfährt. Gegen 18Uhr beginnt es zu grau­en. Im Dun­keln wird es unmög­lich wer­den heil anzu­kom­men. Wie gut haben es da die loka­len Jeep-Len­ker. Die “hei­zen” die­se Pis­te mit 30–40 Km\h rauf und run­ter. Vie­le tref­fen wir aber nicht.

Die­se Stre­cke ist defi­ni­tiv nix für schwa­che Ner­ven. Stadt­flit­zer und uner­fah­re­ne Len­ker soll­ten es auch lie­ber sein las­sen. Für wenig Geld kann man sich ab Sko­dra fah­ren las­sen. Auch einen Gelän­de­wa­gen kann man für 10–15€ pro Tag in der Stadt mie­ten. Hät­ten wir es nur vor­her gewusst.

Auf den letz­ten 2–3 Kilo­me­tern müs­sen wir auch Bäche pas­sie­ren, einer ist hef­tig breit und tief. Es klappt — uff. End­lich Gebäu­de, noch über eine Brü­cke und wir hal­ten in Theth. Stolz erfüllt des Rabens Brust — geschafft, und das ohne Bles­su­ren. Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit 5Km\h — das schafft ein Fuß­gän­ger auch.

Aber noch sind wir nicht am Ziel. Ein Streu­dorf besteht nun mal aus meh­re­ren klei­nen Sied­lun­gen. So auch Theth. Erst ein Anruf in unse­rem Guest­house klärt — “nach der Brü­cke rechts und noch etwa ein Kilo­me­ter”. Ein Kilo­me­ter bedeu­te hier eine vier­tel Stun­de. Völ­lig durch­ge­schüt­telt, erschöpft und aus­ge­hun­gert par­ken wir unser Wun­der­au­to vor dem Haus der Fami­lie Rupa. Ein tra­di­tio­nel­les Stein­haus inmit­ten eines gro­ßen Gar­tens. Ein Nach­bar­haus ist nicht zu sehen. Idyl­lisch.

Wir kom­plet­tie­ren die inter­na­tio­na­le Beleg­schaft. Zwei Bel­gi­er, eine Aus­tra­li­sche Fami­lie und wir haben Zim­mer im Haus. Zwei Jungs aus Mün­chen und noch wei­te­re zwei sehr stil­le Gesel­len Zel­ten im Gar­ten.

Guest­house Rupa” ist ein wah­res Schmuck­stück, das Zim­mer­chen super. Es ist Abend­brot­zeit. Hier kocht die Oma per­sön­lich und zwar drau­ßen. Die Küche ist hin­ter dem Haus, immer­hin über­dacht aber es gibt nur eine Wand. Die Oma zau­bert ein Fünf- Gän­ge-Menü vom Feins­ten und das reich­lich. Boh­nen­sup­pe ist auch heu­te dabei und für den vegan-geschä­dig­ten Raben gibt’s sogar ein Stück Lamm­kott­let  extra.

Abends ler­nen wir Dan­ny und Tobi aus Mün­chen ken­nen. Obwohl, Dan­ny ist ein wasch­ech­ter Ossi, aus Thü­rin­gen — so klein ist die Welt. Die bei­den sind mit Ihren gelän­de­gän­gi­gen Klein­bus­sen durch den Bal­kan unter­wegs. Nach dem Abend­essen sin­nie­ren wir stun­den­lang am Lager­feu­er über Gott, die Welt, über alba­ni­schen Wein und den Raki und über den Ster­nen­him­mel.

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